Lexikon des internationalen Films – Geschichte, Kritik und Bedeutung
Wenige Nachschlagewerke haben die deutsche Filmkultur so nachhaltig geprägt wie das Lexikon des internationalen Films. Dieser Artikel liefert einen kompakten Überblick über Geschichte, Aufbau, zentrale Personen und die Zukunft dieses einzigartigen Standardwerks.
Kurze Antwort: Was ist das „Lexikon des internationalen Films“?
Das Lexikon des internationalen Films ist das umfassendste deutschsprachige Filmlexikon. Es dokumentiert im deutschsprachigen Raum erschienene Kinofilme und Fernsehproduktionen seit 1945. Das Lexikon hat 10 Bände und umfasst 21.000 Kurzkritiken in der ersten Auflage, die 1987 bei Rowohlt erschien. Das Werk basiert auf Kritiken des katholischen Filmdienstes und der Katholischen Filmkommission für Deutschland. In der Print-Gesamtausgabe enthält es über 52.000 Einträge. Klaus Brüne verantwortete als Redakteur die erste Ausgabe dieses Buch-Klassikers.

Entstehungsgeschichte und Herausgeber
Nach dem Zweiten Weltkrieg musste die Filmkultur in Deutschland neu aufgebaut werden. Die Kirchen spielten dabei eine wichtige Rolle. Der Filmdienst wurde in den 1940er Jahren gegründet – zunächst als „Filmdienst der Jugend“ in Bonn, getragen von der katholischen Kirche. Die Katholische Filmkommission für Deutschland übernahm ab 1949 die institutionelle Filmbewertung als Organ der katholischen Medienpolitik.
Das Katholische Institut für Medieninformation (KIM) koordinierte die Arbeit zwischen Redaktion und Verlag. Über Jahrzehnte wuchs das Filmdienst-Archiv, bis in den 1970er und 1980er Jahren die ersten konkreten Lexikonprojekte entstanden – eine Tradition, die bis heute nachwirkt.

Die verschiedenen Ausgaben und Verlage
Die Vielzahl der Ausgaben macht das Lexikon für Sammler und Filminteressierten besonders interessant; parallel dazu helfen Online-Filmlexika mit Grundlagenwissen zu Filmproduktion, Genres und Berufen und eine Übersicht über verschiedene Filmberufe und ihre Aufgaben beim Einordnen der im Lexikon beschriebenen Werke:
- Rowohlt (1987–1995): Die 10-bändige Taschenbuchausgabe in Printform setzte Maßstäbe. Eine Neuauflage erschien 1995 mit überarbeiteten Bewertungen.
- Zweitausendeins (ab 2002): Diese vierbändige Ausgabe brachte aktualisierte Einträge und erweiterte das Angebot um neuere Filmjahrgänge.
- Schüren Verlag: Ergänzungsbände und Filmjahrbücher ab 2001, hrsg. von der Filmdienst-Redaktion.
- Digital: Seit 2018 ist das Lexikon online auf der Website Filmdienst als Portal zugänglich. FILMDIENSTplus bietet kostenpflichtigen Zugang zur vollständigen Datenbank.

Aufbau, Inhalt und Bewertungskriterien
Jeder Filmeintrag enthält Basisdaten wie Originaltitel und Produktionsjahr, dazu Regie, Darsteller, Filmmusik und die Arbeit des Filmkomponisten, Kurzinhalt und eine Kurzkritik mit Einordnung. Das Lexikon ermöglicht gezielte Suchen nach Genre und Regisseuren – beide Suchoptionen sind Teil des systematischen Aufbaus, lassen sich aber gut mit einem umfassenden Nachschlagewerk zu Filmbegriffen, Genres und Technik ergänzen.
Die Filmkritiken stammen vom katholischen Filmdienst. Die Kritiken bieten oft eine fundierte ästhetische Bewertung, sind aber auch oft aus einer katholischen Perspektive verfasst. Ein Klassiker der 1950er Jahre wird zum Beispiel für Kameraarbeit, Schauspielkunst und Filmschnitt als erzählerisches Mittel gelobt, während ein kontroverser Titel der 1970er trotz anerkannter filmischer Qualität moralische Einwände hervorrufen kann.
Die Rezensionen sind redaktionell unabhängig und werbefrei. Die Kriterien wandelten sich über die Jahrzehnte von streng katholischen Maßstäben hin zu einer filmwissenschaftlicheren Auswahl.
Zentrale Personen: Von Klaus Brüne bis Horst Peter Koll
Das Lexikon ist kein anonymes Werk – hinter jedem Text stehen Autoren mit klarer Haltung:
- Klaus Brüne war verantwortlicher Redakteur der Erstausgabe 1987 und prägte als Person den Filmdienst von 1947 bis in die 1960er Jahre.
- Josef Lederle leitet seit 2018 das Online-Portal als Chefredakteur und verfasste zahlreiche Einträge mit Schwerpunkt auf Autorenkino.
- Jörg Gerle gehört als Kritiker einer jüngeren Generation zur Redaktion und beteiligt sich an Aktualisierungen für Gegenwartsfilme und Serien.
- Horst Peter Koll arbeitet seit 1998 als profilierter Filmkritiker des Filmdienst und wirkte an Filmjahrbüchern und Ergänzungsbänden mit.

Filmjahrbücher und das Ende einer Ära (2022–2026)
Die Filmjahrbücher aus dem Schüren Verlag boten jährlich einen Rückblick auf das Filmjahr mit Kurzkritiken, Essays und einem Überblick über Serien und DVD-Veröffentlichungen. Sie richteten sich an Filmfans, Bibliotheken und die Wissenschaft.
Das „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2025/2026″ war die letzte Ausgabe. Der Verlag gab Anfang 2026 die Einstellung der Reihe nach rund 25 Jahren bekannt. Die Antwort auf die Frage nach den Gründen: ökonomischer Druck, verändertes Medienverhalten durch Streaming und die Konzentration der Redaktion auf digitale Formate wie Newsletter und Dossiers.
Kritik, Kontroversen und Rezeption in der Öffentlichkeit
Das Lexikon taucht als Referenz in unzähligen Wikipedia-Artikeln, Zeitschriften und Fachbüchern auf. Dennoch gibt es wiederkehrende Kritik: Die Kritiken sind oft ideologisch gefärbt, besonders bei Genre-Filmen wie Horror, Film Noir oder Action.
In Foren diskutieren Nutzer den Vorwurf einer dogmatischen Sichtweise. Gleichzeitig bietet das Lexikon als historisches Dokument etwas Einzigartiges: Es bietet Einblicke in die zeitgenössische Rezeption von Filmklassikern und zeigt damit auch, wie sich Bewertungen im Laufe der Zeit – etwa im Vergleich zu heutigen Kanons und internationalen Filmpreisen wie Oscars oder Goldener Palme – verschieben können. Ältere Einträge wurden teilweise überarbeitet, um veraltete Formulierungen zu entschärfen – der Link zur katholischen Grundhaltung bleibt aber erkennbar.
Praktische Nutzung: Recherche, Studium und Sammlerwert
So nutzen Sie das Lexikon heute konkret:
- Recherche: Suche nach Filmjahr, Titel, Regie oder Land im Internet über das Online-Portal oder in Registerbänden der Printausgaben.
- Studium: Es bietet eine detaillierte Datenbank zu Kinofilmen und Fernsehproduktionen seit 1945 – ideal als Quelle für Arbeiten zur Kanonbildung und Rezeptionsgeschichte.
- Sammlerwert: Die 10-bändige Rowohlt-Ausgabe erzielt im Antiquariat je nach Zustand zwischen 200 und 400 Euro. Einzelne Seiten und Bände variieren stark. Für jede Filmbibliothek sind diese Bände ein Gewinn.
Der Einfluss des Lexikons auf die deutsche Filmkultur
Über Jahrzehnte stützten sich Fernsehen, Programmkinos und Bildungseinrichtungen in Deutschland auf die Bewertungen dieses Standardwerks. Es bietet einen Überblick über Filme seit 1945 und diente als Gegenpol zu kommerziellen Zeitschriften – mit mehr Gewicht auf Reflexion als auf Star-Kult. Auch im Vergleich zu „epd Film“ mit geringer Auflage bleibt das Lexikon das umfassendere Angebot im Kino-Qualitätsdiskurs. Alles in allem hat kein anderes deutsches Werk vergleichbare Namen in der Filmkritik so dauerhaft vereint.
Zukunft: Digitale Angebote und Archivierung
Das Lexikon des internationalen Films ist online auf der Website Filmdienst zugänglich. Die Datenbank hat kürzlich die Marke von 100.000 Einträgen überschritten. Bibliotheken und kirchliche Archive sichern die Printbestände, während die digitale Version als lebendiges Profi-Werkzeug weiterentwickelt wird.
Die Bewertungskriterien dürften sich künftig weiter vom streng katholischen Hintergrund lösen. Doch auch als geschlossenes Projekt behält dieses Werk einen hohen dokumentarischen Wert – als Teil der deutschen Filmgeschichte, den jeder Filminteressierte kennen sollte. Wer den Zugang zur digitalen Datenbank noch nicht entdeckt hat, findet dort einen einzigartigen Beitrag zur Filmkultur.




