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Neuer Deutscher Film: Definition, Geschichte und wichtigste Werke

Einführung: Was ist der Neue Deutsche Film?

Der Neue Deutsche Film bezeichnet eine filmhistorische Strömung im westdeutschen Kino, die sich von den frühen 1960er Jahren bis etwa 1982 erstreckte. Der Neue Deutsche Film entstand in den 1960er Jahren in Westdeutschland als bewusste Gegenbewegung zum sogenannten Papas Kino der Nachkriegszeit – jenen harmlosen Heimatfilmen, Schlagerkomödien und trivialen Unterhaltungsproduktionen, die das deutsche Kino der 1950er Jahre dominierten. Im Kern handelte es sich um eine Form des Autorenkinos, bei dem Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Wim Wenders, Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta als kreative Gesamtverantwortliche agierten und persönliche, oft politisch aufgeladene Geschichten erzählten.

Dieser Artikel erklärt die Entstehung des Neuen Deutschen Films ausgehend vom Oberhausener Manifest, beleuchtet den gesellschaftlichen Kontext in der BRD, stellt die wichtigsten Werke vor – darunter „Aguirre, der Zorn Gottes“, „Angst essen Seele auf“ und „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ – und ordnet die Bedeutung dieser Bewegung für den heutigen deutschen Film ein.

Aus der Perspektive des Filmlexikons ist es unser Ziel, den Begriff „Neuer Deutscher Film“ verständlich und fundiert aufzuarbeiten: für das Filmstudium, den Schulunterricht und die praktische Filmarbeit gleichermaßen.

Ein alter Filmprojektor steht in einem verdunkelten Kinosaal, während warmes Licht durch den Projektionsstrahl auf eine leere Leinwand fällt. Diese Szene erinnert an das Nachkriegskino und die Werke von Filmemachern wie Rainer Werner Fassbinder und Wim Wenders, die die deutsche Filmkultur geprägt haben.

Historischer Hintergrund und Entstehung des Neuen Deutschen Films

Die Krise des Nachkriegskinos

In den späten 1950er und frühen 1960er Jahren steckte das westdeutsche Kino in einer tiefen Krise. Die Zuschauerzahlen brachen ein, während das Programm von Biederkeit und Harmlosigkeit geprägt war. Heimatfilme mit idyllischen Bergpanoramen, seichte Komödien, Schlagerfilme und Edgar-Wallace-Krimis bestimmten das Angebot. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – insbesondere den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und der NS-Zeit – fand im westdeutschen Nachkriegskino praktisch nicht statt. Stattdessen herrschte Verdrängung.

Die Bewegung reagierte auf genau diese Stagnation des deutschen Kinos: inhaltlich erstarrt, formal unambitioniert, vom Publikum zunehmend verlassen.

Das Oberhausener Manifest von 1962

Den entscheidenden Wendepunkt markierte das Oberhausener Manifest, das am 28. Februar 1962 auf den Westdeutschen Kurzfilmtagen verlesen wurde. Eine Gruppe von 26 jungen Filmemachern – darunter Alexander Kluge, Edgar Reitz, Peter Schamoni und Franz-Josef Spieker – erklärte den konventionellen deutschen Film für gescheitert. Die berühmte Formel lautete sinngemäß: „Papas Kino ist tot.“ Auch wenn dieser exakte Wortlaut nicht im Manifest steht, wurde er zum Slogan einer ganzen Generation.

Das Manifest forderte eine neue Sprache des Films, künstlerische Freiheit, Unabhängigkeit von kommerziellen Zwängen und eine radikale Neuorientierung. Die Unterzeichner wollten Spielfilme schaffen, die in Geist, Form und wirtschaftlicher Struktur neue Wege beschritten – eine Vision, die sich in den folgenden zwei Jahrzehnten Schritt für Schritt verwirklichen sollte.

Zwei Generationen

Die erste Generation des Neuen Deutschen Films – die Oberhausener Gruppe um Kluge, Reitz und Schamoni – kam überwiegend aus dem Dokumentarfilm und dem Kurzfilm. Werke wie Abschied von gestern (Alexander Kluge, 1966) oder „Mahlzeiten“ (Edgar Reitz, 1966) markierten den Übergang zu experimentellen Spielfilmformaten. Rudolf Thome gehörte ebenfalls zum Umfeld der Münchner Filmszene, die wesentliche Impulse beisteuerte.

Die zweite Generation brachte dann die Regisseure hervor, die den Neuen Deutschen Film international bekannt machten: Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff, Werner Herzog, Wim Wenders und Margarethe von Trotta. Wichtige Regisseure wie Volker Schlöndorff und Werner Herzog prägten diese Phase durch stilistisch höchst unterschiedliche, aber gleichermaßen ambitionierte Werke.

Internationale Einflüsse

Stilistisch und intellektuell war der Neue Deutsche Film nicht isoliert. Die französischen Vorbilder der Nouvelle Vague – Jean-Luc Godard, François Truffaut, Agnès Varda – lieferten das Modell eines Autorenkinos, das den Regisseur als Auteur ins Zentrum stellte. Ebenso prägend war der italienische Neorealismus mit seiner Hinwendung zu sozialen Realitäten und dem Drehen an Originalschauplätzen. Auch das britische Free Cinema beeinflusste die Ideen und Haltungen der jungen deutschen Filmemacher.

Politischer und gesellschaftlicher Kontext

Die Bundesrepublik der 1960er und 1970er Jahre war ein Land im Umbruch. Das Wirtschaftswunder hatte Wohlstand gebracht, aber die Verdrängung der NS-Vergangenheit blieb ein offenes Trauma. Die Studentenbewegung von 1968, die Auseinandersetzung mit dem RAF-Terrorismus und die gesellschaftliche Polarisierung schufen ein Klima, in dem kritische Kunst politisch wurde. Der Neue Deutsche Film bezog hier bewusst Stellung.

Förderstrukturen und Fernsehen

Ohne staatliche Förderung wäre die Bewegung kaum möglich gewesen. 1965 entstand das Kuratorium Junger Deutscher Film, 1968 die Filmförderungsanstalt (FFA). Ebenso wichtig war die Zusammenarbeit mit Fernsehanstalten wie WDR, ZDF und HR, die als Koproduktionspartner fungierten und experimentelle Produktionen ermöglichten. Gerade diese Möglichkeiten – kleine Budgets, aber künstlerische Freiheit – waren ein entscheidender Motor für formale Experimente.

Merkmale und Themen des Neuen Deutschen Films

Der Neue Deutsche Film lässt sich durch eine Reihe formaler und inhaltlicher Kennzeichen beschreiben, die ihn von der Tradition des kommerziellen deutschen Kinos klar unterscheiden; viele dieser Begriffe und Techniken werden in unserem umfassenden Filmbegriffe-Lexikon ausführlich erklärt.

Autorenkino als Prinzip

Im Zentrum steht das Konzept des Autorenfilms: Regisseur*innen schreiben häufig ihr eigenes Drehbuch, produzieren selbst und kontrollieren den gesamten kreativen Prozess. Die persönliche Handschrift wird zum Markenzeichen. Wiederkehrende Motive wie Abhängigkeit, Macht, Außenseitertum und die Suche nach Identität ziehen sich durch das Werk einzelner Filmemacher.

Thematische Schwerpunkte

Die Themen des Neuen Deutschen Films kreisen um zentrale Spannungsfelder der westdeutschen Gesellschaft:

  • Vergangenheitsbewältigung: Schuld, Verdrängung und Erinnerung an die NS-Zeit und die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg
  • Alltag der „kleinen Leute“: Klassenunterschiede, ökonomischer Druck, soziale Isolation in der Kleinstadt
  • Geschlechterverhältnisse: Unterdrückung, Rollenbilder, die Situation der Frau in der Gesellschaft
  • Medienkritik: Boulevardpresse, Vorverurteilung, Verlust der Privatsphäre
  • Terrorismus-Diskurs: RAF-Debatte, staatliche Repression, politische Radikalisierung
  • Entfremdung: Konsumgesellschaft, Identitätsverlust, Einsamkeit in der modernen Welt

Formale Merkmale

Stilistisch setzte der Neue Deutsche Film auf eine reduzierte Mise en Scène: karge Sets, natürliche Lichtverhältnisse, lange Einstellungen und eine oft statische Kamera. Viele Filme tragen eine dokumentarische Anmutung. Gleichzeitig finden sich – besonders bei Fassbinder – melodramatische Inszenierung und expressive Bildsprache, während Herzog extreme Naturlandschaften als symbolische Kulissen nutzt.

Die Rolle des Fernsehens

Ein Spezifikum des Neuen Deutschen Films ist die enge Verzahnung mit dem Fernsehen. Zahlreiche Werke entstanden als TV-Produktionen oder Zweiteiler. Ein prominentes Beispiel ist Fassbinders „Welt am Draht“ (1973), ein Science-Fiction-Film, der als zweiteiliger TV-Film auf 16 min produziert und auf der ARD ausgestrahlt wurde. Das 4:3-Format, Studioaufnahmen und geringere Budgets brachten eigene ästhetische Bedingungen mit sich, die die Filmemacher jedoch kreativ zu nutzen wussten.

Viele der in den folgenden Abschnitten beschriebenen Filme – von „Angst essen Seele auf“ bis „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ – illustrieren diese Merkmale auf je eigene Weise.

Rainer Werner Fassbinder und seine Schlüsselwerke

Auf dem Bild ist eine Filmklappe zusammen mit einer 16mm-Kamera zu sehen, die auf einem minimalistisch eingerichteten Filmset der 1970er Jahre platziert sind. Das warme Kunstlicht schafft eine nostalgische Atmosphäre, die an die Werke von Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder und Wim Wenders erinnert, und spiegelt die Ästhetik des deutschen Films dieser Zeit wider.

Biografie und Arbeitsweise

Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) ist die zentrale Figur des Neuen Deutschen Films. In München geboren, begann er als Theatermacher im „Antiteater“ und wandte sich rasch dem Film zu. Fassbinder gilt als wichtiger Vertreter des Neuen Deutschen Films, dessen Produktivität ihresgleichen sucht: Rainer Werner Fassbinder drehte über 40 Spielfilme. Er realisierte auch 24 Theaterstücke und 2 Fernsehserien. Seine Karriere dauerte weniger als zwei Jahrzehnte – sein früher Tod 1982 setzte einem Schaffen ein Ende, das in Tempo und Intensität einzigartig blieb.

Stil und Einflüsse

Fassbinders Werk reflektiert die deutsche Nachkriegskultur in all ihren Widersprüchen. Sein Stil verbindet die melodramatische Tradition von Douglas Sirk mit scharfer Gesellschaftskritik. Liebe erscheint bei ihm stets als ökonomisches Verhältnis, Macht durchdringt alle zwischenmenschlichen Beziehungen, und die Bundesrepublik wird zum System subtiler Unterdrückung. Die Inszenierung oszilliert zwischen kalter Distanz und emotionaler Überwältigung – ein Spannungsfeld, das Fassbinders Filme bis heute unverwechselbar macht.

„Angst essen Seele auf“ (1974)

In diesem Film verliebt sich die ältere Putzfrau Emmi in den marokkanischen Gastarbeiter Ali. Das Paar stößt auf massiven Widerstand: Nachbarn, Kolleginnen, die eigene Familie – alle reagieren mit Ablehnung und Rassismus. Die Angst vor dem Fremden und die seelische Zerstörung durch soziale Ausgrenzung stehen im Zentrum.

Fassbinder nutzt das Melodrama als Form, um gesellschaftliche Mechanismen sichtbar zu machen. Statische Kamera, „Frame within the frame“-Kompositionen und die unterdrückte Körpersprache der Schauspielerin Brigitte Mira erzeugen eine Atmosphäre beklemmender Isolation. Der Film wurde in Cannes mit dem Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichnet und machte den Neuen Deutschen Film einem breiten internationalen Publikum bekannt.

„Händler der vier Jahreszeiten“ (1972)

Hans, ein Obsthändler, scheitert an den Erwartungen seiner Mutter, seiner Frau und der Gesellschaft. Alkohol wird zum Fluchtweg, der Niedergang des Mannes zum Spiegel familiärer Kälte und ökonomischen Drucks. Der Film gilt als Fassbinders Durchbruch beim breiten Publikum und demonstriert seine Fähigkeit, persönliche Tragödien mit struktureller Kritik zu verweben.

„Lola“ (1981)

Als Teil der sogenannten BRD-Trilogie – zusammen mit „Die Ehe der Maria Braun“ (1979) und „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1982) – zeigt „Lola“ den moralischen Verfall einer korrupten Kleinstadt in der jungen Bundesrepublik. Licht und Farbe werden zu dramaturgischen Mitteln: Grelle Neonfarben spiegeln die Oberflächlichkeit einer Gesellschaft, die ihren Wiederaufbau auf Korruption gründet. Die Geschichte einer Prostituierten, eines Bauspekulanten und eines idealistischen Beamten wird zur Allegorie auf die verdrängte Vergangenheit der BRD.

Weitere wichtige Werke

Fassbinders Filmografie umfasst eine Fülle weiterer bedeutender Werke: „Katzelmacher“ (1969) thematisiert Fremdenfeindlichkeit in einer Münchner Vorstadt, „Faustrecht der Freiheit“ (1975) erzählt von Ausbeutung in einer schwulen Beziehung, „Angst vor der Angst“ (1975) schildert die psychische Krise einer Hausfrau, und „Welt am Draht“ (1973) experimentiert mit Science-Fiction am Draht zwischen Realität und Simulation.

Aus filmwissenschaftlicher Seite ist Fassbinder in Seminaren zum Neuen Deutschen Film praktisch unvermeidlich. Sein Werk bietet Zugänge zu nahezu allen zentralen Themen der Bewegung – von Medienkritik über Geschlechterverhältnisse bis zur Dokumentation bundesrepublikanischer Befindlichkeiten.

Werner Herzog, Wim Wenders und weitere zentrale Regisseur*innen

Neben Fassbinder haben vor allem Werner Herzog, Wim Wenders, Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta den Neuen Deutschen Film international bekannt gemacht. Ihre Werke unterscheiden sich stilistisch stark voneinander, teilen aber den Anspruch auf künstlerische Eigenständigkeit und gesellschaftliche Relevanz.

Werner Herzog

Werner Herzog (geb. 1942) verkörpert den Grenzgänger des Neuen Deutschen Films. Sein Stil ist geprägt von physischen Extremen, der Natur als bedrohlicher Kraft und obsessiven Figuren, die sich gegen alle Widerstände behaupten – oder daran zerbrechen.

„Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972)

Ein dichter, tropischer Regenwald mit dichten Nebelschwaden über einem breiten Fluss, während ein Floß in der Ferne sanft treibt. Diese Szenerie erinnert an die eindrucksvollen Landschaften in deutschen Filmen, die oft die Verbindung zur Natur und die menschliche Existenz thematisieren.

Aguirre der Zorn Gottes ist eines der ikonischsten Werke des Neuen Deutschen Films. Der Film erzählt von einer Gruppe spanischer Conquistadoren, die im 16. Jahrhundert durch den peruanischen Regenwald auf der Suche nach dem mythischen El Dorado treibt. Angeführt wird die Expedition zunehmend vom wahnsinnigen Lope de Aguirre, gespielt von Klaus Kinski.

Die Dreharbeiten im Dschungel waren legendär: Mit einem Budget von nur rund 370.000 US-Dollar, unter extremen Bedingungen, mit einer Handkamera von Thomas Mauch und der hypnotischen Musik von Popol Vuh entstand ein Film, der Natur, Machtwahn und den Tod imperialistischer Gier in Bilder von suggestiver Kraft fasst. Der Film wurde zum Höhepunkt von Herzogs Schaffen in den 1970er Jahren und etablierte seine internationale Reputation.

Wim Wenders

Wim Wenders brachte dem Neuen Deutschen Film die Road-Movie-Ästhetik und eine tiefe Faszination für die amerikanische Popkultur. Entfremdung, Mobilität und die Beobachtung alltäglicher Räume sind seine zentralen Motive.

„Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (1972)

Basierend auf dem Romans von Peter Handke erzählt der Film von einem entfremdeten Torwart, der nach seiner Entlassung scheinbar ziellos durch Wien und die Umgebung streift und einen scheinbar grundlosen Mord begeht. Stilistisch arbeitet Wenders mit Distanz, Leerstellen und einem betont langsamen Tempo – die Welt erscheint dem Protagonisten fremd, und die Zuschauer erleben diese Fremdheit mit.

„Alice in den Städten“ (1974) setzte Wenders‘ Erkundung von Reise und Verlust fort: Ein deutscher Journalist und ein kleines Mädchen durchqueren das Ruhrgebiet auf der Suche nach der Großmutter des Kindes. Die Gegenwart erscheint provisorisch, die Landschaft wird zur Projektionsfläche innerer Zustände.

Volker Schlöndorff

Volker Schlöndorff positionierte sich als Literaturverfilmer des Neuen Deutschen Films. Bereits mit Der junge Törless (1966), einer Adaption von Robert Musils Romans, setzte er ein Zeichen: Die Geschichte von Machtmissbrauch und Grausamkeit in einem Internat wurde zur Analogie auf autoritäre Strukturen und die Vorgeschichte des Nationalsozialismus.

Seinen größten internationalen Erfolg erzielte Schlöndorff mit „Die Blechtrommel“ (1979), der Neuverfilmung von Günter Grass‘ gleichnamigem Roman, die mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde – ein Durchbruch für den deutschen Film im Ausland, dessen prägnanter Filmtitel zugleich weltweite Wiedererkennung schuf.

Margarethe von Trotta

Margarethe von Trotta war die einzige Frau in der Bewegung, die als Regisseurin international wahrgenommen wurde. Zunächst arbeitete sie in enger Zusammenarbeit mit Volker Schlöndorff – etwa bei „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) –, bevor sie mit eigenständigen Werken wie „Die bleierne Zeit“ (1981) hervortrat.

Ihre Filme thematisieren Frauenbilder, politische Radikalisierung und die Frage, wie Frauen in einer von Männern dominierten Gesellschaft handlungsfähig werden. In „Die bleierne Zeit“ verhandelt sie die Geschichte zweier Schwestern vor dem Hintergrund des RAF-Terrorismus – ein Film, der sowohl persönliche als auch politische Dimensionen besitzt und auf Filmfestivals für Aufsehen sorgte.

Beispiel: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ und Medienkritik

Entstehung und Inhalt

Der Film „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) von Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta basiert auf Heinrich Bölls gleichnamigem Roman von 1974. Er erzählt von einer jungen Frau, die nach einer einzigen Nacht mit einem polizeilich gesuchten Mann ins Visier der Ermittlungsbehörden und der Boulevardpresse gerät. Was folgt, ist ein systematischer Rufmord: Vorverurteilung, Überwachung, Verlust der Privatsphäre, Zerstörung der sozialen Existenz – und schließlich ein Akt der Verzweiflung.

Politischer Kontext

Der Film entstand auf dem Höhepunkt der RAF-Angst in der BRD. Die Wirtschaftskrise, die gesellschaftliche Polarisierung und die aggressive Berichterstattung der Springer-Presse bildeten den Hintergrund. Katharina Blum wurde zur Chiffre für eine Gesellschaft, in der Boulevardjournalismus und staatliche Repression gemeinsam das Individuum zerstören können. Böll selbst hatte die Kritik an medialer Vorverurteilung aus eigener Erfahrung gespeist – sein Skandal um den Spiegel-Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ war ein Teil dieses Kontextes.

Filmische Umsetzung

Kameraarbeit und Montage zeigen die sukzessive Zerstörung der Protagonistin: Die Schauspielerin Angela Winkler verkörpert Katharinas Transformation von einer selbstbewussten, eigenständigen Frau zu einem gehetzten Opfer mit verstörender Präzision. Die Musik von Hans Werner Henze kontrastiert ein zartes Liebesmotiv mit einem Bedrohungsthema und unterstreicht damit die wachsende Ausweglosigkeit.

Einordnung als Schlüsselwerk

„Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ ist ein Schlüsselwerk des Neuen Deutschen Films, das die politischen Ambitionen und die medienkritische Haltung der gesamten Welle exemplarisch bündelt und in seiner düsteren Kriminalfall-Struktur an Elemente des Film Noir erinnert. Im Filmlexikon empfehlen wir diesen Film als Pflichtlektüre für den Deutsch-, Politik- oder Medienkundeunterricht. Wer sich mit Medienethik, dem deutschen Film der 1970er oder der Frage beschäftigt, wie Kritik in Filmform Gestalt annehmen kann, kommt an diesem Werk nicht vorbei.

Auf einem Holztisch liegen gestapelte Zeitungen mit reißerischen Überschriften, während der Hintergrund unscharf bleibt. Diese Darstellung könnte an die kritische Auseinandersetzung mit Themen des deutschen Films und der Nachkriegszeit erinnern, wie sie von Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder oder Wim Wenders behandelt wurden.

Rezeption, Einfluss und heutige Bedeutung des Neuen Deutschen Films

Internationale Anerkennung

In den 1970er Jahren eroberte der Neue Deutsche Film die internationalen Filmfestivals. „Die Blechtrommel“ gewann 1979 den Oscar, Fassbinders „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ erhielt 1982 den Goldenen Bären der Berlinale, Herzog und Wenders wurden in Cannes und Venedig vielfach ausgezeichnet. Im Inland blieb die Resonanz zunächst verhaltener – viele Filme erreichten eher ein Arthouse-Publikum als die Masse.

Veränderung des deutschen Filmbildes

Der Neue Deutsche Film veränderte das Bild des deutschen Films im Ausland grundlegend. Statt trivialer Heimatfilme assoziierte man deutsche Produktion fortan mit anspruchsvollem Autorenkino, politischer Relevanz und formaler Innovation. Diese Welle wirkte weit über ihr eigentliches Ende hinaus.

Erbe: Berliner Schule und Gegenwart

Spätere Bewegungen wie die „Berliner Schule“ – mit Regisseuren wie Christian Petzold, Angela Schanelec und Thomas Arslan – knüpfen explizit an die Tradition des Neuen Deutschen Films an: kleine Budgets, Fokus auf Authentizität, Alltagsrealismus, historische Erinnerung. Die Dokumentation realer gesellschaftlicher Verhältnisse bleibt ein zentrales Anliegen.

Heutige Produktionslandschaft

Die Produktionsbedingungen haben sich seit den 1970er Jahren drastisch verändert. Wo damals Fernsehanstalten als Koproduktionspartner fungierten, treten heute internationale Streamer und digitale Plattformen auf den Plan. Aktuelle deutsche Kinofilme decken eine große Bandbreite ab: Eine authentische deutsche Crime-Thriller-Miniserie handelt etwa von einem Spionage-Paar, ein Biopic über Ingeborg Bachmann behandelt ihre Liebesbeziehung zu Max Frisch, und das Leben von Eltern in der Midlife-Krise wird in einem weiteren Film beleuchtet. Daneben thematisiert eine satirische Komödie Coaching und Esoterik – Zeichen dafür, dass der deutsche Film weit über das Erbe des Autorenkinos hinausgewachsen ist, ohne dessen Impulse zu vergessen.

Verfügbarkeit und akademische Verankerung

Viele Klassiker des Neuen Deutschen Films sind heute als restaurierte Fassungen auf Blu-ray, in öffentlich-rechtlichen Mediatheken oder bei spezialisierten Streaming-Diensten verfügbar. In filmwissenschaftlichen Curricula sind sie fest verankert – von der Einführungsvorlesung bis zum Spezialseminar.

Warum die Beschäftigung weiterhin lohnt

Aus Sicht des Filmlexikons bleibt die Auseinandersetzung mit dem Neuen Deutschen Film für Filmstudierende, Lehrkräfte und Filmschaffende unverzichtbar. Wer Filmgeschichte, politisches Kino oder den Autorenfilm verstehen will, muss sich mit dieser Bewegung beschäftigen. Die Experimente von Fassbinder, Herzog, Wenders, Schlöndorff und von Trotta haben Maßstäbe gesetzt, die bis in die Gegenwart wirken.

Wer tiefer einsteigen möchte, findet im Filmlexikon rund um zentrale Filmbegriffe und -berufe weiterführende Artikel zu einzelnen Filmen, Regisseur*innen, Filmberufen und Fachbegriffen wie „Autorenfilm“, „Filmförderung“ oder „Mise en Scène„. Der Neue Deutsche Film ist kein abgeschlossenes Kapitel – er ist eine Einladung, Kino als kritische Kunstform zu begreifen.

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