Die besten Filme der 70er: New Hollywood, Blockbuster & Autorenkino im Überblick
Einführung: Warum die 70er das wichtigste Filmjahrzehnt sind
Wer nach den besten Filmen der 70er fragt, bekommt keine kurze Antwort. Dieses Jahrzehnt hat das Kino so grundlegend verändert wie kein anderes: The Godfather definierte den Gangsterfilm neu, Apocalypse Now verwandelte den Kriegsfilm in ein philosophisches Epos, Star Wars erfand das Blockbuster-Modell, und Taxi Driver bohrte sich in die Psyche einer ganzen Generation. Zwischen 1970 und 1979 entstanden mehr Meisterwerke, mehr radikale Genrefilme und mehr formal bahnbrechende Arbeiten als in jedem anderen Jahrzehnt der Filmgeschichte.
Die 1970er Jahre gelten als das Goldene Zeitalter des New Hollywood. Es war eine Umbruchzeit: Das alte Studiosystem brach zusammen, klassische Filmstudios als zentrale Produktionsorte verloren an Macht, junge Regisseure erhielten kreative Freiheit, und gleichzeitig entstand mit Filmen wie „Der weiße Hai“ und „Star Wars“ eine völlig neue Vermarktungslogik. In Europa und Asien trieben Autorenfilmer wie Tarkowski, Fassbinder und Brocka das Kino in andere, nicht minder aufwühlende Richtungen, deren Rezeption sich auch im Lexikon des internationalen Films als umfassendem Nachschlagewerk spiegelt.
Dieser Beitrag auf Filmlexikon liefert mehr als eine blosse Liste. Wir ordnen die wichtigsten Filme der Siebziger filmhistorisch ein, erklären zentrale Stilmittel und Fachbegriffe und zeigen, warum dieses Jahrzehnt für alle, die Kino verstehen wollen, unverzichtbar bleibt – und verweisen dabei immer wieder auf das umfassende Filmlexikon rund um alle filmischen Fachbegriffe.

New Hollywood und das Ende der alten Studio-Ära
Die Siebziger Jahre prägten das moderne Kino entscheidend – und der zentrale Motor dieses Wandels war das New Hollywood. Der Begriff beschreibt die Bewegung von Ende der 1960er bis etwa 1980, in der das amerikanische Kino inhaltlich und formal experimenteller wurde als je zuvor. Statt glattgebügelter Studioware entstanden Filme mit ambivalenten Charakteren, offenen Enden und schonungsloser Gesellschaftskritik.
Der entscheidende Auslöser: Der Hays-Code wurde während des New Hollywood abgeschafft und 1968 durch das MPAA-Ratingsystem ersetzt. Damit fielen Tabus, die das Hollywood-Kino jahrzehntelang eingeengt hatten. Plötzlich waren Sex, Gewalt und politisch brisante Themen auf der Leinwand möglich – von Vietnam über die Watergate Affäre bis zur Drogenkultur in den Großstädten.
Das New Hollywood-Kino gab Regisseuren mehr kreative Freiheit, und eine ganze Generation nutzte diesen Spielraum:
- Francis Ford Coppola schuf mit der Pate-Saga ein episches Familiendrama von operahafter Wucht.
- Martin Scorsese brachte die psychologische Intensität der Straßen New Yorks auf die Leinwand.
- Robert Altman drehte Ensemblefilme mit überlappenden Dialogen und improvisatorischer Energie.
- William Friedkins „French Connection“ (1971) und „Der Exorzist“ (1973) definierten Thriller und Horror neu.
- Hal Ashby erzählte in Filmen wie „Harold and Maude“ und „Shampoo“ von Außenseitern und gesellschaftlichen Brüchen.
Junge Regisseure erhielten in den 1970er Jahren mehr kreative Freiheit als in irgendeinem vorherigen Jahrzehnt. Das New Hollywood brachte realistischere und gesellschaftskritische Themen in Filme ein – und veränderte damit die Branche nachhaltig, lange bevor viele dieser Stoffe in einem ersten Treatment als vorläufiger Handlungsentwurf und später im Drehbuch ausformuliert wurden. Gleichzeitig entstanden in den 1970er Jahren die ersten Independentfilme, die sich ganz vom Studiosystem lösten und deren Prinzipien des Independent-Films mit kreativer Freiheit jenseits der Studios bis heute ein Gegengewicht zum Blockbuster-Kino bilden, während das Zentrum des Weltkinos weiterhin im mythenumwobenen Hollywood als Industrie- und Produktionsstandort lag, wo komplexe Filmproduktionen vom Dreh bis zur Verwertung organisiert wurden.
Begriffserklärung: Autorenkino – Filmkonzept, bei dem der Regisseur als Hauptautor eines Films gilt. Seine persönliche Vision und Stilistik stehen über Genre-Konventionen und Studiovorgaben. Mehr dazu im Filmlexikon unter Autorenkino.
Die Pate-Saga: Mafia-Epos und Familiendrama
Kein Film steht so exemplarisch für die besten Filme der 70er wie „Der Pate“ (Originaltitel: The Godfather, 1972). Francis Ford Coppola adaptierte Mario Puzos Roman über die Corleone-Familie und schuf damit etwas, das weit über den konventionellen Gangsterfilm hinausging: ein Epos über Macht, Loyalität und den amerikanischen Traum als Lüge.
Der Pate gewann drei Oscars im Jahr 1973 – für den besten Film, den besten Hauptdarsteller (Marlon Brando als Vito Corleone) und das beste adaptierte Drehbuch und wurde damit zu einem der einflussreichsten Film-Drama-Beispiele der 1970er Jahre. Al Pacino spielte Michael Corleone, den zunächst widerwilligen Sohn, der im Laufe des Films zum kaltblütigen Familienoberhaupt wird. Der Gangsterfilm war in den 70ern weltweit beliebt, doch kein anderer Film des Genres erreichte die erzählerische Dichte und emotionale Tiefe dieser Saga – ein Paradebeispiel für klassische Dramaturgie mit klarer Figurenentwicklung und Konfliktbögen.

Der Pate II: Die seltene bessere Fortsetzung
„Der Pate II“ (1974) gilt filmwissenschaftlich als eine der wenigen Fortsetzungen, die das Original übertreffen. Der Film arbeitet mit einer Parallelmontage zweier Zeitebenen: Auf der einen Seite erzählt er die Migrationsgeschichte des jungen Vito Corleone (Robert De Niro) von Sizilien nach New York, auf der anderen den moralischen Verfall von Michael Corleone am Lake Tahoe.
Filmische Mittel
- Lichtsetzung: Kameramann Gordon Willis wurde für seine radikale Low-Key-Beleuchtung bekannt – unterbelichtete Innenräume, Gesichter halb im Schatten, starke Hell-Dunkel-Kontraste, die wie moralische Kommentare funktionieren und zeigen, wie Führungslicht als zentrales Key-Light gezielt eine düstere Low-Key-Lichtstimmung mit starken Kontrasten erzeugt.
- Musik: Nino Rotas Score schwebt zwischen Melancholie und Bedrohung. Italienische Folklore, opernhafte Zitate und schwebende Streicher schaffen eine Klangwelt, die sofort wiedererkennbar ist.
- Lange Einstellungen als ununterbrochene Kameraaufnahmen: Coppola lässt Szenen atmen, gibt der Familie Raum – die berühmte Hochzeits-Sequenz als zusammenhängender Handlungsabschnitt zu Beginn dauert fast 30 Minuten und etabliert sämtliche Beziehungen und Machtverhältnisse.
Für Filmstudierende: Die Pate-Filme sind Standardbeispiele in Seminaren zu Drehbuch, Lichtgestaltung und Genreanalyse. Wer versteht, wie Willis mit Schatten arbeitet und wie Coppola Parallelmontage einsetzt, hat zentrale Prinzipien filmischen Erzählens begriffen.
„Apocalypse Now“ und der Vietnamfilm als Antikriegsepos
Apocalypse Now wurde 1979 veröffentlicht und ist bis heute eines der verstörendsten Werke der Filmgeschichte. Francis Ford Coppola verlagerte Joseph Conrads Novelle „Herz der Finsternis“ in den Vietnam-Krieg und schickte Captain Willard (Martin Sheen) auf eine Flussreise ins Innere des Wahnsinns – zu Colonel Kurtz, gespielt von Marlon Brando.
Apocalypse Now ist ein eindrucksvolles Antikriegsdrama, das weit über konventionelle Schlachtendarstellungen hinausgeht. Der Film funktioniert als Road Movie auf dem Wasser: Mit jeder Station flussaufwärts lösen sich Zivilisation und militärische Ordnung weiter auf. Die berühmte Helikopter-Angriffsszene mit Wagners „Ritt der Walküren“ ist gleichzeitig visuell überwältigend und zutiefst verstörend.

Produktionswahnsinn auf den Philippinen
Der Dreh auf den Philippinen wurde selbst zur Legende: Taifune zerstörten Sets, Martin Sheen erlitt einen Herzinfarkt, das Budget explodierte, und Coppola kämpfte monatelang mit der Frage, wie der Film enden sollte. Die Besatzung arbeitete unter extremen Bedingungen – ein Chaos, das sich im Film selbst spiegelt und später auch in der Ästhetik mancher Found-Footage-Produktionen mit scheinbar zufällig gefundenem Material nachhallt.
Drei Fassungen, drei Filme
| Fassung | Jahr | Laufzeit | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Kinofassung | 1979 | ~147 Min. | Cannes-Gewinn (Goldene Palme) |
| Redux | 2001 | ~196 Min. | Zusätzliche Szenen (French Plantation) |
| Final Cut | 2019 | ~183 Min. | Coppolas bevorzugte Version |
| Jede Fassung verschiebt Akzente. Der Redux fügt unter anderem die French-Plantation-Sequenz ein, die den kolonialen Kontext des Vietnam-Konflikts vertieft. Der Director’s Cut als bevorzugte Schnittfassung des Regisseurs des Final Cut von 2019 gilt als Coppolas definitive Vision, auch weil Bildschnitt und Sound Design als gestaltetes Klangkonzept hier erstmals genau so präsentiert werden, wie Coppola sie intendiert hat. |
Einbettung ins Genre
Der Film steht nicht allein: Michael Ciminos „Die durch die Hölle gehen“ (The Deer Hunter, 1978) erzählte die Auswirkungen von Vietnam auf eine Kleinstadt in Pennsylvania, und „Coming Home“ (1978) mit Jane Fonda thematisierte die Rückkehr verwundeter Soldaten. Doch keiner dieser Filme ging so weit in Surrealismus und existenzielle Dunkelheit wie Coppolas Epos.
Zentrale Stilmittel: Sounddesign als erzählerisches Werkzeug (Hubschrauberrotoren, Dschungelgeräusche, verzerrte Stimmen), eine dichte Akustik, die Atmosphäre und Wahrnehmung formt, surrealistische Bildmontagen, Voice-over-Erzählung durch Martin Sheen.
„Taxi Driver“: Großstadtparanoia und Antihelden
Taxi Driver kam 1976 in die Kinos und traf den Nerv einer erschütterten Nation. Martin Scorsese und Drehbuchautor Paul Schrader schufen mit Travis Bickle einen der verstörendsten Protagonisten der Filmgeschichte: einen einsamen Taxifahrer, der durch die nächtlichen Strassen New Yorks fährt und dessen Isolation sich in Gewaltfantasien entlädt.
Robert De Niro verkörpert Bickle als Menschen, der zwischen Selbstmitleid und Retterfantasien schwankt und damit eine der eindrücklichsten Filmfiguren mit ambivalenter Charakterzeichnung der Dekade schafft. Er will eine Prostituierte (Jodie Foster) aus dem Milieu befreien, plant ein Attentat auf einen Politiker und spricht mit seinem eigenen Spiegelbild – „You talkin‘ to me?“ wurde zum meistzitierten Monolog der Filmgeschichte.
New York als Hölle
Der Film zeigt das New York der Müllstreiks und Kriminalität: dampfende Kanaldeckel, Neonreklamen, Pornokinos am Times Square – eine bedrückende Szenerie als städtischer Handlungsraum. Die Stadt wird zum äußeren Spiegel von Bickles innerem Verfall. Kameramann Michael Chapman fängt die Strassen in gelblich-rotem Licht ein – ein toxischer, fieberhafter Look, der den Film visuell unverwechselbar macht und exemplarisch zeigt, wie sorgfältige Inszenierung von Raum, Licht und Kameraarbeit einen beklemmenden Filmraum als Spiegel psychischer Zustände sichtbar macht.
Filmische Mittel
- Subjektive Kamera: Wir sehen die Welt durch Bickles verzerrten Blick. Langsame Fahrten, Zeitlupen und Unschärfen trennen seinen Kopf von der Realität.
- Voice-over: Bickles Tagebucheinträge, monoton gesprochen, erzeugen einen Effekt beklemmender Nähe.
- Bernard Herrmanns Score: Der letzte Soundtrack des legendären Hitchcock-Komponisten – ein schwüles Saxophon-Thema, das zwischen Jazz und Albtraum pendelt und in der abermals verzerrten Tonspur als zentrales Trägermedium für Musik und Geräusche die innere Zerrissenheit der Figur akustisch verdichtet.
Warum Taxi Driver ein Standardbeispiel für Filmwissenschaften ist: Der Film vereint auf engstem Raum Techniken wie Voice-over-Erzählung, subjektive Kamera, Farbdramaturgie und ambivalente Figurenzeichnung. Nahezu jede Einführung in filmische Erzählmittel kommt an diesem Werk nicht vorbei.
„Star Wars“ und die Geburt des Blockbuster-Zeitalters
Wenn man die 70er als das Lieblingsjahrzehnt der Cineasten bezeichnet, muss man auch über den Film sprechen, der dieses Jahrzehnt beendete – jedenfalls im Geist. George Lucas‘ Star Wars (Episode IV, 1977) war der radikalste Gegenentwurf zum pessimistischen Autorenkino der frühen 70er: eine Heldenreise, ein Märchen im Weltraum, ein Film, der vor allem Spass machen wollte.
Star Wars definierte Science-Fiction im Mainstream neu. Luke Skywalker, Darth Vader, eine Prinzessin in Not und die Macht – Lucas griff auf Archetypen, König Artus-Legenden und Akira Kurosawas Samurai-Filme zurück und destillierte daraus eine Geschichte von schlagender Einfachheit und enormer emotionaler Kraft.
Zahlen, die alles veränderten
| Kategorie | Wert |
|---|---|
| Produktionsbudget | ca. $11 Mio. |
| Einspielergebnis USA | ca. $461 Mio. |
| Einspielergebnis weltweit | ca. $775 Mio. |
| Verkaufte Eintrittskarten weltweit | ca. 338 Millionen |
| Mitte der 1970er Jahre begann die Ära der Blockbuster. Der weiße Hai gilt als erster Blockbuster von 1975, doch Star Wars setzte neue Maßstäbe: nicht nur als Kinoerlebnis, sondern als Franchise – mit Merchandising, Fortsetzungen, Wiederaufführungen und einer Verwertungskette, die das Imperium des Blockbuster-Kinos bis heute definiert. Die Eroberung des Imperiums durch Rebellen auf der Leinwand spiegelte ironischerweise die Eroberung der Filmindustrie durch eine neue Geschäftslogik. |
Technische Revolution
George Lucas gründete Industrial Light & Magic (ILM), das die Spezialeffekt-Branche revolutionierte: Motion-Control-Kameras, Miniaturen, Matte Paintings und bahnbrechendes Sounddesign – der Brumm eines TIE Fighters, das Summen eines Lichtschwerts, all diese Effekte in Bild und Ton wurden zu Referenzpunkten moderner Special-Effects-Gestaltung im Blockbuster-Kino. All das entstand in einer Scheune in Los Angeles, wo in der Postproduktion eine präzise Bildmischung mit Schnitt, Effekten und Farbgestaltung die visuellen und akustischen Elemente zu einem stimmigen Ganzen verband.
Das Ende von New Hollywood?
Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ (1975) und Star Wars veränderten die Rechnung für die Studios. Plötzlich zählten Eröffnungswochenenden und Merchandise-Einnahmen mehr als Kritikerlob. Blockbuster wurden in den Siebziger Jahren zum Hollywood-Standard – und der Raum für riskante Autorenfilme schrumpfte. Die zweite Hälfte der 70er markiert den Übergang vom Regisseur-Kino zum Produzenten-Kino.
Steven Spielbergs Meistergriff bei „Der weiße Hai“ bestand darin, die Bedrohung durch den Hai von Amity Island lange unsichtbar zu halten – und Robert Shaw als Quint eine der denkwürdigsten Monologe der Filmgeschichte zu geben.

Science-Fiction-Revolution: „Alien“, „Solaris“ und „Welt am Draht“
Science-Fiction- und Paranoia-Thriller wurden in den 70ern populär – und zwar nicht als optimistische Zukunftsvisionen, sondern als düstere, philosophische Erkundungen. Das Genre wandelte sich von der Technikbegeisterung der 50er und 60er zu existenzieller Tiefe, wobei Impulse der französischen Nouvelle Vague mit ihrem rebellischen Autorenstil deutlich nachwirkten.
„Alien“ (1979)
Ridley Scotts „Alien“ (Originaltitel: Alien) war etwas völlig Neues: eine Mischung aus Horror und Science-Fiction, eingesperrt in die klaustrophobischen Gänge eines Frachtraumschiffs. Sigourney Weaver spielte Ripley – eine der ersten weiblichen Actionfiguren des modernen Kinos, die weder Opfer noch Dekoration war. Das Creature Design von H. R. Giger schuf eines der ikonischsten Monster der Filmgeschichte. Das verwendete Filmmaterial von analogen Zelluloid- bis zu modernen digitalen Formaten, die zugrunde liegende digitale Kameratechnik mit Sensoren und Objektiven und das Production Design – industriell, schmutzig, bedrückend – brach mit der sterilen Ästhetik früherer Sci-Fi-Filme und setzt auf eine konsequent düstere Lichtgestaltung zur Verstärkung der Bedrohungsatmosphäre.
„Solaris“ (1972)
Andrei Tarkowskis „Solaris“ war die europäische Antwort auf Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“. Statt technischer Faszination stehen Erinnerung, Schuld und die Frage, was den Menschen ausmacht, im Zentrum. Ein Psychologe wird zu einer Raumstation geschickt, die einen geheimnisvollen Ozeanplaneten umkreist – und begegnet dort einer Projektion seiner verstorbenen Frau. Tarkowski drehte einen Film über Menschlichkeit im Weltraum, nicht über den Weltraum selbst.
„Welt am Draht“ (1973)
Welt am Draht von Fassbinder erschien 1973 im Fernsehen – ein zweiteiliger TV-Film, der das Thema virtuelle Realität und Simulationstheorie Jahrzehnte vor „Matrix“ durchspielte. Ein Wissenschaftler entdeckt, dass seine Welt möglicherweise nur eine Computersimulation ist. Fassbinder inszeniert die Paranoia mit Spiegeln, Neonlicht und einer Ästhetik, die zwischen Bürowelt und Albtraum pendelt, die ohne spezifische Kamera- und Filmtechnik vom Objektiv bis zum Licht-Equipment sowie Kenntnisse aktueller digitale Kameratechnik und Zubehörlösungen kaum denkbar wäre.
Europäisches Autorenkino: Bresson, Antonioni & Co.
Während Hollywood zwischen Autorenkino und Blockbuster schwankte, verfolgte das europäische Kino einen eigenen Weg. Formale Strenge, philosophische Tiefe und eine Erzählweise, die dem Zuschauer Arbeit abverlangt, prägten die wichtigsten Werke – typische Merkmale des Autorenfilms als regiezentrierte Erzählform.
„Lancelot, Ritter der Königin“ (1974)
Robert Bressons Film dekonstruiert den Rittermythos um König Artus radikal: Keine epischen Schlachten, keine glänzenden Rüstungen, stattdessen Fragmente – Beine, Arme, Rüstungsteile. Die Körper der Ritter werden zerlegt wie das Ideal, das sie verkörpern sollen. Bresson zeigt den Beruf des Ritters als sinnentleertes Ritual.
„Beruf: Reporter“ (1975)
Michelangelo Antonionis Film mit Jack Nicholson erzählt von einem Reporter, der in Nordafrika die Identität eines Toten annimmt – und sich damit in ein Leben hineinbegibt, das nicht seines ist. Der Film endet mit einer legendären Plansequenz: Die Kamera gleitet in einer einzigen, siebenminütigen Einstellung durch ein Fenster hindurch auf einen Platz – eine der kühnsten Kamerabewegungen der Filmgeschichte.
Weitere europäische Schlüsselwerke der 70er
- „Der Spiegel“ (1975, Tarkowski) – autobiografisch, fragmentarisch, visuell überwältigend
- „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ (1972, Buñuel) – surreale Satire auf die Oberschicht
- „Cría cuervos“ (1976, Saura) – ein Kind blickt auf den Tod und die Vergangenheit Spaniens
Glossar: Mise-en-scène – Bezeichnet die Gesamtheit aller visuellen Elemente innerhalb eines Filmbildes: Schauspielführung, Ausstattung, Licht, Kostüme, Bildkomposition. Im europäischen Autorenkino der 70er war die Mise-en-scène oft wichtiger als der Dialog.
Neuer Deutscher Film: Herzog, Fassbinder, Wenders
Der Neue Deutsche Film begann in den 1970er Jahren und wurde zur wichtigsten Filmbewegung der deutschen Nachkriegsgeschichte. Gefördert durch staatliche Mittel und getrieben von dem Wunsch, mit der Unterhaltungsindustrie der „Papas Kino“-Ära zu brechen, schufen Regisseure wie Werner Herzog, Rainer Werner Fassbinder und Wim Wenders ein radikal persönliches Kino, dessen Ziele und wichtigsten Werke der Bewegung im Detail im Überblick zum Neuen Deutschen Film als filmhistorischer Strömung nachgezeichnet werden.
„Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972)
Aguirre, der Zorn Gottes wurde 1972 veröffentlicht und zeigt Werner Herzogs Besessenheit mit Extremsituationen in Reinform. Klaus Kinski spielt den spanischen Konquistador Aguirre, der auf einem Floß den Amazonas hinuntertreibt – auf der Suche nach El Dorado und dem eigenen Wahnsinn. Die Natur ist hier keine Kulisse, sondern eine feindliche Macht, die den Menschen verschlingt. Der Dreh im peruanischen Dschungel war selbst ein Akt des Wahnsinns, nicht zuletzt wegen des schwer zugänglichen Footage als ungeschnittenem Rohmaterial aus Extremsituationen.
Fassbinder: Fünf Filme, fünf Welten
Rainer Werner Fassbinder drehte fünf bedeutende Filme in den 70ern – und tatsächlich noch weit mehr, denn seine Produktivität war legendär. „Angst essen Seele auf“ (1974) erzählt von der Liebe zwischen einer älteren deutschen Frau und einem marokkanischen Gastarbeiter – eine zärtliche und zugleich schonungslose Studie über Rassismus und Einsamkeit. „Welt am Draht“ (1973) wurde bereits als Sci-Fi-Meilenstein erwähnt. Der Neue Deutsche Film brachte bedeutende Werke hervor, und Fassbinder war sein produktivster und vielseitigster Vertreter.
Die verlorene Ehre der Katharina Blum
Die verlorene Ehre der Katharina Blum ist eine wichtige Verfilmung (1975, Schlöndorff/von Trotta nach Heinrich Böll), die Medienkritik und Staatsgewalt am Beispiel einer jungen Frau verhandelt, deren Leben durch Boulevardjournalismus zerstört wird. Der Film traf den Nerv einer Bundesrepublik, die zwischen RAF-Angst und Bürgerrechtsdebatte zerrissen war.

Politisches und gesellschaftskritisches Kino
Die Filme der 1970er wurden durch politische Skandale und gesellschaftliche Themen geprägt. Vietnam, Watergate, die RAF in Deutschland, Diktaturen in Lateinamerika und Osteuropa – das Kino reagierte auf alle diese Erschütterungen. Filme der 1970er Jahre spiegelten die desillusionierte Stimmung nach Vietnam und Watergate wider, was sich in unzähligen Begriffen und Genres niederschlägt, die in einem eigenen Filmbegriffe-Lexikon mit Definitionen und Hintergründen nachgeschlagen werden können, das zentrale Bausteine wie die Szene als grundlegende Erzähleinheit im Film genauer erläutert.
„Strafpark – Punishment Park“ (1971)
Peter Watkins‘ „Punishment Park“ ist ein Mockumentary, das politische Gefangene in die kalifornische Wüste schickt, wo sie um ihr Leben laufen müssen. Der Film wirkt wie ein Dokument, ist aber vollständig inszeniert – eine frühe und radikale Form der Medienkritik, die heute aktueller wirkt als je zuvor.
„Das Ohr“ (1970)
„Das Ohr“ zeigt eine einzige Nacht im Leben eines tschechoslowakischen Parteifunktionärs und seiner Frau, die feststellen, dass ihr Haus verwanzt ist. Paranoia, Misstrauen und bittere Komödie verschmelzen zu einem Kammerspiel über den Überwachungsstaat. Das Ohr ist gleichzeitig ein Thriller und eine Studie über die Zerstörung von Vertrauen.
„Aus einem deutschen Leben“ (1977)
Theodor Kotullas Film porträtiert einen Auschwitz-Kommandanten als nüchternen Bürokraten – die „Banalität des Bösen“ in Hannah Arendts Sinne, filmisch umgesetzt. Der Schrecken liegt nicht in Explosionen, sondern in der Normalität, mit der ein Mensch das Unfassbare verwaltet.
Horror, Surrealismus und Mitternachtskino
Das Horrorkino erlebte in den 70ern einen Aufschwung, der das Genre dauerhaft veränderte, und bereitete zugleich den Boden für Mischformen wie die Horrorkomödie mit ihrem Spiel aus Angst und Humor. Filme wie „Der Exorzist“ (1973) und „Halloween“ (1978) definierten die moderne Horror-Ästhetik, während am Rand des Mainstreams surreale Albträume entstanden, die Kategorien sprengten – exemplarisch für die Möglichkeiten des Horrorfilms als eigenständiges Genre.
„Eraserhead“ (1977)
David Lynchs Debüt ist ein Schwarz-Weiß-Albtraum, der sich jeder konventionellen Zusammenfassung entzieht. Henry Spencer lebt in einer Industriebrache, hat ein Kind, das nicht menschlich aussieht, und wird von Bildern und Geräuschen heimgesucht, die zwischen Angst vor Elternschaft und kosmischem Entsetzen schwanken. Lynch arbeitete fünf Jahre an dem Film, oft nachts, und schuf eine Tonlandschaft, die unter die Haut geht: industrielle Dröhnung, Pfeifen, Maschinengeräusche.
Der Film wurde zum Inbegriff des Mitternachtskinos – jener Filme, die in Spätvorstellungen liefen und ein kultisches Publikum fanden.
Klassiker des 70er-Horrors
- „Der Exorzist“ (1973): Religiöser Horror, der Zuschauer in Ohnmacht fallen ließ
- „Halloween“ (1978): Geburt des Slasher-Films, Reduktion auf Angst und Suspense, oft in kontrastreichem Low-Key- oder High-Key-Look mit hell ausgeleuchteten, trügerisch harmlosen Räumen
- „Das Omen“ (1976): Paranoia und biblische Prophezeiung als Thriller
Begriffe: Surrealismus im Film bezeichnet den Einsatz traumhafter, irrationaler Bildlogik. Body Horror meint die Darstellung körperlicher Verwandlung und Zerstörung als Quelle des Schreckens – ein Ansatz, der in den 70ern mit Cronenberg und Lynch seine Blüte erlebte.
Neo-Noir und Thriller der 70er
Die Wiedergeburt des Film Noir als Neo-Noir war eine der aufregendsten Strömungen der 70er. Moralisch ambivalente Figuren, urbane Paranoia, korrupte Institutionen – die alten Noir-Themen kehrten zurück, aber in modernerem Gewand und mit komplexeren Figurenzeichnungen.
„Der Tod kennt keine Wiederkehr“ (The Long Goodbye, 1973)
Robert Altman nahm Raymond Chandlers Privatdetektiv Philip Marlowe und verwandelte ihn in einen hilflosen Anachronismus. Elliott Gould schlurft durch das Los Angeles der 70er, murmelt vor sich hin, und die Welt um ihn herum hat sich verändert, während er stillgestanden hat. Der Film dekonstruiert den klassischen Detektiv mit Humor und Melancholie.
„Driver“ (1978)
Walter Hills Minimalismus-Thriller verzichtet auf Namen: Die Figuren heißen „Driver“, „Detective“, „Player“. Der Film konzentriert sich auf Verfolgungsjagden und urbane Nachtstimmung, ist knochentrocken inszeniert und wurde zum direkten Vorläufer von Nicolas Winding Refns „Drive“ (2011).
„Der Schakal“ (The Day of the Jackal, 1973)
Fred Zinnemanns Thriller über ein geplantes Attentat auf Charles de Gaulle ist ein Meisterstück der Prozessdarstellung: Wir beobachten einen Auftragsmörder bei der akribischen Vorbereitung. Die Spannung entsteht nicht durch Action, sondern durch Präzision und das Wissen, dass jeder Fehler tödlich sein kann.
„Chinatown“ (1974)
Roman Polanskis „Chinatown“ mit Jack Nicholson als Privatdetektiv Jake Gittes ist vielleicht der reinste Neo-Noir der 70er: Wasserdiebstahl, Korruption, ein dunkles Familiengeheimnis und ein Ende, das jede Hoffnung auf Gerechtigkeit zerstört. „Forget it, Jake. It’s Chinatown.“
Komödien und Stadtneurosen: Woody Allen & Co.
Nicht alles in den 70ern war düster und zerrissen. Woody Allen verwandelte urbane Neurosen, Beziehungsprobleme und Intellektuellenkultur in Komödien, die gleichzeitig zum Lachen und zum Nachdenken brachten.
„Mach’s noch einmal, Sam“ (1972)
Eine Meta-Komödie über Filmbegeisterung: Allan Felix (Woody Allen) ist ein neurotischer Filmkritiker, der sich von einer imaginierten Humphrey-Bogart-Figur Tipps für sein Liebesleben holen will. Der Film spielt mit Kinomythen und Bogart-Fantasien und ist gleichzeitig eine liebevolle Hommage an die goldene Ära Hollywoods.
„Manhattan“ (1979)
Gedreht in elegantem Schwarz-Weiss und unterlegt mit George Gershwins Musik, ist „Manhattan“ Woody Allens Liebeserklärung an New York. Der Film handelt von Liebe, Altern, Kunst und dem Scheitern an den eigenen Ansprüchen. Die Eröffnungssequenz – Skyline, Feuerwerk, Gershwin – gehört zu den schönsten Momenten des amerikanischen Kinos.
„Annie Hall“ (1977) gewann vier Oscars und gilt als Meilenstein der Beziehungskomödie, aber „Manhattan“ zeigt Allens visuelles Können auf dem Höhepunkt.
Western und Genre-Dekonstruktion
Der klassische Western brach in den 70ern auf. Das Genre, das den amerikanischen Traum jahrzehntelang verkörpert hatte, wurde pessimistischer, schmutziger und reflektierter – ein spannender Kontrast zu den Konventionen des klassischen Western mit Cowboys, Duellen und Frontier-Mythos.
„McCabe & Mrs. Miller“ (1971)
Robert Altmans Anti-Western spielt in einer verschneiten Minenstadt, unterlegt mit Leonard Cohens melancholischen Songs. Warren Beatty ist McCabe, ein Kleingauner mit großen Plänen, Julie Christie eine pragmatische Bordellbetreiberin. Der Film endet nicht mit einem triumphalen Duell, sondern im Schneetreiben, allein, ohne Erlösung. Die Frage, was ein Held ist, bleibt ohne Antwort.
Der italienische Italowestern war ein bedeutendes Genre der 70er, das ebenfalls klassische Western-Mythen zerlegte – allerdings mit mehr Ironie und Stilisierung. Sam Peckinpah trieb die Dekonstruktion mit Filmen wie „Pat Garrett jagt Billy the Kid“ (1973) weiter: Der Gesetzeshüter und der Outlaw sind Freunde, und das Gesetz ist nicht gerechter als das Verbrechen.
Was ist ein Anti-Western? Ein Film, der die Konventionen des klassischen Westerns bewusst umkehrt: Statt klarer Helden gibt es ambivalente Figuren, statt triumphaler Enden Resignation, statt Pioniergeist Ernüchterung.
Asiatisches Kino der 70er: „Lady Snowblood“ und „Manila“
Die besten Filme der 70er stammen nicht nur aus Hollywood oder Europa. In Asien entstanden Werke, die das Weltkino nachhaltig beeinflussten.
„Lady Snowblood“ (1973)
Toshiya Fujiatas japanischer Rachefilm erzählt die Geschichte einer Frau, die von Geburt an als Waffe der Vergeltung erzogen wird. Die stilisierte Gewalt – Blutfontänen auf weissem Schnee – und die Comic-Ästhetik beeinflussten Quentin Tarantino direkt: „Kill Bill“ ist ohne „Lady Snowblood“ undenkbar.
„Manila“ (1975)
Lino Brockas „Manila in the Claws of Light“ zeigt einen jungen Fischer, der vom Land in die Hauptstadt kommt, um seine verschwundene Freundin zu suchen. Was er findet, ist ein System aus Ausbeutung, Armut und Korruption unter der Marcos-Diktatur. Der Film ist eine Mischung aus Melodram und politischer Anklage – schonungslos und emotional zugleich.
Das Shaw-Brothers-Kino aus Hongkong und die Martial-Arts-Welle der 70er bilden eine weitere Strömung, die das Actionkino der Gegenwart bis heute prägt und im Martial-Arts-Film mit seinen ikonischen Kampfszenen sowie speziell im Karatefilm als Subgenre fernöstlicher Kampfkünste ihren sichtbarsten Ausdruck fand.
Gefängnis, Institutionen und Rebellion: „Einer flog über das Kuckucksnest“
Milos Forman inszenierte 1975 mit „Einer flog über das Kuckucksnest“ einen Film, der die Revolte des Individuums gegen die Institution zum Thema macht. Jack Nicholson spielt Randle P. McMurphy, einen Kleinkriminellen, der sich in eine psychiatrische Anstalt einweisen lässt, um dem Knast zu entgehen – und dort auf die autoritäre Oberschwester Ratched trifft.
McMurphy bringt Leben und Chaos in die Station, ermutigt die Patienten, sich zu wehren, und gerät damit in einen Machtkampf, der nur tragisch enden kann. Die Anstalt funktioniert als Metapher für jede Institution, die Menschen durch Konformitätsdruck klein hält.
Filmische Mittel
- Ensemble-Spiel: Forman gibt jedem Patienten individuelle Züge – keine Staffage, sondern eigenständige Figuren
- Klaustrophobische Räume: Die Station wird nie verlassen, der Raum selbst wird zum Gefängnis
- Fokus auf Gesichter: Großaufnahmen, die jede Regung zeigen – Angst, Freude, Resignation
Der Film gewann alle fünf großen Oscars (Film, Regie, Drehbuch, Hauptdarsteller, Hauptdarstellerin) und bleibt ein Standardwerk in Pädagogik- und Psychologieseminaren.
Visuelle Opulenz: „Barry Lyndon“ und historische Stoffe
Stanley Kubrick drehte mit „Barry Lyndon“ (1975) einen der visuell außergewöhnlichsten Filme aller Zeiten. Der Film erzählt die Geschichte eines irischen Aufsteigers im 18. Jahrhundert, basierend auf William Makepeace Thackerays Roman, und wirkt dabei wie eine Folge lebender Gemälde – getragen von extrem sorgfältigem Filmlicht, das Atmosphäre und Bildwirkung prägt.
Technische Innovation
Kubrick verwendete Zeiss-Objektive, die ursprünglich für die NASA entwickelt worden waren, um Szenen ausschließlich bei Kerzenlicht zu drehen – ohne künstliche Beleuchtung; der Einsatz spezialisierter Filmkameras mit extrem lichtstarken Objektiven und späterer Cropping-Anpassungen zur Korrektur des Bildformats erzeugt hier eine unverwechselbare, warme Lichtstimmung historischer Innenräume. Das Ergebnis sind Bilder von einer Wärme und Tiefe, die in der Filmgeschichte einzigartig sind. Die langen Tracking-Shots und Tableaux vivants machen jeden einzelnen Frame zu einem Gemälde und formen ganze Sequenzen als in sich geschlossene Bildkapitel.
Einbettung in Kubricks Werk
„Barry Lyndon“ steht zwischen „A Clockwork Orange“ (1971) und „Shining“ (1980) – drei Filme, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch alle Kubricks obsessive Kontrolle über jedes Detail teilen. Technische Innovationen erweiterten die Möglichkeiten des Kinos in den 1970er Jahren, und Kubrick war einer der Regisseure, die diese Möglichkeiten am radikalsten ausschöpften.
Für Kamera- und Lichtseminare: „Barry Lyndon“ ist das Paradebeispiel für die Frage, wie weit man natürliches Licht treiben kann, ohne den Naturalismus in Künstlichkeit kippen zu lassen.
Skandalfilme und Zensurdebatten: „Uhrwerk Orange“
Die 70er Jahre waren eine goldene Ära für Skandalfilme – Werke, die bewusst Grenzen überschritten und damit Zensurdebatten, Indizierungen und moralische Paniken auslösten.
„A Clockwork Orange“ (1971)
Stanley Kubricks Verfilmung von Anthony Burgess‘ dystopischem Roman zeigt den jungen Alex und seine Droogs bei ultragewalttätigen Überfällen in einem futuristischen England. Die erfundene Jugendsprache „Nadsat“, der Einsatz klassischer Musik (Beethoven) während der Gewaltszenen und die ironische Distanz des Films provozierten heftige Reaktionen.
Die Indizierung und der zeitweise Rückzug aus dem Verleih in Großbritannien – auf Kubricks eigene Veranlassung – machten den Film zum Inbegriff des Skandalfilms. Die zentrale Frage des Films bleibt bis heute unbequem: Ist ein Mensch, der zur Gewaltlosigkeit gezwungen wird, noch ein Mensch?
Filmische Aspekte
- Klassische Musik als Kontrast: Beethoven als Soundtrack zu Gewalt erzeugt eine verstörende Dissonanz
- Weitwinkeloptik: Kubricks typische Weitwinkelaufnahmen verzerren den Raum und erzeugen ein Gefühl der Unwirklichkeit
- Ironische Distanz: Der Film moralisiert nie – und zwingt damit den Zuschauer, selbst Position zu beziehen
All diese Effekte greifen nur, weil Bildgestaltung und Audiotechnik mit Aufnahme, Mischung und Wiedergabe des Tons präzise ineinandergreifen.
Kammerspiele der Paranoia: „Das Ohr“ und „Der Dialog“
Zwei Filme aus völlig unterschiedlichen politischen Systemen teilen ein zentrales Thema: das Belauschtwerden, das Misstrauen im eigenen Zuhause, die Zerstörung privater Sicherheit durch Überwachung.
„Der Dialog“ (The Conversation, 1974)
Der Dialog von Francis Ford Coppola erschien 1974 – mitten in der Watergate-Ära – und erzählt von Harry Caul (Gene Hackman), einem der besten Abhörspezialisten des Landes. Caul zeichnet ein Gespräch auf, das möglicherweise auf einen geplanten Mord hinweist, und gerät in einen moralischen Konflikt: Wie viel Verantwortung trägt der Lauscher für das, was er hört?
Francis Ford Coppola nutzt den Ton selbst als erzählerisches Werkzeug: Das aufgenommene Gespräch wird immer wieder abgespielt, neu gemischt, anders interpretiert. Der Zuschauer wird zum Mithörer – und teilt Cauls wachsende Paranoia.
„Das Ohr“ (1970)
Der tschechoslowakische Film „Das Ohr“ zeigt eine Nacht, in der ein Funktionär und seine Frau ihr Haus nach Wanzen absuchen. Die Mischung aus Groteske und Thriller macht den Film zu einem beklemmenden Kammerspiel. Jede Hauptfigur als Trägerin der subjektiven Wahrnehmung reagiert auf jedes Geräusch, das verdächtig wird: ein Knarren, ein Klicken, ein Atmen – immer vor dem Hintergrund einer klaustrophobischen Szenerie aus Innenräumen und Überwachungstechnik.
Ton als erzählerisches Werkzeug
Beide Filme demonstrieren, wie Geräusche, Stille und Tonschnitte die Handlung vorantreiben können – ein Aspekt, der für Tonstudierende und Sounddesigner von besonderer Relevanz ist. Nicht das Bild, sondern das Ohr wird zum primären Sinnesorgan des Zuschauers – und doch entscheidet die sorgfältige Bildmischung im Zusammenspiel von Bild und Ton darüber, wie stark diese akustische Paranoia wirkt.
Ikonische Figurenstudien: Außenseiter, Antihelden und gebrochene Männer
Die Charaktere in den Filmen der 1970er Jahre waren oft komplex und moralisch ambivalent. Viele der besten Filme dieses Jahrzehnts teilen ein gemeinsames Motiv: den einsamen, scheiternden, zerrissenen Protagonisten – den Antiheld, dessen Wirkung stark von der gewählten Einstellungsgröße vom Panorama bis zur Großaufnahme und der konkreten Einstellung als kleinster filmischer Einheit abhängt.
Galerie der Gebrochenen
| Figur | Film | Merkmal |
|---|---|---|
| Travis Bickle | Taxi Driver | Isolation, Gewaltfantasien, Selbstjustiz |
| Michael Corleone | Der Pate II | Machthunger, Entfremdung von der Familie |
| Aguirre | Aguirre, der Zorn Gottes | Größenwahn, Naturverachtung |
| Harry Caul | Der Dialog | Paranoia, moralischer Konflikt |
| Henry Spencer | Eraserhead | Angst, Entfremdung, Albtraum des Alltags |
| Diese Figuren haben etwas gemeinsam: Sie sind keine Helden im klassischen Sinne. Sie treiben durch eine Welt, die sie nicht verstehen, und ihre Versuche, Kontrolle zu gewinnen, enden fast immer in Zerstörung – ihrer selbst oder anderer. |
Charakterstudie: Ein Film, dessen primäres Interesse der psychologischen Entwicklung einer Figur gilt, nicht der äußeren Handlung. Die 70er brachten diesen Filmtyp zur Blüte – und schufen damit ein Modell, das Jahrzehnte später in Serien wie „Breaking Bad“ oder „The Sopranos“ weiterlebte, deren prägnante Filmtitel als Marker für Themen und Figurenwelten längst zu kulturellen Chiffren geworden sind.
Filmische Stilmittel der 70er: Kamerastile, Schnitte, Musik
Was die Filme der 70er formal zusammenhält, ist ein gemeinsamer Bruch mit den Konventionen der Studio-Ära. Technische Innovationen erweiterten die Möglichkeiten, und Regisseure nutzten sie radikal.
Die wichtigsten formalen Trends
- Handkamera: Dokumentarische Unmittelbarkeit, etwa in den Straßenszenen von „Taxi Driver“ oder den Kampfsequenzen von „Apocalypse Now“
- Zoom-Objektive: Robert Altman setzte abrupte Zooms ein, um innerhalb einer Einstellung den Fokus zu verschieben – eine Technik, die bewusst „unsauber“ wirkt
- Lange Einstellungen: Tarkowski, Antonioni und Bresson ließen die Kamera laufen, ohne zu schneiden – der Zuschauer muss sich auf den Rhythmus des Films einlassen, bevor erst im Filmschnitt mit seinen vielfältigen Schnittarten entschieden wird, wie das Material strukturiert wird
- Popmusik als Soundtrack: Statt orchestraler Musik setzten Filme wie „McCabe & Mrs. Miller“ (Leonard Cohen), „Uhrwerk Orange“ (Wendy Carlos‘ Synthesizer-Versionen von Beethoven) und „Mean Streets“ (Rolling Stones) populäre Musik ein – in der Postproduktion wählen Cutter am Schnittplatz als zentralem Arbeitsplatz der Montage präzise Übergänge zwischen Bild und Ton
Montage und Schnitt
Die 70er experimentierten auch mit der Montage: Parallelmontage in „Der Pate“ (Taufszene und Morde), assoziative Montage in „Apocalypse Now“, Jump Cuts im französischen und deutschen Autorenkino, aber auch klassische Schuss-Gegenschuss-Montage in Dialogszenen. Der klassische Shot-Reverse-Shot blieb zwar Standard für Dialogszenen, wurde aber zunehmend durch freiere Formen ergänzt – im Feinschnitt als letzter Phase der Montage, in der der Cutter die endgültige Form des Films gestaltet.
Für Filmstudierende: Wer die Stilmittel der 70er versteht, hat das Vokabular für nahezu jede spätere filmische Entwicklung. Die meisten Techniken, die heute im Kino und in Serien eingesetzt werden, wurden in diesem Jahrzehnt entweder erfunden oder popularisiert.
Die 70er im Vergleich zu anderen Jahrzehnten
Warum gelten die 70er für viele Filmkritiker als das beste Filmjahrzehnt? Ein kurzer Vergleich macht die Besonderheit deutlich.
| Kriterium | 1960er | 1970er | 1980er |
|---|---|---|---|
| Studiosystem | Im Zerfall | Aufgelöst, Regisseure dominieren | Neue Studiokonzerne, Produzenten-Kino |
| Themen | Aufbruch, Jugendkultur, Nouvelle Vague | Vietnam, Watergate, Paranoia, Antihelden | Eskapismus, Actionkino, Coming-of-Age |
| Ästhetik | Experimentell (Godard, Fellini) | Rau, dunkel, realistisch | Glatt, High-Concept, Neon |
| Genremischung | Beginnt | Auf dem Höhepunkt | Genre wird zum Produkt |
| Regisseur-Freiheit | Steigend (Europa) | Maximal (USA + Europa) | Sinkend (Blockbuster-Druck) |
| New Hollywood beeinflusste die Filmindustrie nachhaltig. Die 60er legten den Grundstein, die 70er waren die Explosion, und die 80er ernteten die kommerziellen Früchte – allerdings auf Kosten der kreativen Freiheit. Was die 70er einzigartig macht, ist die Gleichzeitigkeit: Autorenkino und Blockbuster, Arthouse und Genrefilm, amerikanische und europäische Strömungen existierten nebeneinander und befruchteten sich gegenseitig – ein Übergang, der nur im Kontext der Filmklassiker und Bewegungen der 1960er Jahre vollständig verständlich wird und in späteren Jahrzehnten oft einen Umschnitt mit neuen Fassungen und Kundenwünschen nach sich zog. | |||
| Klassiker wie „Der Pate“, „Apocalypse Now“ oder „Taxi Driver“ gelten heute als Vorläufer moderner Erzählformen – vom Antihelden-Drama in Serien bis zum Arthouse-Blockbuster eines Christopher Nolan, deren Wirkung auf einem sorgfältig konstruierten Narrativ als tragender Erzählstruktur beruht. |
Praktische Tipps: Wie man 70er-Filme heute findet und schaut
Viele Klassiker der 70er sind heute nicht immer leicht zugänglich. Streaming-Rechte variieren, Fassungen unterscheiden sich, und manche Filme existieren nur in mittelmäßigen Transfers. Hier ein paar Hinweise:
Wo schauen?
- Streaming: Plattformen wie MUBI, Criterion Channel oder Arte Mediathek bieten kuratierte Auswahl an Klassikern
- Blu-ray: Restaurierte Editionen (z. B. die Coppola Restoration von „Der Pate“, der Final Cut von „Apocalypse Now“) bieten die beste Bild- und Tonqualität
- Programmkinos: Retrospektiven und Sondervorführungen zeigen 70er-Filme auf der großen Leinwand – ein Erlebnis, das kein Heimkino ersetzen kann
Tipps für die Filmanalyse
- Kontext recherchieren: Welche politischen und gesellschaftlichen Ereignisse prägten das Entstehungsjahr?
- Stilmittel notieren: Kameraführung, Lichtsetzung, Schnitt, Musik – was fällt auf?
- Standbilder anfertigen: Screenshots helfen bei der Analyse von Bildkomposition und Farbdramaturgie, insbesondere wenn man mit durchdachtem Kamerazubehör von Objektiv bis Stativ arbeitet
- Fassungen vergleichen: Bei Filmen wie „Apocalypse Now“ oder „Blade Runner“ lohnt sich der Vergleich verschiedener Versionen, die oft am Schnittplatz als Zentrum des Videoschnitts entstehen und unterschiedliche dramaturgische Wirkungen entfalten
- Figuren untersuchen: Motivation, Entwicklung, Ambivalenz – was macht den Protagonisten zum Antihelden? Dabei hilft ein Blick auf den Videoschnitt mit seinen spezifischen Übergängen und Rhythmusgestaltungen.
Gerade Coming-of-Age-Geschichten aus den 70ern lassen sich so gut analysieren, weil der Coming-of-Age-Film als Genre der Adoleszenz Konflikte von Jugend und Erwachsenwerden besonders deutlich herausarbeitet.
- Genre-Konventionen prüfen: Welche Erwartungen erfüllt der Film, welche bricht er?
- Ton bewusst hören: Besonders bei Filmen wie „Der Dialog“ oder „Eraserhead“ ist die Tonspur ein eigenständiges Erzählelement
Fazit: Warum die besten Filme der 70er zeitlos bleiben
Die Siebziger Jahre prägten das moderne Kino entscheidend. Kein anderes Jahrzehnt hat so viele verschiedene Genres, Strömungen und Erzählformen gleichzeitig hervorgebracht. Die inhaltliche Radikalität – Antihelden statt Helden, offene Enden statt Happy Ends, Gesellschaftskritik statt Eskapismus – verbindet sich mit einem formalen Experimentierwillen, der bis heute nachwirkt.
Wer einen Einstieg sucht, kann mit diesen fünf Filmen beginnen:
- „Der Pate“ (1972) – das Epos über Familie, Macht und den amerikanischen Traum
- „Apocalypse Now“ (1979) – der Krieg als existenzieller Albtraum
- „Taxi Driver“ (1976) – Großstadtparanoia und die Anatomie eines Antihelden
- „Star Wars“ (1977) – die Geburt des modernen Blockbusters
- „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972) – Besessenheit und Natur als Gegenspieler
Jeder dieser Filme erzählt nicht nur eine Geschichte, sondern veränderte das Leben des Mediums selbst. Das Filmlexikon bietet weiterführende Artikel zu den zentralen Begriffen, Techniken und Genres, die in diesem Beitrag angerissen wurden. Wer die Filme der 70er versteht, versteht das Kino der Gegenwart.

Alle Fachbegriffe aus diesem Artikel – von Plansequenz über Neo-Noir bis Sounddesign – findest du ausführlich erklärt auf den Seiten des Filmlexikons. Denn wer Kino verstehen will, braucht mehr als eine Liste: Er braucht die Sprache, um darüber zu sprechen.


