Spider-Man: Across the Spider-Verse – Analyse, Hintergründe und Filmwissen
Kurzübersicht: Warum „Across the Spider-Verse“ so besonders ist
Spider-Man: Across the Spider-Verse ist ein Animationsfilm von 2023, der sich innerhalb weniger Wochen nach seinem Kinostart zu einem der meistdiskutierten Filmwerke des Jahres entwickelte. Als zweiter Teil einer Trilogie knüpft er direkt an die Ereignisse von Spider-Man: A New Universe (2018) an und führt die Geschichte von Miles Morales weiter – einem jugendlichen Held aus Brooklyns Straßen, der sich in einem immer größer werdenden Multiversum behaupten muss. Ein dritter Teil mit dem Titel „Spider-Man: Beyond the Spider-Verse“ ist angekündigt und soll die Trilogie abschließen.
Was den Film so außergewöhnlich macht, geht weit über eine typische Superheldengeschichte hinaus. Spider-Man: Across the Spider-Verse vertieft das Konzept des Spider Verse auf eine Weise, die sowohl visuell als auch narrativ neue Maßstäbe im Animationskino setzt. Jede Dimension im Film hat einen eigenen Animationsstil, die Figurenentwicklung ist emotional komplexer als im Vorgänger, und die thematische Tiefe reicht von Identitätsfragen bis hin zu philosophischen Überlegungen über Schicksal und Selbstbestimmung.
Dieser Artikel beleuchtet den Film aus der Perspektive von Filmlexikon – als filmwissenschaftliche Einordnung mit technischen Hintergründen, Figurenanalysen und praktischen Bezügen für Studierende, Filmschaffende und Lehrkräfte. Die Schwerpunkte liegen auf Story und Grundkonflikt, den zentralen Figuren, dem revolutionären Animationsstil, den filmischen Mitteln sowie der Bedeutung des Films für das Genre der Comicverfilmungen und den Animationsfilm insgesamt. Wer sich für Bildsprache, transmediales Storytelling oder die Zukunft animierter Erzählformate interessiert, findet hier eine fundierte Grundlage.

Produktionsdaten und Eckdaten zum Film
Die Produktion von Spider-Man: Across the Spider-Verse war ein Mammutprojekt, das sich über mehrere Jahre erstreckte. Die Produktion begann im Juni 2020 – mitten in der Pandemie – und wurde erst am 20. Mai 2023 abgeschlossen, nur dreizehn Tage vor dem US-Kinostart. Hinter dem Film standen Sony Pictures Animation und Columbia Pictures in Zusammenarbeit mit Marvel Entertainment.
Die Regie teilten sich drei Filmemacher: Joaquim Dos Santos, Kemp Powers und Justin K. Thompson. Dos Santos brachte Erfahrung aus der Animation mit (unter anderem „Avatar: The Last Airbender“), Powers kam vom Spielfilm und Theater, Thompson war bereits als Production Designer am ersten Teil beteiligt. Das Drehbuch stammte von Phil Lord und Christopher Miller – den kreativen Köpfen hinter der gesamten Spider-Verse-Saga – zusammen mit Dave Callaham. Zu den Produzenten gehörten unter anderem Amy Pascal, Avi Arad, Phil Lord, Christopher Miller und Christina Steinberg.
Der Film hat eine Laufzeit von 140 Minuten und war damit zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung der längste Animationsfilm eines US-Studios. Die Premiere fand am 30. Mai 2023 in Paris statt, der offizielle US-Kinostart folgte am 2. Juni 2023. In Deutschland kam der Film bereits einen Tag zuvor, am 1. Juni 2023, in die Kinos. Die digitale Veröffentlichung erfolgte am 8. August 2023.
Die FSK erteilte dem Film in Deutschland die Altersfreigabe ab 12 Jahren. In der Begründung verwies die Prüfstelle auf rasante und bildgewaltige Actionszenen, intensive Bedrohungsszenarien und komplexe Themen, die für jüngere Kinder belastend wirken können. Gleichzeitig hob sie beruhigende und komödiantische Momente hervor, die eine Entlastung bieten.
In frühen Ankündigungen trug der Film noch den Zusatz „Part One“, was auf die enge Verknüpfung mit dem geplanten dritten Teil hinwies. Dieser Zusatz wurde vor dem Kinostart gestrichen, der Titel blieb international bei „Across the Spider-Verse“. Das Budget lag Schätzungen zufolge bei 100 bis 150 Millionen US-Dollar.
Vorgeschichte: Von „Spider-Man: A New Universe“ zum erweiterten Spider-Verse
Um die Leistung von Across the Spider-Verse einordnen zu können, lohnt ein Blick auf den Vorgänger. Der erste Teil der Trilogie ist Spider-Man: Into the Spider-Verse, der 2018 unter dem deutschen Titel „A New Universe“ in die Kinos kam. Dieser Film etablierte Miles Morales als neuen Spider-Man – nicht als Ersatz für Peter Parker, sondern als eigenständige Figur mit eigener Herkunft, eigenem Universum und eigener Erzählung.
Bereits in A New Universe wurde ein kleineres Spider Verse vorgestellt: Durch ein missglücktes Experiment des Kingpin öffneten sich Portale zu anderen Dimensionen, und alternative Spider-Man-Versionen wie Spider-Gwen, Spider-Man Noir, Peni Parker und Spider-Ham landeten in Miles‘ Welt. Der Film erzählte klassische Coming-of-Age-Themen – Selbstfindung, der Tod eines Mentors, das Übernehmen von Verantwortung – und verknüpfte sie mit einem visuell bahnbrechenden Animationsfilm-Konzept.
Die Technik des ersten Teils war wegweisend. Sony Pictures Imageworks entwickelte Methoden, um CGI-Animation wie einen lebenden Comic aussehen zu lassen: Rasterhalbtöne, handgezeichnete Outlines, Onomatopoesien als grafische Elemente, bewusster Verzicht auf Bewegungsunschärfe. Das Ergebnis sah aus, als würde eine Graphic Novel in Echtzeit ablaufen.
Die Auszeichnungen bestätigten den Ansatz. „Into the Spider-Verse“ gewann 2019 den Oscar als bester Animationsfilm und setzte damit ein Signal an die gesamte Branche: Stilistisch mutige, visuell experimentelle Animation konnte auch kommerziell und bei der Kritik bestehen.
Die Fortsetzung verschob den thematischen Schwerpunkt spürbar. Während der erste Teil primär eine Heldenreise war – Miles findet seinen Platz als Spider-Man –, bewegt sich Across the Spider-Verse in Richtung Identität, Determinismus und systemische Konflikte. Die Frage lautet nicht mehr „Kann ich Spider-Man sein?“, sondern „Was bedeutet es, Spider-Man zu sein, wenn das System mir vorschreibt, wer ich sein soll?“ Diese Verschiebung macht den zweiten Film narrativ komplexer, aber auch fordernder für sein Publikum.
Prämisse und Grundkonflikt von „Across the Spider-Verse“
Der Film folgt Miles Morales auf einer Reise durch das Multiversum, die seinen Blick auf Heldentum, Schicksal und Zugehörigkeit grundlegend verändert. Rund ein Jahr nach den Ereignissen des ersten Films lebt Miles in seinem Heimatuniversum und versucht, den Alltag eines Teenagers mit seinen Pflichten als Spider-Man zu vereinen. Schule, Eltern, College-Bewerbungen auf der einen Seite – Superschurken, geheime Identität und das Gefühl, niemandem davon erzählen zu können, auf der anderen.
Die Wiederbegegnung mit Gwen Stacy verändert alles. Gwen, die seit dem Ende von A New Universe in ihr eigenes Universum zurückgekehrt ist, taucht erneut in Miles‘ Leben auf – doch nicht nur aus persönlichen Gründen. Sie gehört inzwischen einer Organisation an, die sich „Spider Society“ nennt: ein multiversales Netzwerk von Spider-People, das die Stabilität der verschiedenen Realitäten überwacht.
Angeführt wird diese Gesellschaft von Miguel O’Hara, bekannt als Spider-Man 2099. Miguel verfolgt ein striktes Regelsystem, das auf sogenannten „Kanonevents“ basiert – tragische Ereignisse, die in jedem Spider-Man-Universum auftreten müssen, damit die Realität stabil bleibt. Der Tod eines geliebten Menschen, der Verlust eines Polizeicaptains, persönliche Opfer: All das sind festgeschriebene Wendepunkte, die laut Miguel nicht verhindert werden dürfen.
Miles gerät mit diesem System in Konflikt, weil er die Regeln nicht akzeptiert. Er will seinen Vater retten, der laut der Spider Society einem Kanonevent zum Opfer fallen muss. Damit stellt er sich gegen das gesamte Netzwerk, gegen Hunderte von Spider-People – und gegen die Idee, dass Tragödie unvermeidbar ist.
Parallel dazu entwickelt sich der Antagonist The Spot von einem scheinbar harmlosen Nebenbösewicht zu einer multiversalen Bedrohung. Der Bösewicht The Spot kann durch Löcher in verschiedene Dimensionen reisen – Portale, die seinen gesamten Körper bedecken und ihm die Fähigkeit geben, Raum und Realität zu durchbrechen. Was zunächst wie ein komischer Gag wirkt, entpuppt sich als existenzielle Gefahr für das gesamte Spider Verse.
Der Film ist bewusst als Mittelteil einer größeren Saga im Spider Verse angelegt und endet mit einem Cliffhanger, der die Auflösung aller zentralen Konflikte dem dritten Teil überlässt.
Handlung: Struktur und zentrale Wendepunkte (mit Spoiler-Hinweis)
Achtung: Der folgende Abschnitt enthält umfassende Spoiler zur Handlung von Spider-Man: Across the Spider-Verse.
Die Handlung lässt sich in drei große Akte gliedern, die Miles von seiner Nachbarschaft in Brooklyn über verschiedene Dimensionen des Spider Verse bis zu einem schockierenden Cliffhanger führen.
Akt 1 – Brooklyn und Gwens Rückkehr
Der Film beginnt nicht mit Miles, sondern mit Gwens Geschichte. In Earth-65 kämpft sie als Spider-Woman gegen den Geier – hier in einer Renaissance-Version – und verliert dabei beinahe ihre geheime Identität vor ihrem Vater George Stacy, einem Polizeibeamten. Nach einem schmerzhaften Bruch mit ihm schließt sich Gwen offiziell der Spider Society an.
In Brooklyn hat Miles unterdessen mit dem Spot seinen ersten Zusammenstoß. Der Wissenschaftler Dr. Johnathon Ohnn ist ein Überbleibsel des Alchemax-Experiments aus dem ersten Film und macht Miles persönlich für sein Schicksal verantwortlich. Der Kampf verläuft chaotisch, The Spot entkommt – und Gwen taucht in Miles‘ Universum auf, um ihn mitzunehmen.
Akt 2 – Mumbattan und die Spider Society
Miles und Gwen reisen nach Mumbattan, dem Universum von Pavitr Prabhakar, wo The Spot einen Kanonevent auszulösen droht. Miles rettet einen Polizeibeamten, den er eigentlich hätte sterben lassen müssen – zumindest nach den Regeln der Spider Society. Daraufhin wird er nach Nueva York 2099 gebracht, dem Hauptquartier der Organisation.
Hier trifft Miles Morales auf die Spider-Society im Multiversum – Hunderte von Spider-People aus allen erdenklichen Realitäten. Miguel O’Hara erklärt ihm das System der Kanonevents und offenbart eine für Miles erschütternde Wahrheit: Die Spinne, die ihn gebissen hat, stammte nicht aus seinem Universum. Miles war nie „vorgesehen“. Er wird von der Spider Society als Anomalie bezeichnet – ein Fehler im System.
Akt 3 – Flucht und Cliffhanger
Miles weigert sich, sein Schicksal zu akzeptieren, und flieht. Es folgt eine Verfolgungsjagd durch Hunderte Spider-People, bei der Miles seine Fähigkeiten bis an die Grenzen ausreizt. Mithilfe einer Go-Home-Maschine will er in sein Universum zurückkehren – doch er landet im falschen. Statt in Earth-1610 findet er sich in Earth-42 wieder, einer Welt ohne Spider-Man, in der sein alternativer Doppelgänger nicht als Held, sondern als Prowler lebt.
Spider-Man: Across the Spider-Verse endet mit einem Cliffhanger: Miles ist in Earth-42 gefangen, konfrontiert mit der dunklen Version seiner selbst. Gwen, die wegen ihrer Verteidigung von Miles aus der Spider Society verbannt wurde, stellt unterdessen ein eigenes Team zusammen, um Miles zu retten. Miles Morales kämpft gegen die Regeln des Spider-Verse – und der Film lässt offen, ob er damit Erfolg haben wird.

Figurenanalyse: Miles Morales als moderner Spider-Man
Miles Morales ist ein jugendlicher Held aus Brooklyn, der im Verlauf von Across the Spider-Verse eine fundamentale Wandlung durchläuft. Die Entwicklung der Charaktere ist im zweiten Film emotional reifer als im Vorgänger, und das zeigt sich besonders bei Miles.
Im ersten Film war seine zentrale Frage, ob er Spider-Man sein kann. Im zweiten Film weiß er, dass er es ist – aber die Welt um ihn herum stellt infrage, ob er es sein darf. Dieser Unterschied ist entscheidend für die gesamte Figurendynamik.
Miles ist zerrissen zwischen mehreren Identitätsebenen:
- Familie: Seine Eltern Rio Morales und Jefferson Davis erwarten, dass er sich auf die Schule konzentriert, gute Noten schreibt und sich für Colleges bewirbt. Sie ahnen nichts von seinem Doppelleben. Die Geheimhaltung erzeugt eine wachsende Distanz, die Miles schmerzt, aber die er nicht überwinden kann, ohne alles zu riskieren.
- Kulturelle Identität: Als afro-lateinamerikanischer Teenager in Brooklyn steht Miles in einer spezifischen kulturellen Tradition, die der Film nie als bloße Kulisse behandelt. Sein Zuhause, seine Familie, seine Nachbarschaft sind konkret und lebendig gezeichnet.
- Heldenrolle: Miles will dazugehören – zu Gwen, zu den Spider-People, zur größeren Gemeinschaft. Doch als die Spider Society ihn zum Fehler erklärt, muss er sich entscheiden: sich dem System unterordnen oder seinen eigenen Weg gehen.
Die Stärke der Figur liegt darin, dass Miles nicht als reine Repräsentationsfigur funktioniert. Sein Kampf ist universell – der Wunsch nach Zugehörigkeit, der Drang nach Autonomie, die Weigerung, ein vorgeschriebenes Schicksal zu akzeptieren. Gleichzeitig ist er in seiner spezifischen Herkunft und Lebenswelt verankert, was ihm Tiefe und Glaubwürdigkeit verleiht.
Visuell nutzt der Film eine eindrucksvolle Spiegelung: Miles in Earth-1610 und Miles in Earth-42 sind derselbe Mensch, aber in völlig unterschiedlichen Umständen aufgewachsen. Der eine wurde zum Helden, der andere zum Prowler. Diese Gegenüberstellung visualisiert eine der Kernfragen des Films: Macht die Herkunft den Menschen – oder seine Entscheidungen?
Shameik Moore leiht Miles erneut seine Stimme und gibt der Figur eine Mischung aus jugendlichem Trotz, Verletzlichkeit und wachsender Entschlossenheit, die den Film emotional trägt.
Gwen Stacy / Spider-Woman: Parallelgeschichte und filmische Spiegelung
Einer der bemerkenswertesten Erzählgriffe von Across the Spider-Verse ist die Entscheidung, den Film mit Gwens Perspektive zu beginnen. Gwen Stacy ist Miles‘ Verbündete in einer anderen Dimension, doch sie ist weit mehr als eine Nebenfigur. Ihre Geschichte wird nahezu gleichberechtigt zur Miles-Handlung erzählt und bildet ein emotionales Gegengewicht.
In Earth-65 lebt Gwen mit einer Last, die der Film vom ersten Moment an greifbar macht: In ihrem Universum ist Peter Parker tot – gestorben als Lizard, und die Öffentlichkeit gibt Spider-Woman die Schuld. Gwens Vater George Stacy, ein Polizist, jagt sie, ohne zu wissen, dass er seine eigene Tochter verfolgt.
Gwen Stacy faces challenges balancing her responsibilities and personal connections. Als sie ihrem Vater schließlich ihre Identität offenbart, reagiert er mit der Waffe im Anschlag – ein Moment, der die Brutalität ihres Konflikts auf den Punkt bringt. Sie verliert ihre Heimat und schließt sich der Spider Society an, wo sie Struktur und Zugehörigkeit findet – aber auch Regeln, die sie einschränken.
Die Parallelen zu Miles sind offensichtlich und vom Film bewusst angelegt. Beide kämpfen mit Geheimhaltung, beide sehnen sich nach Verbindung, beide müssen sich entscheiden, welchen Regeln sie folgen. Doch während Miles gegen das System rebelliert, versucht Gwen zunächst, innerhalb des Systems zu funktionieren – bis sie erkennt, dass Loyalität zur Spider Society und Loyalität zu Miles unvereinbar sind.
Gwen wird für ihre Verteidigung von Miles aus der Spider Society verbannt. Diese Entscheidung markiert ihren Wendepunkt: Sie stellt Beziehung über Struktur, persönliche Überzeugung über institutionelle Vorgabe.
Visuell setzt der Film Gwens Innenleben auf außergewöhnliche Weise um. Ihre Welt in Earth-65 ist in einem impressionistischen Aquarellstil gehalten, der sich mit ihren Emotionen verändert. In Momenten der Angst dominieren kalte Blautöne, bei Trauer lösen sich die Hintergründe fast auf, in Momenten der Hoffnung erscheinen warme Pastellfarben. Die Inszenierung nutzt Farbe hier nicht als Dekoration, sondern als filmisches Mittel zur Charakterzeichnung.
Hailee Steinfeld gibt Gwen mit ihrer Stimmleistung eine Mischung aus Verletzlichkeit und stiller Stärke, die perfekt zur visuellen Sprache der Figur passt.

Weitere Schlüsselcharaktere im Spider-Verse
Neben Miles und Gwen bevölkert eine beeindruckende Zahl von Figuren das Spider Verse. Einige davon sind für die Handlung zentral, andere setzen visuelle oder thematische Akzente.
Miguel O’Hara / Spider-Man 2099 – Gesprochen von Oscar Isaac, ist Miguel O’Hara der Anführer der Spider-Society. Er ist kein klassischer Bösewicht, sondern ein tragischer Antiheld. Nachdem er in einer alternativen Realität versucht hat, das Schicksal zu ändern, und dabei ein ganzes Universum zerstört hat, ist er besessen von der Idee, dass Kanonevents nicht verändert werden dürfen. Seine Starre ist nachvollziehbar, aber auch gefährlich – und macht ihn zum Antagonisten aus Prinzip.
Jessica Drew / Spider-Woman – Issa Rae spricht diese Version von Spider-Woman, die auf einem Motorrad durch Dimensionen fährt und als Miguels rechte Hand fungiert. Sie ist pragmatisch, erfahren und hat eine differenziertere Haltung als Miguel – letztlich hilft sie Gwen, auch wenn sie die Regeln nicht offiziell bricht.
Hobie Brown / Spider-Punk – Daniel Kaluuya gibt dieser Figur seine Stimme. Hobie steht für Widerstand gegen ein korrumpiertes System. Er misstraut Organisationen, lehnt Labels ab und ermutigt Miles, seinen eigenen Weg zu gehen. Visuell und erzählerisch ist er eine der markantesten Neuzugänge der gesamten Spider-Verse-Saga.
Pavitr Prabhakar / Spider-Man India – Ein junger Spider-Man aus Mumbattan, energiegeladen und optimistisch. Seine Funktion im Film ist eher katalytisch: In seinem Universum findet der entscheidende Regelbruch statt, als Miles einen Kanonevent verhindert.
Peter B. Parker – Jake Johnson kehrt als der etwas abgehalfterte Peter Parker aus dem ersten Film zurück, diesmal mit Baby „Mayday“ auf dem Arm. Er fungiert als Kontrastfigur zu Miles in Bezug auf Verantwortung und Elternschaft und bringt sowohl Humor als auch emotionale Tiefe.
Margo Kess / Spider-Byte – Eine Figur, die ihre Spider-Identität remote über einen digitalen Avatar steuert. Sie repräsentiert die technologische Dimension des Spider Verse und hilft Miles heimlich bei seiner Flucht.
Lyla – Die KI-Assistentin der Spider Society, gesprochen von Greta Lee. Visuell als Hologramm dargestellt, sorgt sie für Informationsvermittlung und komödiantische Momente.
Erwähnenswert ist auch der Live-Action-Cameo von Donald Glover als Aaron Davis / Prowler. Diese kurze Szene funktioniert als intermediale Brücke und Meta-Referenz, die Fans der verschiedenen Spider-Man-Inkarnationen miteinander verbindet.
Die Synchronisation der deutschsprachigen Fassung übertrug die stimmliche Vielfalt des Original-Casts auf eine deutsche Besetzung, wobei die Charakterisierung der einzelnen Figuren durch Stimmfarbe und Sprechrhythmus erhalten blieb.
Antagonisten: The Spot und das Konzept des Schicksals
Die Antagonisten von Across the Spider-Verse sind ungewöhnlich, weil sie auf zwei völlig unterschiedlichen Ebenen operieren. The Spot ist die äußere, physische Bedrohung. Miguel O’Hara ist die innere, ideologische.
The Spot (Dr. Johnathon Ohnn) wird im Film zunächst als lächerliche Figur eingeführt – ein Wissenschaftler, dessen Körper mit schwarz-weißen Dimensionsportalen übersät ist. Er stolpert durch Kämpfe, wird von Miles nicht ernst genommen und wirkt wie ein Schurke aus der zweiten Reihe.
Doch genau darin liegt die Stärke der Figur. The Spot ist ein Produkt des ersten Films: Er arbeitete im Alchemax-Labor, als der Supercollider aktiviert wurde. Das Experiment, das Miles seine Kräfte gab, zerstörte sein Leben. Er ist eine lebende Konsequenz von Miles‘ Existenz als Spider-Man – und er weiß es.
Im Laufe des Films verwandelt sich The Spot von einer Witzfigur zur existenziellen Bedrohung. Er lernt, seine Portale zu kontrollieren, absorbiert die Energie anderer Dimensionen und wird so mächtig, dass er das gesamte Multiversum destabilisieren kann. Jason Schwartzman gibt der Figur eine Stimme, die zwischen Selbstmitleid, Wut und wachsendem Wahnsinn changiert. Sony Pictures Imageworks entwickelte 17 neue digitale Werkzeuge allein für die Visualisierung seiner Portal-Effekte.
Parallel dazu funktioniert Miguel O’Hara als Antagonist auf einer anderen Ebene. Er ist kein Bösewicht im klassischen Sinne. Er hat Tragisches erlebt, er hat Gründe für seine Überzeugungen, und innerhalb seiner Logik handelt er rational. Doch sein radikaler Determinismus – die Überzeugung, dass tragische Kanonevents in jedem Universum stattfinden müssen – macht ihn zum Hindernis für Miles‘ Freiheitsdrang.
Die beiden Antagonisten ergänzen sich thematisch: The Spot stellt die Frage, ob Handlungen Konsequenzen haben, die man nicht kontrollieren kann. Miguel stellt die Frage, ob man Konsequenzen akzeptieren muss, selbst wenn man sie verhindern könnte. Beide Positionen werden gegen Miles‘ Haltung gesetzt: dass er seine eigene Geschichte schreiben kann, unabhängig davon, was das Schicksal vorschreibt.
Das Spider-Verse als Erzählkonzept des Multiverse
Der Begriff „Spider-Verse“ beschreibt nicht nur einen Filmtitel, sondern ein Erzählkonzept, das in den Marvel-Comics seinen Ursprung hat und im Film zu einem eigenständigen narrativen Werkzeug weiterentwickelt wurde.
In den Comics entstand das Spider Verse als groß angelegte Crossover-Saga zwischen 2014 und 2015, geschrieben von Dan Slott. Die Grundidee: Es existieren unzählige Paralleluniversen, in denen jeweils eine Version von Spider-Man existiert – manchmal menschlich, manchmal tierisch, manchmal in völlig anderen historischen oder technologischen Kontexten. Die Bedrohung durch den Vampirjäger Morlun und seine Familie der „Inheritors“ zwang alle Spider-Versionen zur Zusammenarbeit. In diesem Comic-Kontext wurde auch Spider-Gwen erstmals als eigenständige Figur eingeführt.
Der Film adaptiert dieses Konzept, geht aber in entscheidenden Punkten darüber hinaus. Statt einfach viele Spider-Man-Varianten zu versammeln, nutzt Across the Spider-Verse das Multiversum als Spiegel: Jede alternative Realität reflektiert andere Möglichkeiten, andere Entscheidungen, andere Lebenswege. Earth-42, in der es keinen Spider-Man gibt und Miles zum Prowler wurde, ist die konsequenteste Umsetzung dieses Prinzips.
Das Multiversum dient hier mehreren erzählerischen Funktionen gleichzeitig:
- Identitätsthema: Wenn es unendlich viele Versionen von dir gibt – was macht dich einzigartig? Miles‘ Kampf um Individualität ist direkt an die Struktur des Multiverse geknüpft.
- Franchise-Strategie: Das Spider Verse ermöglicht es, beliebig viele Figuren, Welten und Geschichten zu integrieren, ohne die Haupthandlung zu überladen. Jede Figur kann ihr eigenes Spinoff tragen.
- Metareflexion: Der Film thematisiert Individualität gegen deterministische Kräfte auf einer Ebene, die auch als Kommentar auf das Franchise-Kino selbst gelesen werden kann. Müssen Superheldengeschichten bestimmten Formeln folgen? Oder kann man aus dem Schema ausbrechen?
Die Unterschiede zur Multiverse-Nutzung im Marvel Cinematic Universe (etwa in „Spider-Man: No Way Home“) sind bemerkenswert. Während das MCU das Multiversum primär als Plot-Mechanismus nutzt – ein Mittel, um beliebte Figuren zusammenzuführen –, macht Across the Spider-Verse es zum thematischen Kern. Die Frage ist nicht „Wer trifft wen?“, sondern „Was bedeutet es, in einem System zu existieren, das deine Rolle vorbestimmt?“
Visueller Stil: Die Evolution des Comic-Looks
Der visuelle Stil von Spider-Man: Across the Spider-Verse ist das, was den Film am deutlichsten von jedem anderen Animationsfilm der letzten Jahrzehnte abhebt. Animationstechniken im Film sind stark von comicartigem Stil geprägt – doch das allein beschreibt nicht, was hier geschieht.
Sony Pictures Imageworks in Vancouver setzte über tausend Spezialisten ein, um eine Ästhetik zu schaffen, die den Ansatz des Vorgängers nicht wiederholt, sondern radikalisiert. Während „A New Universe“ einen einheitlichen Comic-Look etablierte, geht die Fortsetzung einen Schritt weiter: Jedes Universum hat eigene visuelle Regeln, eigene Texturen, eigene Farbpaletten, eigene Bildrhythmen.
Die Verschmelzung von Comic-Elementen mit filmischen Mitteln ist dabei kein Gimmick, sondern ein erzählerisches Narrativ-Werkzeug:
- Panel-Layouts gliedern einzelne Einstellungen wie Comic-Seiten, besonders in Actionszenen.
- Sprechblasen und Gedankenblasen tauchen an dramatischen Wendepunkten auf und brechen die Grenze zwischen Film und gedrucktem Medium.
- Speedlines und Onomatopoesien erzeugen ein Gefühl von Geschwindigkeit und Wucht, das über konventionelle Kameraarbeit hinausgeht.
- Bewusster Verzicht auf Bewegungsunschärfe in bestimmten Szenen erzeugt einen „gedruckten“ Look.
Gleichzeitig nutzt der Film klassische filmische Mittel – aufwendige Kamerafahrten, Tiefenschärfe-Spiele, präzise Montage – und verschmilzt sie mit den grafischen Elementen. Das Ergebnis ist weder reiner Comic noch konventioneller Animationsfilm, sondern etwas Eigenes.
Der Unterschied zu den meisten CGI-Animationsfilmen großer US-Studios ist fundamental. Produktionen von Pixar, Illumination oder DreamWorks streben in der Regel nach einer glatten, fotorealistischen oder stilisiert-einheitlichen Optik. Across the Spider-Verse bricht mit diesem Konsens bewusst. Die visuelle Unruhe, die unterschiedlichen Framerates, die handgemachten Texturen – all das sind Entscheidungen gegen den Mainstream, die dem Film seine unverwechselbare Identität geben.
Die Animationskomplexität des Films übertrifft die des Vorgängers in nahezu jeder Hinsicht. Mehr Charaktere, mehr Welten, mehr Stilwechsel – und jeder davon musste technisch und künstlerisch konsistent umgesetzt werden.

Die sechs zentralen Universen und ihr Animationsdesign
Der Film verwendet sechs verschiedene Animationsstile für seine wichtigsten Welten. Jede Dimension im Film hat einen eigenen Animationsstil, der nicht nur dekorativ wirkt, sondern Charakter, Stimmung und Erzählhaltung transportiert.
Earth-65, Gwens Heimatwelt, ist in einer impressionistischen Aquarelloptik gehalten. Pastellige Farben – Rosa, Hellblau, Lavendel – dominieren die Hintergründe, die sich je nach Gwens Gefühlslage verändern. In Momenten der Trauer verblassen die Farben, in Momenten der Entschlossenheit werden sie kräftiger. Die Hintergründe wirken absichtlich unfertig, als wären sie mit Wasserfarben gemalt und noch nicht getrocknet. Dieser Stil macht Gwens Innenwelt visuell greifbar und unterscheidet sich radikal von der harten, urbanen Optik anderer Welten.
Brooklyn, Miles‘ Heimat in Earth-1610, knüpft an den Look des ersten Films an, entwickelt ihn aber weiter. Graffiti-Texturen, Street-Art-Einflüsse und eine warme, erdige Farbpalette prägen das Bild. Die Welt wirkt vertraut, urban, lebendig. Subtile Comic-Überhöhungen – Halbtöne, grafische Schlagschatten – erinnern daran, dass auch diese Realität eine gezeichnete ist, aber sie fügt sich natürlicher ins Gesamtbild als die experimentelleren Welten.
Mumbattan, das Universum von Pavitr Prabhakar, verschmilzt Elemente von Mumbai und Manhattan zu einer hyperdichten Stadtlandschaft. Warme Orangetöne, überfüllte Perspektiven und architektonische Referenzen an indische Tempelbauten und Art-déco-Hochhäuser erzeugen eine Welt, die vor Energie überquillt. Der Stil ist lebhaft, farbgesättigt und fast überwältigend – passend zur rasanten Actionsequenz, die dort stattfindet.
Nueva York 2099, das Hauptquartier von Miguel O’Hara und der Spider Society, setzt auf eine futuristische Ästhetik. Kühle Blau- und Violetttöne dominieren, die Architektur erinnert an brutalistische Entwürfe, beeinflusst von Designern wie Syd Mead und Oscar Niemeyer. Digitale Überlagerungen und holografische Interfaces durchziehen das Bild. Die Atmosphäre ist steril, kontrolliert und bedrohlich – ein visuelles Pendant zu Miguels autoritärem Führungsstil.
Das Lego-Universum taucht nur kurz auf, hinterlässt aber einen starken Eindruck. Es ist vollständig im Lego-Stil animiert und entstand unter besonderen Umständen: Der junge Fan-Animator Preston Mutanga, damals 14 Jahre alt, hatte einen viralen Lego-Reboot des ersten Trailers erstellt. Sony beauftragte ihn daraufhin, seine Arbeit ins Filmprojekt zu integrieren – ein seltenes Beispiel für fan-inspirierte Produktion auf diesem Niveau.
Das Renaissance-Universum des Geiers ist an Leonardo da Vinci angelehnt. Skizzenhafte Linien, Sepia-Töne und eine papierartige Textur lassen die Szenen wirken wie bewegte Zeichnungen aus alten Skizzenbüchern. Jorma Taccone spricht den Vulture in dieser Welt, der dort als Adriano Tumino eine historisch versetzte Version der bekannten Figur darstellt.
Charakterdesigns: Von Miles und Gwen bis Spider-Punk
Im Animationsfilm übernimmt Figurendesign eine erzählerische Funktion, die im Realfilm durch Kostüm, Maske und Körpersprache geleistet wird. In Across the Spider-Verse ist das Charakterdesign besonders ambitioniert, weil jede Figur nicht nur visuell einzigartig sein muss, sondern auch in den Stil ihres jeweiligen Universums passen muss.
Miles‘ Design im zweiten Film spiegelt seine Reifung. Er ist etwas größer gezeichnet, seine Körperhaltung selbstsicherer. Sein Spider-Man-Kostüm trägt Anspielungen an Graffiti und urbane Kultur – die roten Sneaker, das umgedrehte Spider-Logo, die lockere Haltung. Gleichzeitig behält sein Design die jugendliche Verletzlichkeit bei, die ihn von erwachseneren Spider-People unterscheidet.
Gwens Redesign ist subtiler, aber wirkungsvoll. Ihr Haarschnitt ist asymmetrisch, mit auffälligen Highlights, die an Comic-Versionen wie die Gurihiru-Farbpalette angelehnt sind. Ihr Kostüm – das ikonische Weiß mit Neonpink und Türkis – wurde leicht angepasst, um mehr Bewegungsfreiheit und dynamischere Posen zu ermöglichen.
Am aufwendigsten ist das Design von Hobie Brown, bekannt als Spider-Punk. Seine Figur sieht aus, als wäre sie aus einem Punk-Zine der 1970er ausgeschnitten und collageartig zusammengesetzt. Verschiedene Körperteile – Gitarre, Arme, Umrisse – werden in unterschiedlichen Bildraten animiert, manche „on 3s“, andere „on 2s“. Die Animation von Spider-Punk dauerte zwei bis drei Jahre, weil die Umsetzung seiner visuellen Rebellion gegen jede gestalterische Norm extrem arbeitsintensiv war. Das Ergebnis ist eine Figur, die buchstäblich nicht stillsteht – nicht einmal innerhalb ihres eigenen Designs.
Miguel O’Haras Anzug nutzt leuchtende Linien und holografische Effekte, um seine Herkunft aus einer technologischen Zukunft zu signalisieren. Sein „Laser-Cape“ löst sich in digitale Partikel auf, seine Bewegungen sind härter und kantiger als die der anderen Spider-People – passend zu seinem kompromisslosen Charakter.
Margo Kess alias Spider-Byte operiert als digitaler Avatar. Ihr Design mischt Hologramm-Ästhetik der 1980er und 1990er mit zeitgenössischer Interface-Gestaltung. Sie wirkt pixelig, transparent und leicht instabil – eine visuelle Metapher für ihre Existenz zwischen physischer und digitaler Welt.
Animationstechniken und Produktion: Aufwand hinter den Bildern
Die technische Produktion von Spider-Man: Across the Spider-Verse war ein Unterfangen von beispiellosem Umfang im Bereich des Animationskinos. Über 1000 Animatoren arbeiteten an dem Film – an rund 240 Charakteren und sechs visuell eigenständigen Hauptuniversen, deren Feinschliff in einer äußerst aufwendigen Postproduktion erfolgte.
Die eingesetzten Mischtechniken sind ein Kernmerkmal der Produktion. 3D-Computeranimation wurde mit 2D-Zeichnungen kombiniert, handgemalte Texturen wurden über digitale Modelle gelegt, und Frame-Dropping – das bewusste Weglassen einzelner Bilder – erzeugte an vielen Stellen einen Stop-Motion-ähnlichen Effekt. Damit unterscheidet sich die Produktion grundlegend von konventionellen CGI-Pipelines, in denen Konsistenz und Glätte oberstes Gebot sind.
Sony Pictures Imageworks musste für den Film neue Werkzeuge und Pipelines entwickeln. Allein für The Spots Portal-Effekte entstanden 17 spezialisierte digitale Tools. Die Herausforderung bestand darin, dass jedes Universum eigene technische Anforderungen stellte: andere Schattierungstechniken, andere Linienführungen, andere Farbmodelle. Was in Earth-65 funktionierte, war für Mumbattan unbrauchbar – und umgekehrt.
Das Team zog Comic-Künstler als visuelle Berater hinzu: Rick Leonardi, Brian Stelfreeze und andere lieferten Referenzmaterial und Stilvorschläge, die in die jeweiligen Universumsdesigns einflossen.
Ein bemerkenswertes Detail der Produktion betrifft das Lego-Universum. Diese Sequenz wurde erst spät im Produktionsprozess hinzugefügt, nachdem der junge Fan-Animator Preston Mutanga mit seiner Lego-Version des ersten Trailers in sozialen Medien Aufmerksamkeit erregt hatte. Sony holte ihn ins Projekt, und seine Arbeit wurde in die finale Version integriert – ein Beispiel dafür, wie durchlässig die Grenzen zwischen Fan-Community und professioneller Produktion geworden sind.
Die Postproduktion erstreckte sich bis wenige Tage vor dem Kinostart: Der Produktionsschluss lag am 20. Mai 2023, nur dreizehn Tage vor der US-Premiere. Dieses extrem enge Zeitfenster verdeutlicht den Perfektionismus des Teams, aber auch den enormen Druck, unter dem die Produktion stand.
Sounddesign und Musik: Wie Klang das Spider-Verse strukturiert
Der visuelle Reichtum von Across the Spider-Verse hat in der Diskussion oft das Sound Design in den Hintergrund gedrängt. Dabei ist die akustische Gestaltung des Films mindestens ebenso durchdacht und spielt eine tragende Rolle für Tempo, Emotion und Multiverse-Atmosphäre.
Für die Filmmusik zeichnet Filmkomponist Daniel Pemberton verantwortlich, der bereits den Score des ersten Teils geschaffen hatte. Pembertons Ansatz für den zweiten Teil war ambitionierter: Der Score bewegt sich zwischen Hip-Hop-Beats, orchestralen Arrangements und elektronischen Klangflächen und demonstriert, wie stark Akustik und Klangwirkung die Wahrnehmung eines Films prägen. Jede Welt im Film klingt anders – Miles‘ Brooklyn hat einen warmen, basslastigen Sound, Gwens Welt klingt weicher und melodischer, Nueva York 2099 ist von synthetischen, kühlen Texturen geprägt.
Diese Klangsignaturen funktionieren wie Leitmotive. Sobald das Publikum eine bestimmte akustische Textur hört, weiß es unbewusst, in welchem Universum es sich befindet – noch bevor das Bild Auskunft gibt.
In den Actionszenen – etwa der Verfolgungsjagd durch Mumbattan oder der Zugsequenz in Nueva York 2099 – arbeiten Musik, Schnitt und Bildrhythmus eng verzahnt. Pemberton setzt Tempowechsel ein, die exakt mit visuellen Übergängen synchronisiert sind: Ein plötzlicher Stille-Moment vor einem Aufprall, ein aufsteigendes Motiv, das in eine Explosion mündet. Das audio-visuelle Zusammenspiel erzeugt eine Intensität, die über das rein Visuelle hinausgeht.
Besonders raffiniert ist der Einsatz von Soundeffekten für die Portale, Glitches und dimensionalen Risse. Jeder Übergang zwischen Welten wird von einem spezifischen akustischen Artefakt begleitet – ein Knistern, ein Zischen, ein kurzer digitaler Aussetzer. Diese Effekte machen das Thema „Across the Spider-Verse“ auch auditiv erfahrbar und verleihen dem Multiversum eine sinnliche Qualität.
Die Tonformate des Films umfassen unter anderem Dolby Digital 5.1, was in Kinos für eine räumliche Klangerfahrung sorgt, bei der die dimensionalen Übergänge physisch spürbar werden. Auch die Audio-Abmischung für die Heimkino-Veröffentlichung auf Blu-ray und digitalem Vertrieb wurde entsprechend aufwendig gestaltet.
Erzählstruktur, Tempo und Montage
Spider-Man: Across the Spider-Verse ist ein Film, der sein Publikum bewusst fordert. Das Tempo ist hoch, die Informationsdichte enorm, und die Erzählstruktur bricht mit konventionellen Mustern des Mainstreamkinos.
Der Film springt zwischen parallelen Handlungssträngen: Miles‘ Geschichte, Gwens Geschichte, The Spots Entwicklung und die Aktivitäten der Spider Society laufen zeitweise nebeneinander her. Diese Parallelmontage ist kein Zufall, sondern ein bewusstes Mittel, um den Multiverse-Charakter der Erzählung zu unterstützen. Das Publikum erlebt nicht eine lineare Geschichte, sondern ein Netzwerk von Geschichten, die sich überlagern, spiegeln und an Knotenpunkten zusammenlaufen.
Die Szenenübergänge nutzen visuelle Infotafeln, kurze Flashbacks und grafische Expositionen, um große Mengen an Information schnell zu vermitteln. Miguels Erklärung der Kanonevents etwa ist eine Montagesequenz aus Comic-Panels, Filmausschnitten und holografischen Projektionen, die in wenigen Minuten ein komplexes Regelwerk etabliert. Das ist effizient, aber es verlangt volle Aufmerksamkeit.
Die Cliffhanger-Struktur des Films lädt zu Vergleichen mit klassischen Filmreihen ein, in denen der zweite Teil bewusst offener endet als der erste. „The Empire Strikes Back“ wird häufig als Referenzpunkt genannt – ein Vergleich, der in Bezug auf narrative Kühnheit nicht unberechtigt ist. In beiden Fällen endet der Mittelteil mit der Niederlage des Helden, offenen Fragen und dem Versprechen einer Auflösung im nächsten Teil.
Was die Rezeption betrifft, hat das hohe Tempo Konsequenzen: Manche Zuschauer erleben den Film als überwältigend, andere als berauschend. Der Filmschnitt ist dicht, die Ruhephasen sind rar, und die ständigen Stilwechsel zwischen den Universen verlangen kognitive Flexibilität. Für ein Filmlexikon ist das ein interessanter Befund: Across the Spider-Verse testet die Grenzen dessen, wie viel visuelle und narrative Information ein Publikum in 140 Minuten verarbeiten kann – und findet bei vielen ein begeistertes, bei manchen ein erschöpftes Publikum.
Themen und Motive: Identität, Familie und „Kanonevents“
Die thematische Dichte von Spider-Man: Across the Spider-Verse geht weit über das hinaus, was man von einem Superheldenfilm erwartet. Der Film behandelt Themen wie Schicksal und Selbstbestimmung, Verantwortung und die Rettung geliebter Menschen, Trauma und Heldentum – und verknüpft sie zu einem komplexen Geflecht, das mehrere Lesarten ermöglicht.
Identität: Miles‘ Suche nach seinem Platz im Spider Verse ist die zentrale Triebfeder des Films. Er ist nicht nur Spider-Man – er ist ein Spider-Man, der laut der Spider Society nie hätte existieren sollen. Die Spinne, die ihn gebissen hat, gehörte nicht in sein Universum. Miles Morales struggles against predetermined fate in the film, indem er sich weigert, diese Zuordnung als endgültig zu akzeptieren. Die Frage, ob Herkunft oder Entscheidungen den Menschen definieren, wird hier nicht abstrakt verhandelt, sondern in konkreten Konfliktsituationen durchgespielt.
Familie: Die Beziehung zu seinen Eltern – Rio, die ihn liebevoll, aber bestimmt lenkt, und sein Vater Jefferson, der als Polizist arbeitet und nichts von Miles‘ Doppelleben ahnt – ist der emotionale Anker des Films. Miles‘ Unfähigkeit, offen mit seinen Eltern zu kommunizieren, erzeugt eine tragische Ironie: Er will sie schützen, aber genau dieses Schützen entfernt ihn von ihnen.
Kanonevents: Das Konzept der Canon Events spielt eine zentrale Rolle in der Handlung. Im Film sind Kanonevents tragische Wendepunkte, die in jeder Spider-Man-Realität auftreten müssen: der Tod eines Captains, der Verlust einer Bezugsperson, persönliche Opfer. Miguel O’Hara behauptet, dass diese Ereignisse nicht verhindert werden dürfen, weil sonst die gesamte Realität kollabiert. Für Miles bedeutet das konkret: Sein Vater muss sterben.
Freiheit vs. Determinismus: Dies ist der philosophische Kern des Films. Miguel vertritt eine radikale Position: Das Universum folgt festen Regeln, tragische Ereignisse sind notwendig, Eingriffe sind gefährlich. Miles vertritt die Gegenposition: „Ich schreibe meine eigene Geschichte.“ Der Film thematisiert Individualität gegen deterministische Kräfte, ohne eine einfache Antwort zu geben – der Cliffhanger lässt die Auflösung bewusst offen.
Diese Themen werden durch die Dramaturgie des Films getragen: Jede Actionszene, jeder Dialog, jede visuelle Entscheidung steht im Dienst dieser übergeordneten Fragestellungen. Gwen Stacy wird mit ihrer Verantwortung im Spider-Verse konfrontiert und muss sich entscheiden, ob institutionelle Treue oder persönliche Beziehungen Vorrang haben. Miles muss entscheiden, ob er ein System akzeptiert, das seinen Vater zum Tod verurteilt. Keiner dieser Konflikte hat eine einfache Lösung.
Bezüge zu Marvel-Comics und anderen Spider-Man-Medien
Spider-Man: Across the Spider-Verse ist tief in der Geschichte der Marvel-Comics verwurzelt, funktioniert aber gleichzeitig als eigenständiges Filmwerk. Für Comic-Kenner bietet der Film ein dichtes Netz an Referenzen, Adaptionen und Neuinterpretationen.
Die „Spider-Verse“-Saga in den Comics, geschrieben von Dan Slott zwischen 2014 und 2015, legte den Grundstein für das Konzept: unzählige Spider-Versionen aus verschiedenen Paralleluniversen, vereint gegen eine gemeinsame Bedrohung. In diesem Crossover-Event wurden Figuren wie Spider-Gwen erstmals eingeführt, die schnell zu einer der populärsten neuen Marvel-Figuren der 2010er Jahre wurde.
Miguel O’Hara als Spider-Man 2099 existiert seit 1992 in den Comics, geschaffen von Peter David und Rick Leonardi. Sein Film-Charakter übernimmt grundlegende Züge – irisch-mexikanischer Hintergrund, genetisch modifizierte Kräfte, futuristische Welt – erweitert sie aber um die Dimension des obsessiven Ordnungshüters.
Spider-Punk, im Film gesprochen von Daniel Kaluuya, basiert auf Hobie Brown aus den Comics (erstmals 2015, von Dan Slott und Olivier Coipel). Seine anarchistische Haltung und der Punk-Ästhetik-Look wurden für den Film collageartig weiterentwickelt.
The Spot als Figur stammt von Al Milgrom und Herb Trimpe und erschien erstmals 1984 in den Comics. Dort galt er lange als B-Schurke – eine Einschätzung, die der Film bewusst aufgreift und dann unterläuft.
Zu den Anspielungen auf andere Spider-Man-Medien gehört Donald Glovers kurzer Auftritt als Aaron Davis, der auf seine Rolle in „Spider-Man: Homecoming“ (2017) verweist. Diese Meta-Referenz verbindet das Sony-Animationsuniversum lose mit dem MCU, ohne eine formelle Verbindung herzustellen. Der Film ist nicht Teil des MCU, sondern bleibt in Sonys eigenem Animations-Universum verortet.
Weitere Easter Eggs umfassen Verweise auf die Tobey-Maguire-Filme, die Andrew-Garfield-Inkarnation und diverse Comicserien. Für das Publikum, das Spider-Man nur aus den Filmen kennt, funktionieren diese Referenzen als interessante Details; für Comic-Kenner bilden sie eine zusätzliche Bedeutungsebene.
Das original englische Audio enthält zudem zahlreiche Wortspiele und Referenzen, die in der deutschen Fassung teilweise angepasst wurden. Wer den Film auf Englisch sieht, entdeckt Nuancen, die in der Übersetzung verloren gehen können.
Rezeption: Kritik, Publikum und Auszeichnungen
Spider-Man: Across the Spider-Verse erzielte weltweit 690,8 Millionen Dollar an den Kinokassen. Der Film hatte das höchste Eröffnungswochenende für Sony Pictures Animation und wurde damit zum kommerziell erfolgreichsten Projekt des Studios. In den Vereinigten Staaten zählte er zu den drei umsatzstärksten Filmen des Jahres 2023.
Die Kritiken fielen überwiegend sehr positiv aus. Lob gab es vor allem für drei Aspekte:
- Visueller Stil: Die Bewertung durch Fachpresse und Kritikerverbände hob die ästhetische Radikalität und die handwerkliche Brillanz der Animation hervor.
- Figurenentwicklung: Die emotionale Tiefe der Charaktere, insbesondere von Miles und Gwen, wurde als Fortschritt gegenüber dem Vorgänger gewürdigt.
- Narratives Ambitionsniveau: Die thematische Komplexität – Schicksal, Identität, Determinismus – wurde als ungewöhnlich reif für einen Animationsfilm anerkannt.
Kritikpunkte betrafen die hohe Informationsdichte und das Tempo, das manche Zuschauer als überfordernd empfanden. Das offene Ende polarisierte: Einige Rezensenten sahen darin eine mutige erzählerische Entscheidung, andere bemängelten, dass der Film zu stark als Setup für den dritten Teil funktioniere und zu wenig eigenständige narrative Abgeschlossenheit biete.
Bei Auszeichnungen schnitt der Film hervorragend ab. Er gewann unter anderem den „Best Animated Feature“-Preis bei den Critics‘ Choice Movie Awards, den Annie Awards und den Producers Guild of America Awards. Nominierungen gab es für den Golden Globe, den BAFTA und den Oscar in der Kategorie bester Animationsfilm. Auf Plattformen wie IMDb erreichte der Film hohe Nutzerwertungen.
Die Fan-Rezeption war enthusiastisch. Videos, Analysen und Theorien zum Film dominierten über Wochen hinweg die sozialen Medien. Besonders die Frage nach dem Schicksal von Earth-42 und die Rolle der Kanonevents erzeugten intensive Diskussionen.
„Spider-Man: Beyond the Spider-Verse“ – Ausblick auf den dritten Teil
Der dritte Teil der Trilogie trägt den Arbeitstitel „Spider-Man: Beyond the Spider-Verse“ und ist als direkter Anschluss an den Cliffhanger von Across the Spider-Verse konzipiert. Ursprünglich war ein internationaler Kinostart für den 24. März 2024 geplant, doch der Termin wurde mehrfach verschoben. Aktuell ist der US-Start für den 18. Juni 2027 angesetzt.
Die Verschiebung hat verschiedene Gründe, darunter der SAG-AFTRA-Streik 2023 und der Anspruch des Produktionsteams, die Qualität des zweiten Teils mindestens zu halten. Phil Lord und Christopher Miller haben mehrfach betont, dass sie den Film erst veröffentlichen wollen, wenn er ihren Vorstellungen entspricht.
Die offenen Fragen, die der zweite Teil hinterlässt, sind zahlreich:
- Earth-42: Was geschieht mit Miles in einer Welt ohne Spider-Man, in der sein Doppelgänger als Prowler lebt?
- Spider Society: Wie reagiert Miguel O’Hara auf Miles‘ Flucht? Wird die Organisation an ihren eigenen Widersprüchen zerbrechen?
- The Spot: Welche Rolle spielt er im Finale? Seine Macht wächst über die Grenzen einzelner Universen hinaus – kann er gestoppt werden?
- Gwens Team: Die Wiedervereinigung von Gwen mit Spider-Punk, Peter B. Parker und anderen deutet auf eine alternative Allianz hin, die sich außerhalb der Spider Society bildet.
Es gilt als wahrscheinlich, dass Beyond the Spider-Verse die Charakterbögen von Miles, Gwen und Miguel abschließen und das große Multiverse-Narrativ rund um Freiheit, Verantwortung und Schicksal zu einem Ende führen wird. Für die Spider-Verse-Saga insgesamt steht damit der entscheidende Abschlussstein noch aus – und mit ihm die Antwort auf die zentrale Frage des zweiten Films: Kann man sein Schicksal selbst bestimmen?
„Spider-Man: Across the Spider-Verse“ im Kontext des Animationsfilms
Spider-Man: Across the Spider-Verse ist nicht nur ein kommerziell erfolgreicher Superheldenfilm – er markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Animationskinos der 2020er Jahre.
Seit den frühen 2000er Jahren dominierte im westlichen Mainstream-Animationsfilm ein bestimmter visueller Standard: glatte Oberflächen, einheitliche Texturen, fotorealistische Lichteffekte. Pixar, DreamWorks und Illumination perfektionierten diesen Ansatz und schufen damit Milliarden-Franchises. Die ästhetische Vielfalt, die das Medium theoretisch bietet, wurde kommerziell nur selten ausgeschöpft.
„Into the Spider-Verse“ brach 2018 mit diesem Konsens und bewies, dass ein stilistisch radikaler Animationsfilm beim Massenpublikum funktionieren kann. Across the Spider-Verse geht noch weiter: Es zeigt, dass ein einzelner Film sechs verschiedene Animationsstile gleichzeitig tragen kann, ohne in Beliebigkeit zu verfallen.
Die Wirkung auf die Branche ist bereits spürbar. Mehrere Animationsproduktionen der folgenden Jahre haben stilistisch experimentellere Ansätze gewählt – nicht als direkte Nachahmung, aber erkennbar inspiriert von der Freiheit, die die Spider-Verse-Filme demonstriert haben. Die Idee, dass Animation nicht „realistisch“ aussehen muss, um ernst genommen zu werden, hat durch diese Filme neue Legitimität gewonnen.
Der Film taucht regelmäßig in Listen der besten Animationsfilme des Jahres 2023 auf und zählt zu den meistdiskutierten Werken der jüngeren Animationsgeschichte. Dabei wird er nicht nur als Unterhaltungsprodukt wahrgenommen, sondern zunehmend auch als filmisches Lehrstück: für Stilvermischung, Genre-Hybridisierung, Comic-Adaptionen und die Möglichkeiten digitaler Animation.
Für den Filmunterricht und das Studium bietet er reiches Material. Die Frage, wie visuelle Stile erzählerische Funktionen übernehmen, lässt sich an kaum einem anderen Animations- oder Zeichentrickfilm so anschaulich demonstrieren. Die Grenzen zwischen Comic und Film, zwischen 2D und 3D, zwischen handgemacht und digital werden in Across the Spider-Verse nicht als Probleme behandelt, sondern als kreative Möglichkeiten.

Filmlexikon-Perspektive: Was Studierende und Filmschaffende aus dem Film lernen können
Filmlexikon versteht sich als Wissensportal für alle, die Film nicht nur konsumieren, sondern verstehen wollen – Studierende, Filmschaffende, Lehrkräfte, Schüler – und bietet dafür ein umfassendes Online-Filmlexikon. Aus dieser Perspektive ist Spider-Man: Across the Spider-Verse ein außergewöhnlich reiches Studienobjekt.
Transmediales Storytelling: Der Film ist ein Musterbeispiel dafür, wie eine Geschichte über verschiedene Medien hinweg funktioniert – von den Comics über die Animationsfilme bis zu begleitenden Kurzfilmen und digitalen Inhalten. Die Filmanalyse dieses transmedialen Netzwerks bietet Einblicke in moderne Franchise-Strategien.
Bildsprache und Farbdramaturgie: Gwens Aquarellwelt, Mumbattans Farbexplosion, Nueva Yorks kühle Sterilität – der Film macht Farbdramaturgie so anschaulich wie kaum ein anderes Werk. Studierende können hier nachvollziehen, wie Farbe Emotion kodiert und Welten voneinander abgrenzt.
Storyboarding und Actionchoreografie: Die komplexen Actionsequenzen – etwa die Verfolgungsjagd durch hunderte Spider-People – erfordern ein Storyboarding auf höchstem Niveau. Die Frage, wie räumliche Orientierung in chaotischen Szenen aufrechterhalten wird, ist für angehende Filmschaffende direkt relevant.
Mischung von Animationsstilen: Der gleichzeitige Einsatz verschiedener Techniken in einem Film – von handgemalten Texturen über CGI bis zu Lego-Animation – ist ein Lehrstück für die Möglichkeiten und Herausforderungen hybrider Produktion.
Sounddesign und Musikeinsatz: Pembertons Score, der zwischen Genres wechselt und jeder Welt eine eigene Klangsignatur gibt, eignet sich zur Analyse des Zusammenspiels von Bild und Ton.
Filmlexikon bietet zu vielen dieser Themen vertiefende Artikel – etwa zu Begriffen wie Storyboard, Animationsstile, schräger Kamerawinkel oder Mise-en-scène im Animationsfilm – in einem ausführlichen Filmbegriffe-Lexikon. In Verbindung mit Across the Spider-Verse können diese Ressourcen im Unterricht oder im Selbststudium eingesetzt werden, um filmtechnisches Wissen anhand eines konkreten, aktuellen Beispiels zu vertiefen.
Diskussion um Repräsentation, Diversität und kulturelle Bezüge
Spider-Man: Across the Spider-Verse ist einer der wenigen Blockbuster, in denen Diversität nicht als aufgesetztes Thema wirkt, sondern organisch in Erzählung und Gestaltung verwoben ist.
Miles Morales steht als afro-lateinamerikanischer Spider-Man in einer Tradition, die den klassischen Peter Parker nicht ersetzt, sondern ergänzt. Seine Geschichte funktioniert universell – der Wunsch nach Zugehörigkeit, der Konflikt zwischen Pflicht und persönlichem Glück –, aber sie ist zugleich in einer spezifischen kulturellen Realität verankert. Die Szenen in seinem Zuhause, die Mischung aus Spanisch und Englisch, die Musik, die Einrichtung – all das ist konkret und authentisch, nicht generisch.
Das Spider Verse erweitert diesen Ansatz auf eine globale Ebene. Mumbattan ist nicht einfach eine exotische Kulisse, sondern ein eigenständiges Universum mit eigenen kulturellen Referenzen. Spider-Punk Hobie Brown bringt eine britische, explizit politische Perspektive ein. Jessica Drew ist eine selbstbewusste, schwangere Superheldin, deren Zustand weder problematisiert noch ignoriert wird.
In Fan-Diskussionen wurde die Beziehung zwischen Miles und Gwen intensiv debattiert – sowohl als romantische Verbindung als auch als Metapher für das Überbrücken kultureller und existenzieller Unterschiede. Der Film selbst hält sich mit einer eindeutigen Zuordnung zurück und lässt Raum für Interpretation.
Was den Film von vielen anderen Diversitätsbemühungen im Blockbusterkino unterscheidet, ist die Art, wie Vielfalt hier funktioniert. Sie ist nicht deklarativ – kein Charakter hält eine Rede über Inklusion. Stattdessen ist sie visuell und erzählerisch verankert: in den Designs, den Stimmen, den Welten, den Konflikten. Die verschiedenen Spider-People sind nicht divers, weil jemand es so entschieden hat, sondern weil das Multiversum als Konzept Vielfalt logisch voraussetzt.
Dieser Ansatz macht den Film auch in der Diskussion um Repräsentation im Kino relevant – nicht als Beleg für gelungene Diversität, sondern als Beispiel dafür, wie erzählerische Struktur und visuelles Design Vielfalt tragen können, ohne sie zum Thema machen zu müssen.
Marketing, Trailer und paratextuelle Elemente
Die Vermarktung von Spider-Man: Across the Spider-Verse begann früh und setzte konsequent auf die visuelle Kraft des Films. Bereits die ersten Teaser stellten das Wiedersehen von Miles und Gwen in den Vordergrund und deuteten die Dimension des Multiverse-Konzepts an, ohne zu viel von der Handlung zu verraten.
Die Trailer nutzten das Prinzip der visuellen Überwältigung: In wenigen Sekunden wechselten Stile, Welten und Farben so rasant, dass allein die ästhetische Erfahrung Aufmerksamkeit erzeugte. Besonders die Mumbattan-Sequenzen und die Verfolgungsjagd durch die Spider Society wurden in sozialen Netzwerken millionenfach geteilt und kommentiert.
Poster und Key Art zeigten die Vielzahl der Spider-People und deuteten die verschiedenen Universen an. Jedes Poster hatte einen eigenen visuellen Stil – von Gwens Aquarelloptik bis zu Miguels futuristischer Ästhetik. Diese Strategie heizte Fan-Spekulationen an: Welche Spider-Versionen würden im Film auftauchen? Welche Easter Eggs würden sich in den Hintergründen verstecken?
Videos, Interviews und Making-of-Featurettes flankierten die Kampagne und lenkten den Fokus auf die aufwendige Animation und den künstlerischen Anspruch. Die Regisseure Joaquim Dos Santos, Kemp Powers und Justin K. Thompson sprachen in zahlreichen Interviews über ihre Zusammenarbeit und die technischen Herausforderungen.
Die paratextuellen Elemente – also alle Materialien, die den Film begleiten, aber nicht Teil des Films selbst sind – spielten eine wichtige Rolle bei der Positionierung. Durch die Betonung des handwerklichen Aufwands, der zugrunde liegenden Filmtechnik und der ästhetischen Innovation wurde der Film nicht nur als Superheldenfilm vermarktet, sondern als Kunstereignis. Diese Positionierung spiegelte sich in der Rezeption wider: Auch Kritiker, die dem Superheldengenre skeptisch gegenüberstehen, nahmen den Film als visuelles und erzählerisches Ausnahmeereignis wahr.
In Deutschland wurde der Film unter dem internationalen Titel veröffentlicht, ergänzt durch den deutschsprachigen Untertitel. Die Vermarktung in Frankreich und anderen europäischen Ländern folgte einem ähnlichen Muster.
Medienpädagogische Nutzung und Unterrichtsvorschläge
Spider-Man: Across the Spider-Verse eignet sich hervorragend für den Einsatz im Film-, Kunst- und Medienunterricht. Die Vielfalt der visuellen Stile, die thematische Komplexität und die transmedialen Bezüge bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte für Lehrkräfte und Dozenten.
Szenenanalyse – Universen im Vergleich: Eine naheliegende Aufgabe besteht darin, Schüler einzelne Universen vergleichend zu analysieren. Welche Farben dominieren in Earth-65? Wie unterscheidet sich das Tempo in Mumbattan von dem in Nueva York 2099? Welche filmischen Mittel – Schnitt, Kameraperspektive, Licht – werden in jedem Universum eingesetzt? Diese Vergleiche schulen das analytische Sehen und machen abstrakte filmwissenschaftliche Begriffe konkret erfahrbar.
Kreative Aufgabe – Eigene Spider-Verse-Figuren: Schüler können eigene Spider-Verse-Figuren entwerfen und ein Kurzkonzept für ein alternatives Universum entwickeln. Die Aufgabe verbindet Figurendesign, Weltenbau und erzählerisches Denken im Sinne modernen Storytellings und fördert transmediales Arbeiten – vom Charakter-Sketch über ein Mini-Storyboard bis zu einer kurzen Textbeschreibung.
Thematische Diskussion – Heldenbilder im Film: Das Konzept der Kanonevents und Miles‘ Weigerung, sie zu akzeptieren, eignet sich als Ausgangspunkt für Diskussionen über Heldenbilder im Film. Müssen Helden leiden? Ist Tragödie notwendig für gute Geschichten? Wie unterscheiden sich Heldenbilder in verschiedenen Kulturen?
Graphic Novel vs. Film: Der Film bietet reiches Material für den Vergleich zwischen gedrucktem Comic und animiertem Film. Wie werden Panelstrukturen in Bewegtbild übersetzt? Was geht bei der Adaption verloren, was kommt hinzu? Diese Fragen verbinden Literatur- und Medienunterricht.
Weiterführende Ressourcen: Filmlexikon bietet zu vielen der hier relevanten Begriffe vertiefende Artikel – von Keyframes über Animatic bis zu Grundlagen der Filmtechnik und des Film-Equipments. Diese Ressourcen können als Begleitmaterial für Unterrichtseinheiten genutzt werden, in denen Across the Spider-Verse als Fallstudie dient.
Fazit: Bedeutung von „Spider-Man: Across the Spider-Verse“ für das moderne Kino
Spider-Man: Across the Spider-Verse hat gezeigt, dass ein Animationsfilm gleichzeitig visuell bahnbrechend, erzählerisch komplex und kommerziell erfolgreich sein kann. Der Film setzt Maßstäbe in Bereichen, die weit über das Superheldengenre hinausreichen: Bildgestaltung, Stilvermischung, thematische Tiefe und die Verbindung von Comic-Ästhetik mit filmischen Mitteln. Die gesamte Spider-Verse-Saga hat das, was im Animationskino als möglich gilt, nachhaltig erweitert.
Miles Morales hat sich als Spider-Man-Figur etabliert, die für eine neue Generation steht – nicht als Ersatz für Peter Parker, sondern als eigenständige Stimme mit eigener Geschichte, eigener Welt und eigenen Fragen. Seine Relevanz geht über die Existenz eines einzelnen Films hinaus: Er steht für die Idee, dass Superheldengeschichten vielfältiger, persönlicher und mutiger erzählt werden können, als es der Mainstream lange zugelassen hat.
An Across the Spider-Verse werden sich künftige Comicverfilmungen und Animationsfilme messen lassen müssen, wenn es um Stilmut und Erzählkomplexität geht. Der Film beweist, dass visuelles Risiko und narrative Ambition kein Widerspruch zu kommerziellem Erfolg sein müssen – im Gegenteil. Filmlexikon versteht diesen Film als reiches Beispiel für Filmstudium, Praxis und medienpädagogische Arbeit. Wer sich mit den Möglichkeiten des Mediums Film auseinandersetzt, findet hier ein Werk, das noch lange als Referenzpunkt dienen wird.



