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There Will Be Blood – Analyse, Deutung und filmische Mittel

Daniel Plainview steigt aus einem Erdloch, das Gesicht schwarz vom Staub, die Hände blutig, den Blick auf etwas gerichtet, das größer ist als er selbst. Was folgt, ist eine der kompromisslosesten Erzählungen des modernen Kinos über Gier, Macht und den Preis, den ein Mensch für beides zahlt. There Will Be Blood aus dem Jahr 2007 gehört zu den Filmen, die man nicht einfach anschaut – man durchlebt sie.

Dieser Artikel des Filmlexikon bietet eine umfassende Analyse von Paul Thomas Andersons Meisterwerk: von der Handlung über die historischen Hintergründe bis zu den filmischen Mitteln, die den Film so wirkungsvoll machen. Dabei werden filmwissenschaftliche Begriffe wie Mise-en-Scène, Antiheld oder Sounddesign verständlich erklärt und direkt am Beispiel illustriert.

Ein einsamer Bohrturm steht in einer kargen Wüstenlandschaft bei Sonnenuntergang, während Rauch und Flammen am Horizont aufsteigen. Diese dramatische Szene erinnert an die Themen von Paul Thomas Andersons Film "There Will Be Blood", in dem es um Öl, Gier und den Aufstieg eines Tycoons geht.


Schnelle Übersicht: Worauf sich „There Will Be Blood“ konzentriert

There Will Be Blood erzählt die Geschichte eines Mannes, der alles gewinnt und dabei alles verliert. Daniel Plainview ist ein obsessiver Öl-Tycoon, der sich im Kalifornien der Jahrhundertwende vom einsamen Schürfer zum rücksichtslosen Ölmagnaten hocharbeitet. An seiner Seite steht – und gegen ihn – der junge Prediger Eli Sunday, gespielt von Paul Dano, der in der fiktiven Gemeinde Little Boston seine eigene Form von Macht ausübt. In den Hauptrollen glänzen Daniel Day-Lewis in einer seiner ikonischsten Darbietungen und Paul Dano als sein spiritueller Gegenspieler.

Der Film wurde 2007 veröffentlicht und thematisiert den amerikanischen Traum in seiner dunkelsten Ausprägung. Im Kern behandelt der Film Themen wie Gier, Isolation und moralischen Verfall – verdichtet in einem Epos über den Ölboom um 1900, den Aufstieg eines Tycoons und den unausweichlichen Zusammenstoß zwischen wirtschaftlicher und religiöser Macht. Paul Thomas Anderson schuf damit ein Werk, das sowohl als historisches Drama als auch als psychologische Charakterstudie funktioniert.

Was There Will Be Blood von anderen Historiendramen unterscheidet, ist die Radikalität der Erzählung: ein Protagonist ohne moralischen Kompass, eine Bildsprache von monumentaler Kargheit und ein Soundtrack, der eher beunruhigt als begleitet. Genau deshalb eignet sich dieser Film hervorragend, um filmische Stilmittel in der Praxis zu studieren – von der Bildkomposition über die Inszenierung bis zum Sound Design.


Basisdaten zum Film: Entstehung, Veröffentlichung, Eckdaten

Bevor wir in die Analyse einsteigen, hier die wichtigsten Eckdaten im Überblick:

Merkmal Information
Originaltitel There Will Be Blood
Regie Paul Thomas Anderson
Drehbuch Paul Thomas Anderson (basierend auf Upton Sinclairs Roman Öl!)
Produktionsland Vereinigte Staaten
Erscheinungsjahr 2007
Laufzeit 158 Minuten
Produktionsbudget ca. 25 Mio. US-Dollar
Weltweite Einnahmen rund 76,2 Mio. US-Dollar
FSK-Freigabe FSK ab 12 Jahren
Produzenten Joanne Sellar, Daniel Lupi, Paul Thomas Anderson
Kamera Robert Elswit
Verleih Miramax Films (US), Paramount (international)
Die Finanzierung des Films dauerte zwei Jahre – ein Zeitraum, der die Schwierigkeit widerspiegelt, ein derart unkonventionelles Projekt in Hollywood zu realisieren. Anderson änderte den Titel von „Oil!“ zu „There Will Be Blood“, um den Fokus vom reinen Ressourcenthema auf die menschliche Tragödie zu verschieben.
Die Dreharbeiten begannen im Juni 2006 in Texas, wo die karge Landschaft als Kulisse für das fiktive Kalifornien der Jahrhundertwende diente. Die Premiere fand am 29. September 2007 beim Fantastic Fest in Austin statt. Der US-Kinostart folgte am 26. Dezember 2007 in New York und Los Angeles. In Deutschland kam der Film am 21. Februar 2008 ins Kino.
Die Besetzung umfasst neben Daniel Day-Lewis und Paul Dano auch Dillon Freasier als den jungen H.W., Ciarán Hinds als Fletcher Hamilton und Kevin J. O’Connor in der Rolle des Henry. Jede dieser Figuren trägt zur vielschichtigen Erzählung bei, die Anderson über einen Zeitraum von rund dreißig Jahren Filmhandlung entfaltet.

Das Porträt zeigt einen Mann in Arbeitskleidung des frühen 20. Jahrhunderts, dessen ernstes Gesicht mit Staub bedeckt ist, was auf die harte Arbeit eines Schürfers in der Ölindustrie hinweist. Sein Blick vermittelt eine tiefgründige Geschichte von Gier und Konkurrenz, die an die dramatischen Elemente von Paul Thomas Andersons Film "There Will Be Blood" erinnert.


Handlung von „There Will Be Blood“: Vom Prospektor zum Öl-Magnaten

Hinweis: Dieser Abschnitt enthält eine ausführliche Inhaltsangabe mit Spoilern zur gesamten Handlung.

Prolog: Im Dunkel der Erde (ca. 1898–1902)

Der Film beginnt fast ohne Worte. In einer langen, dialoglosen Sequenz sehen wir Daniel Plainview als einsamen Schürfer, der in einem engen Bergwerksschacht nach Silber gräbt. Er stürzt, bricht sich ein Bein, schleppt sich aus der Grube. Die Szene etabliert sofort, was diesen Mann ausmacht: eine fast übermenschliche Hartnäckigkeit und die Bereitschaft, seinen Körper für das Versprechen von Reichtum zu zerstören. Später findet er Öl statt Silber – und sein Leben nimmt eine entscheidende Wendung. Er wird vom Prospektor zum Unternehmer, der erste Ölquellen erschließt und seine Verkaufsstrategien verfeinert.

Der Fund in Little Boston (ca. 1910er Jahre)

Paul Sunday, ein junger Mann aus einer Farmerfamilie, kommt zu Plainview und verrät ihm, dass auf dem Land seiner Familie in Little Boston Öl zu finden sei. Plainview reist mit seinem Sohn H.W. – einem Kind, das er als Adoptivsohn angenommen hat – in die kleine Gemeinde. Dort trifft er auf die Sunday-Familie und beginnt, systematisch Grundstücke aufzukaufen. Er inszeniert sich als Geschäftsmann mit Familie, als vertrauenswürdiger Mann, der den Farmer in der Gemeinde Wohlstand bringen will.

Doch Little Boston ist auch die Heimat der „Church of the Third Revelation“, geleitet von Eli Sunday, Pauls Zwillingsbruder. Eli ist ein charismatischer Prediger, der eigene Machtansprüche hat. Von Beginn an prallen zwei Welten aufeinander: Plainviews Kapitalismus und Elis Religion.

Aufstieg und Verlust (1910er–1920er)

Die Bohrungen beginnen, und Plainview wird reicher. Doch der Aufstieg hat seinen Preis. Bei einer Explosion an einem Bohrturm verliert H.W. sein Gehör – ein Moment, der das Verhältnis zwischen Vater und Sohn unwiderruflich verändert. Plainview reagiert nicht mit Trauer, sondern mit Pragmatismus. H.W. wird auf ein Internat geschickt. Der Junge, der einst Plainviews menschliches Gesicht war, wird zur Last.

Parallel eskaliert die Auseinandersetzung mit Eli. Plainview demütigt den Prediger öffentlich, verweigert ihm den Segen bei der Bohrturmweihe. Eli revanchiert sich: In einer quälenden Taufszene zwingt er Plainview, öffentlich zu „büßen“ – eine Voraussetzung, um Landrechte für eine Pipeline zu sichern.

Ein Betrüger namens Henry taucht auf und gibt vor, Daniels Halbbruder zu sein. Als Plainview die Täuschung entdeckt, reagiert er mit tödlicher Konsequenz. Die Rivalität zwischen Plainview und Sunday treibt die Handlung voran – unaufhaltsam auf das Finale zu.

Das Finale in der Bowlingbahn

Jahre später, vermutlich in den späten 1920ern, lebt Plainview allein in einem riesigen Herrenhaus. Sein Vermögen ist gewaltig, seine Einsamkeit absolut. Der Film endet mit einer gewaltsamen Konfrontation zwischen Plainview und Eli in Daniels privater Bowlingbahn. Eli kommt, um Geld zu erbetteln. Plainview zwingt ihn, seinen Glauben zu verleugnen, und erklärt ihm mit dem berühmten Satz „I drink your milkshake!“, dass er das Öl unter Elis Land längst abgesaugt hat – eine Metapher für seine totale Dominanz über jeden, der ihm je im Weg stand.

Die Szene eskaliert in Gewalt. Am Ende sitzt Plainview allein neben dem, was er angerichtet hat, und sagt ruhig: „I’m finished.“ Der Film behandelt den Zusammenbruch eines Menschen, der alles gewonnen hat außer sich selbst.

In einem dunklen Minenschacht, beleuchtet von schwachem Lampenlicht, ist die Silhouette eines Schürfers zu sehen, der in die Tiefe gräbt. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Drama und Auseinandersetzung, das an die Themen von Paul Thomas Andersons Film "There Will Be Blood" erinnert, in dem Öl und Gier zentrale Motive sind.


Historischer Hintergrund: Ölboom, Kapitalismus und Religion in den USA

There Will Be Blood basiert lose auf Upton Sinclairs Roman Öl!, der 1927 veröffentlicht wurde. Paul Thomas Anderson schrieb das Drehbuch als Drehbuchautor basierend auf Upton Sinclairs Roman, nahm sich jedoch erhebliche künstlerische Freiheiten. Wo Sinclair eine breite Gesellschaftskritik lieferte, konzentriert sich Anderson auf die Psychologie einer Einzelfigur. Und wo Sinclair explizit politisch argumentierte, lässt Anderson die Bilder sprechen.

Der Ölboom in Kalifornien

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebten die Vereinigten Staaten – und besonders Kalifornien – einen massiven Ölboom. Mit dem Aufkommen des Automobils stieg die Nachfrage nach Petroleum exponentiell. Private Unternehmer kauften Ländereien auf, errichteten Bohrtürme und schufen innerhalb weniger Jahre Imperien. Die Arbeitsbedingungen waren brutal, Umweltstandards praktisch nicht vorhanden, staatliche Regulierung schwach.

Plainview verkörpert diese historische Figur des selbstgemachten Industriellen – eine Spielart der sogenannten „Robber Barons“, die Amerikas Wirtschaftsgeschichte prägten. Diese Menschen bauten ihr Vermögen auf, indem sie Ressourcen ausbeuteten, Konkurrenten verdrängten und Gemeinschaften instrumentalisierten.

Religion als soziale Kraft

In den ländlichen Regionen des amerikanischen Westens spielte Religion eine zentrale Rolle. Evangelikale Gemeinden, Pfingstkirchen und Revival Meetings waren nicht nur spirituelle Treffpunkte, sondern auch soziale und politische Machtinstanzen. Prediger verfügten über erheblichen Einfluss – und nicht selten waren ihre Interessen mit finanziellen Motiven verwoben.

Eli Sunday ist keine historische Einzelfigur, sondern eine Verdichtung dieses Phänomens: ein junger Mann, der die Sprache der Erlösung spricht, aber in Wahrheit nach Kontrolle und Anerkennung strebt. Anderson nutzt diese Konstellation, um den Konflikt zwischen Kapitalismus und Religion nicht als abstrakte Debatte, sondern als persönlichen Machtkampf darzustellen.

Künstlerische Freiheit statt Geschichtsstunde

Paul Thomas Anderson liefert keine exakte Historienverfilmung. Zeitebenen springen, Charaktere sind fiktionalisiert, Konflikte zugespitzt. Was er stattdessen schafft, ist eine emotional authentische Kulisse, deren sorgfältig gestaltetes Bühnenbild die Welt von Little Boston glaubhaft zum Leben erweckt: Die Technologie der Bohrtürme, die sozialen Umbrüche, die Kargheit der Landschaft – all das dient als Rahmen für eine universelle Geschichte über die Zerstörungskraft menschlicher Ambition.


Figuren im Fokus: Daniel Plainview als Antiheld

Der Begriff „Antiheld“ beschreibt einen Protagonisten, der nicht die klassischen Tugenden einer Heldenfigur besitzt. Er handelt moralisch ambivalent, oft destruktiv, und dennoch folgt das Publikum seiner Geschichte – nicht, weil es ihn bewundert, sondern weil es ihn verstehen will. Daniel Plainview ist eines der kompromisslosesten Beispiele für diesen Figurentypus im Kino des 21. Jahrhunderts.

Vom Einzelgänger zum Imperium

Plainview beginnt als einsamer Prospektor, der sich buchstäblich durch die Erde gräbt, um sein Glück zu finden. Was ihn antreibt, ist nicht allein Geldgier, sondern ein tieferer Hass – auf andere Menschen, auf Abhängigkeit, auf Schwäche. In einer Schlüsselszene des Films sagt er: „I have a competition in me. I want no one else to succeed.“ Dieser Satz enthüllt den Kern seiner Persönlichkeit: ein Mann, der nicht nur gewinnen, sondern alle anderen verlieren sehen will.

Menschliche Züge und ihre Erosion

Dabei zeigt Plainview durchaus menschliche Züge: Er kümmert sich um seinen Ziehsohn H.W., zeigt ihm Zuneigung und scheint in seltenen Momenten fähig zu echter Nähe. Doch diese Momente werden seltener, je mehr sein Vermögen wächst. Als H.W. nach der Explosion sein Gehör verliert, ist Plainviews Reaktion aufschlussreich: Er schickt das Kind weg, statt es zu schützen. Daniel Plainview ist ein skrupelloser Öl-Tycoon im Film, dessen gnadenloses Umfeld durch ein präzise gestaltetes Production Design geprägt ist und der jede Beziehung dem Geschäftserfolg unterordnet.

Schlüsselszenen der Charakteranalyse

Drei Szenen verdeutlichen Plainviews Charakter besonders:

  • Die Vertragsverhandlungen mit den Farmern: Plainview tritt als seriöser Verkäufer auf, spricht von Gemeinwohl und Fortschritt – während er systematisch Landrechte zu Schleuderpreisen aufkauft.
  • Die Reaktion auf H.W.s Taubheit: Statt Empathie zeigt er Ungeduld und Kontrollverlust. Die Taubheit seines Sohnes ist für ihn primär ein geschäftliches Problem.
  • Die Konfrontationen mit Eli: In jeder Begegnung mit dem Prediger offenbart sich Plainviews Bedürfnis nach totaler Dominanz – und die Angst davor, von jemand anderem kontrolliert zu werden.

Plainview wird als Psychopath beschrieben, der skrupellos handelt – und doch bleibt er eine zutiefst menschliche Figur, deren Tragödie gerade darin besteht, dass er die Fähigkeit zur Bindung besitzt, sie aber systematisch zerstört. Seine Sprache ist präzise, seine Körperhaltung kontrolliert, seine Gestik sparsam – bis die Fassade in Momenten explosiver Wut zerbricht.


Eli Sunday und die Macht der Religion

Eli Sunday ist kein gewöhnlicher Antagonist. Er ist ein machtbesessener, charismatischer Prediger, der die „Church of the Third Revelation“ in Little Boston leitet. Auf den ersten Blick erscheint er als moralisches Gegengewicht zu Plainview – ein Mann des Glaubens gegen einen Mann des Geldes. Doch Anderson inszeniert die Figur weitaus komplexer.

Zwei Seiten derselben Medaille

Eli Sunday repräsentiert manipulative Religion. Er nutzt Heilungsrituale, emotionale Predigten und die Abhängigkeit seiner Gemeinde als Instrumente der Macht. Seine Kirche ist nicht nur ein Ort des Gebets, sondern auch ein Geschäftsmodell: Spenden fließen, Loyalität wird eingefordert, Abweichler werden öffentlich beschämt.

Die Gegenüberstellung von Eli und Daniel offenbart die zentrale Erkenntnis des Films: Beide sind Machtfiguren, beide getrieben von Geltungsbedürfnis und Kontrolle. Plainview kontrolliert Ölfelder und Geschäftspartner, Eli kontrolliert Seelen und Gläubige. Der Unterschied liegt nicht in ihren Zielen, sondern in ihren Methoden.

Zentrale Szenen

  • Heilungsrituale in der Kirche: Eli inszeniert sich als Kanal göttlicher Kraft, heilt angeblich Kranke und treibt Dämonen aus. Die Szenen sind zugleich faszinierend und verstörend – Anderson zeigt die Wirkung auf die Gemeinde, ohne zu werten.
  • Die Segnung des Bohrturms: Eli fordert, den neuen Bohrturm zu segnen. Plainview verweigert ihm die Bühne. Die Szene markiert den Beginn ihres offenen Machtkampfes.
  • Die Taufszene: In einer der intensivsten Sequenzen des Films zwingt Eli den Mann Daniel, öffentlich seine Sünden zu bekennen und sich taufen zu lassen. Es ist ein Akt der Demütigung, den Plainview nur erduldet, weil er die Pipeline durch Elis Land braucht.

Paul Dano gibt Eli eine nervöse Energie, die zwischen Überzeugung und Verzweiflung schwankt. Sein Körper vibriert förmlich in den Predigtszenen, seine Stimme schwankt zwischen Flüstern und Schreien. Es ist eine Performance, die das Publikum gleichzeitig abstoßen und fesseln soll.

Ein junger Prediger steht mit erhobenen Armen in einem schlichten Kirchenraum und spricht zu einer versammelten Gemeinde, die in einfacher Kleidung des frühen 20. Jahrhunderts gekleidet ist. Die Szene vermittelt eine Atmosphäre von Glauben und Gemeinschaft, die an die dramatischen Erzählungen von Paul Thomas Anderson erinnert.


Daniel Day-Lewis: Schauspielkunst und Oscar-Rolle

Daniel Day-Lewis, Jahrgang 1957, gilt als einer der kompromisslosesten Schauspieler der Filmgeschichte. Seine Methode ist legendär: vollständige Immersion in die Rolle, monatelange Vorbereitung, Verweigerung jeder Grenze zwischen Darsteller und Figur. In seiner Karriere hat er nur wenige Rollen angenommen – dafür jede einzelne mit einer Intensität, die ihresgleichen sucht.

Vorbereitung auf Daniel Plainview

Für die Rolle des Daniel Plainview entwickelte Day-Lewis eine eigene Stimme: tief, akzentuiert, mit einer Sprachmelodie, die sich an historische Tonaufnahmen aus dem frühen 20. Jahrhundert anlehnt. Seine Körperhaltung – aufrecht, breitbeinig, stets raumgreifend – vermittelt Autorität und Bedrohung, noch bevor er ein Wort spricht, wobei gezielte Rembrandt-Licht-Setzungen in vielen Szenen seine markanten Gesichtszüge zusätzlich betonen.

Day-Lewis lebte über die gesamten Dreharbeiten in seiner Rolle. Er ließ sich am Set ausschließlich als „Daniel“ ansprechen, aß allein, kommunizierte in Plainviews Sprachduktus. Diese Methode mag extrem erscheinen, aber das Ergebnis spricht für sich: Die Figur wirkt nicht gespielt, sondern gelebt.

Auszeichnungen

Die Arbeit wurde vielfach prämiert:

  • Oscar als Bester Hauptdarsteller bei den Academy Awards 2008
  • Golden Globe für den Besten Darsteller in einem Drama
  • BAFTA Award als Bester Hauptdarsteller
  • Screen Actors Guild Award

There Will Be Blood erhielt 8 Oscar-Nominierungen insgesamt, darunter auch für Besten Film und Beste Regie. Neben Day-Lewis‘ Darstellerpreis gewann Robert Elswit den Oscar für die Beste Kamera.

Einordnung in seine Karriere

Day-Lewis‘ Filmografie liest sich wie ein Katalog des Method Acting: In My Left Foot (1989) spielte er den Maler Christy Brown mit einer Hingabe, die ihm seinen ersten Oscar einbrachte. In Gangs of New York (2002) schuf er mit Bill the Butcher eine der einschüchterndsten Figuren des modernen Kinos. Und in Lincoln (2012) verkörperte er den US-Präsidenten mit einer Ruhe und Würde, die das genaue Gegenteil von Plainviews Raserei darstellt.

Was Plainview von diesen Rollen unterscheidet, ist die totale Abwesenheit von Sympathie als Sicherheitsnetz. Day-Lewis‘ Spiel lädt nicht zum Mitfühlen ein – es fordert zum Hinschauen auf. Seine Mimik in Nahaufnahmen, seine physische Präsenz im Bildraum, die Art, wie er allein durch Stille ganze Szenen dominiert – unterstützt durch eine präzise gesetzte Drei-Punkt-Licht-Führung in vielen Dialogmomenten: All das lässt sich filmwissenschaftlich als Meisterklasse in körperbetontem Schauspiel analysieren.


Paul Dano und die Doppelrolle: Bruder Paul und Eli Sunday

Paul Dano, geboren 1984, war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten ein bereits anerkannter, aber noch junger Schauspieler. Seine Rolle in Little Miss Sunshine (2006) hatte ihm Aufmerksamkeit verschafft – doch nichts in seiner bisherigen Karriere bereitete das Publikum auf seine Leistung in There Will Be Blood vor.

Eine Rolle, die durch Zufall entstand

Ursprünglich war Dano nur für die kleinere Rolle des Paul Sunday besetzt – jenes jungen Mannes, der Plainview den Hinweis auf das Öl in Little Boston gibt. Eli Sunday sollte von einem anderen Darsteller (Kel O’Neill) gespielt werden. Doch zwei Wochen nach Drehbeginn wurde O’Neill ersetzt, und Dano übernahm auch die Rolle des Eli. Diese Doppelbesetzung – Paul und Eli als Brüder, gespielt vom selben Schauspieler – verstärkt die symbolische Spannung: Paul verrät die Familie für Geld, Eli verkauft den Glauben für Macht. Zwei Seiten einer Medaille.

Spielstil und Intensität

Danos Eli ist eine Figur von nervöser Energie und stiller Gefährlichkeit. In den Predigtszenen explodiert er förmlich – seine Stimme überschlägt sich, sein Körper krümmt und streckt sich, seine Augen suchen den Blickkontakt mit jedem einzelnen Gemeindemitglied. Doch zwischen den Ausbrüchen liegt eine Unsicherheit, die Eli verwundbar macht. Er braucht die Anerkennung, die Plainview verachtet.

Schlüsselszenen

  • Erste Verhandlung: Eli fordert von Plainview Geld für die Kirche – Plainview ignoriert ihn. Der Machtkampf beginnt leise.
  • Heilungsritual: Eli „heilt“ eine ältere Frau vor der Gemeinde. Die Kamera hält auf sein Gesicht – ekstatisch, aber auch kalkulierend.
  • Bowlingbahn-Finale: Eli kehrt als gebrochener Mann zurück, bettelt um Geld. Plainview zwingt ihn, seinen Glauben zu verleugnen. Es ist Danos eindrucksvollster Moment: die komplette Demontage einer Figur, die nur noch Fassade war.

Paul Thomas Anderson als Auteur: Handschrift und Einordnung

Paul Thomas Anderson, geboren 1970, gehört zu den prägendsten Autorenfilmern des amerikanischen Kinos. Seit seinen frühen Erfolgen – Boogie Nights (1997) und Magnolia (1999) – verfolgt er eine Filmarbeit, die sich durch formale Strenge, wiederkehrende Themen und eine unverwechselbare visuelle Handschrift auszeichnet. Im Kontext des Filmlexikon lässt sich Anderson als Paradebeispiel eines Auteur verstehen: ein Regisseur, dessen persönliche Vision jeden Aspekt seiner Filme durchdringt.

Der Auteur-Begriff

Der Begriff „Auteur“ stammt aus der französischen Filmkritik der 1950er Jahre und beschreibt einen Regisseur, der als eigentlicher „Autor“ seines Films gilt – vergleichbar mit einem Schriftsteller, der sein Buch verfasst. Bei einem Autorenfilm lassen sich Regie, Drehbuch, Bildgestaltung und thematische Schwerpunkte als kohärentes Gesamtwerk lesen; eine Vielzahl solcher filmischen Fachbegriffe wird im allgemeinen Filmbegriffe-Lexikon des Filmlexikon ausführlich erläutert.

Wiederkehrende Motive

Paul Thomas Andersons Werk kreist immer wieder um dieselben Themen:

  • Zerrüttete Familien: Von den Pornofilm-„Familien“ in Boogie Nights bis zur Sektengemeinschaft in The Master (2012) – Anderson zeigt Menschen, die nach Zugehörigkeit suchen und dabei zerstörerische Ersatzfamilien bilden.
  • Charismatische Machtfiguren: Lancaster Dodd in The Master, Reynolds Woodcock in Phantom Thread (2017), Daniel Plainview – seine Protagonisten üben eine magnetische Anziehung aus, die zugleich fasziniert und abstößt.
  • Toxische Vater-Sohn-Beziehungen: Die Beziehung zwischen Daniel und H.W. in There Will Be Blood steht in einer Reihe mit ähnlichen Konstellationen in Magnolia und Punch-Drunk Love (2002).
  • Sektenartige Gemeinschaften: Ob religiöse Gemeinde oder Geschäftsimperium – Anderson interessiert sich für Gruppen, in denen einer bestimmt und alle anderen folgen.

Bruch mit dem Ensemblefilm

There Will Be Blood markiert einen Wendepunkt in Andersons Schaffen. Während Magnolia und Boogie Nights als Ensemblefilme mit zahlreichen gleichberechtigten Figuren funktionieren, konzentriert sich dieser Film radikal auf eine zentrale Figur. Alles dreht sich um Plainview. Andere Figuren existieren nur in Relation zu ihm – als Hindernisse, Werkzeuge oder Spiegel seiner eigenen Abgründe.

Anderson übernahm bei There Will Be Blood sowohl Drehbuch als auch Regie und war als einer der Produzenten (neben Joanne Sellar und Daniel Lupi) direkt in jede Phase der Produktion eingebunden. Diese Kontrolle über den gesamten kreativen Prozess ist typisch für seine Arbeitsweise und verleiht seinen Filmen ihre ungewöhnliche Geschlossenheit.


Bildsprache und Kameraarbeit: Robert Elswits visuelle Welt

Kameramann Robert Elswit erhielt für There Will Be Blood den Oscar für Beste Kamera – eine Auszeichnung, die die zentrale Bedeutung der visuellen Gestaltung für die Wirkung dieses Films unterstreicht. Elswits Arbeit verwandelt die karge Landschaft des amerikanischen Westens in einen Schauplatz von biblischer Wucht.

Weite und Isolation

Die vorherrschende Bildkomposition des Films arbeitet mit extremen Kontrasten: weite Totalen im Sinne einer sorgfältig gewählten Einstellungsgröße wie dem Long Shots der kargen Landschaft, in denen menschliche Figuren zu kleinen Punkten werden, wechseln sich ab mit intensiven Nahaufnahmen, die jede Regung im Gesicht sichtbar machen. Diese Spannung zwischen Weite und Nähe spiegelt Plainviews eigene Existenz wider – er kontrolliert riesige Ländereien, ist aber emotional in einem winzigen Raum gefangen.

Ikonische Einstellungen

Einige Bilder des Films haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt:

  • Das Bohrturm-Feuer bei Nacht: Eine Ölquelle explodiert, Flammen schießen in den Nachthimmel. Daniel und H.W. stehen als Silhouetten vor der Feuersbrunst. Die Szene ist zugleich visuell überwältigend und emotional verheerend – denn in diesem Moment verliert H.W. sein Gehör.
  • Plainview allein im Bildraum: In zahlreichen Einstellungen steht Daniel isoliert in der Landschaft – eine Figur, die den Raum dominiert und doch von ihm verschlungen wird. Die Cadrage betont seine Einsamkeit.
  • Der Prolog im Schacht: Die ersten Minuten des Films zeigen Plainview in einem engen, dunklen Minenschacht. Die Kamera ist nah, das Licht spärlich, die Geräusche dominieren. Es ist eine visuelle Metapher für den Ursprung seiner Obsession – aus der Dunkelheit der Erde das Gold herauszuholen, koste es, was es wolle.

Technische Aspekte

Der Film wurde mit Panavision XL 35 mm Kameras gedreht – eine bewusste Entscheidung gegen digitale Formate, die dem Bild eine organische Körnigkeit und Tiefe verleiht, wobei jede Einstellung präzise auf die Wirkung von Raum und Figur abgestimmt ist. Elswit arbeitete häufig mit natürlichem Licht, besonders in Außenszenen, was den Bildern Authentizität und eine dokumentarische Qualität gibt – ein Beispiel dafür, wie gezielt eingesetzte Filmtechnik und Film-Equipment die Bildwirkung beeinflussen.

Im Prolog setzt Elswit eine Ästhetik ein, die bewusst an den Stummfilm erinnert: enge Bildausschnitte, hartes Licht im Stil einer Low Key-Beleuchtung, keine Farbnuancen – nur die Reduktion auf Körper, Werkzeug und Erde. Diese bewusste Filmlicht-Gestaltung schafft eine zeitliche Distanz, die den Zuschauer in die Welt der Jahrhundertwende hineinzieht, bevor überhaupt ein Wort gesprochen wird.

Die Bildbeschreibung zeigt eine weite, karge Wüstenlandschaft mit einem einzelnen Bohrturm, der am Horizont unter einem blassen Himmel steht. Diese Szenerie könnte an die dramatischen Themen von Paul Thomas Andersons Film "There Will Be Blood" erinnern, in dem der Kampf um Öl und Reichtum im Vordergrund steht.


Musik und Sounddesign: Jonny Greenwood und die akustische Bedrohung

Jonny Greenwood – bekannt als Gitarrist von Radiohead – schuf für There Will Be Blood einen Soundtrack, der jede Konvention des Historienfilms unterläuft und die Rolle der Akustik für Spannung und Atmosphäre radikal neu denkt. Statt orchestraler Melodien liefert Greenwood atonale Streicher, dissonante Klangflächen und eine musikalische Sprache, die näher an der frühen Moderne (Penderecki, Ligeti) liegt als an Hollywood.

Die Zusammenarbeit mit Anderson

Die Zusammenarbeit zwischen Greenwood und Anderson begann mit diesem Film und setzte sich in The Master, Phantom Thread und Licorice Pizza fort. Greenwood ist als Filmkomponist atypisch: Er denkt nicht in eingängigen Themen, sondern in Texturen und Stimmungen und nutzt die Möglichkeiten moderner Audiotechnik äußerst experimentell. Seine Musik für There Will Be Blood erzeugt eine Atmosphäre permanenter Bedrohung – selbst in Szenen, die auf der Handlungsebene ruhig erscheinen.

Musikalische Schlüsselmomente

  • Die Eröffnungssequenz: Noch bevor das erste Bild erscheint, setzen Streicher ein – dissonant, unruhig, wie ein Alarmsignal. Diese Musik begleitet Plainviews stumme Arbeit im Schacht und legt den emotionalen Grundton des gesamten Films fest.
  • Das Bohrturm-Feuer: Greenwood schichtet Orchesterklänge übereinander, die Klangwand wird dichter und dichter, bis sie im Moment der Explosion in Stille umschlägt. Der Kontrast ist physisch spürbar.
  • Das Finale: In der Bowlingbahn-Szene verzichtet der Film fast vollständig auf Musik. Das Fehlen von Klang verstärkt die Brutalität des Geschehens.

Geräusche als Dramaturgie

Das Sound Design des Films nutzt Bohrgeräusche, Wind, das Knarren von Holz und das Tropfen von Öl als eigenständige dramaturgische Elemente und greift dabei gezielt auf akustische Effekte zurück. In vielen Szenen dominieren Geräusche über Musik und Dialog – ein bewusster Einsatz, der den Zuschauer in die physische Realität der Ölförderung hineinzieht.

There Will Be Blood unterscheidet sich dadurch fundamental von traditionell orchestrierten Historienfilmen. Wo andere Filme Emotionen musikalisch vorzeichnen, lässt Anderson die Bilder und Geräusche für sich wirken – und setzt Greenwoods Musik dort ein, wo sie am unerwarteten und wirkungsvollsten ist.


Motiv Öl: Schwarzes Gold als Zerstörungskraft

Öl ist in There Will Be Blood weit mehr als ein Rohstoff. Es ist das zentrale filmische Motiv – zugleich Quelle von Reichtum und Ursache von Zerstörung. Anderson inszeniert das Öl nicht als abstrakte Handelsware, sondern als physische, fast lebendige Kraft, die aus der Erde bricht und alles verändert, was sie berührt.

Visuelle Metaphern

Das Öl wird im Film mit einer visuellen Intensität inszeniert, die zwischen Faszination und Ekel changiert:

  • Schwarze Flüssigkeit, die unkontrolliert aus dem Boden schießt – ein Bild von Wildheit und Naturgewalt
  • Verschmutzte Körper: Plainview mit ölverschmiertem Gesicht, Arbeiter in schwarzem Schlamm – der Rohstoff hinterlässt buchstäblich Spuren auf den Menschen
  • Rauchwolken und Flammen: Die brennenden Bohrtürme verdunkeln den Himmel und verwandeln die Landschaft in ein Inferno

Öl und Körper

Die Verbindung zwischen Öl und menschlichem Körper ist im Film allgegenwärtig. H.W.s Verletzung beim Bohrturm-Feuer macht das Kind zum buchstäblichen Opfer des Rohstoffs, der seinen Vater reich macht. In den Heilungsszenen der Kirche verteilt Eli Öl auf den Gesichtern der Gläubigen – eine groteske Umkehrung, in der das Öl, das für Plainview Profit bedeutet, für Eli zum Instrument spiritueller „Reinigung“ wird.

Öl als Ersatzreligion

Für Daniel Plainview ist das Öl mehr als eine Einnahmequelle – es ist seine wahre „Gottheit“. Er opfert ihm seine Gesundheit, seine Beziehungen, seinen Sohn. Wo Eli Sunday Gott predigt, betet Plainview das schwarze Gold an. Der Film suggeriert, dass beide Formen der Anbetung letztlich zur selben Zerstörung führen: Wer sich einer einzigen Obsession verschreibt, verliert alles andere.

Ein brennender Bohrturm erhebt sich in der Dunkelheit der Nacht, während Flammen hoch in den Himmel schlagen und die karge Wüstenlandschaft um ihn herum beleuchten. Diese dramatische Szene erinnert an die Themen von Paul Thomas Andersons Film "There Will Be Blood", in dem Gier und der Aufstieg eines Ölmagnaten im Vordergrund stehen.


Kapitalismus, Gier und der amerikanische Traum

There Will Be Blood ist einer der schärfsten Filme über die Zerstörung durch Kapitalismus und Gier, die das amerikanische Kino hervorgebracht hat. Er erzählt vom „American Dream“ – dem Versprechen, dass jeder durch harte Arbeit aufsteigen kann – und zeigt gleichzeitig die Verwüstung, die dieses Versprechen anrichtet.

Der Traum als Albtraum

Daniel Plainview beginnt als Niemand und wird zum Millionär. Doch sein Aufstieg ist kein Triumph – er ist ein Verlust. Mit jedem Geschäftsabschluss, jedem aufgekauften Stück Land, jeder neuen Ölquelle verliert er ein Stück seiner Menschlichkeit. Der Film thematisiert die Zerstörung durch Kapitalismus und Gier als einen Prozess der Selbstverstümmelung.

Plainviews Lebensstil führt zur emotionalen Isolation. Am Ende des Films besitzt er ein riesiges Herrenhaus, trinkt allein, lässt niemanden an sich heran. Sein Vermögen hat ihn nicht befreit – es hat ihn eingemauert.

Robber Barons und ihre Erben

Der Film evoziert die Ära der „Robber Barons“ – jener Industriellen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die Amerikas Wirtschaft prägten und dabei über Leichen gingen. Plainview teilt mit historischen Figuren wie John D. Rockefeller die Kombination aus unternehmerischem Genie und moralischer Skrupellosigkeit. Doch Anderson interessiert sich weniger für die historische Parallele als für das psychologische Muster: Was treibt einen Menschen dazu, alles dem Erfolg zu opfern?

Ausbeutung als System

In mehreren Szenen zeigt der Film, wie Plainview seine Umgebung systematisch ausbeutet:

  • Seine Verkaufsreden vor den Farmern versprechen Wohlstand für die Gemeinde – während er die Grundstücke zu Spottpreisen aufkauft
  • Billige Arbeitskräfte errichten die Bohrtürme unter lebensgefährlichen Bedingungen
  • Die Gemeinde in Little Boston wird instrumentalisiert, ihre Religion manipuliert, ihre Hoffnungen ausgenutzt

Der Film kritisiert sowohl wirtschaftliche als auch religiöse Machtstrukturen und zeigt, dass beide Systeme dazu tendieren, Menschen zu Mitteln für fremde Zwecke zu degradieren.

Resonanz in der Gegenwart

There Will Be Blood fand bei seiner Veröffentlichung 2007 – am Vorabend der globalen Finanzkrise – besondere Resonanz. Die Fragen, die der Film stellt, haben nichts an Aktualität verloren: Welchen Preis zahlen Gesellschaften für ungezügeltes Wachstum? Wie viel Zerstörung ist der Reichtum Einzelner wert? In Zeiten von Klimadebatte und wachsender Ungleichheit wirkt Plainviews Geschichte wie eine Parabel auf Strukturen, die bis heute existieren.


Religion als Gegenmacht – oder Spiegel derselben Gier?

Der Konflikt zwischen Plainview und Eli verdeutlicht Machtgier in zwei Erscheinungsformen: wirtschaftlich und spirituell. Der Film zeigt den Konflikt zwischen Kapitalismus und Religion nicht als Kampf zwischen Gut und Böse, sondern als Konfrontation zweier gleichwertiger Ausbeutungssysteme.

Elis „Geschäftsmodell“

Eli Sundays Kirche funktioniert nach Prinzipien, die denen eines Unternehmens erstaunlich ähneln. Die Gemeinde zahlt Spenden – die informelle Währung des Glaubens. Eli inszeniert Heilungen und Exorzismen, die emotional aufgeladene „Produkte“ darstellen. Wer nicht spendet oder zweifelt, wird öffentlich beschämt. Die Religion in Little Boston ist kein Rückzugsort, sondern ein Machtsystem.

Die Taufszene: Religion als Mittel zum Zweck

Eine der berühmtesten Szenen des Films zeigt Daniel Plainview bei seiner öffentlichen Taufe. Er braucht Elis Einwilligung für den Bau einer Pipeline durch dessen Land. Also unterwirft er sich dem Ritual: Er bekennt öffentlich seine Sünden, schreit und weint vor der Gemeinde, lässt sich von Eli demütigen. Doch der Zuschauer weiß, dass nichts davon echt ist. Plainview benutzt Religion als Instrument – genau so, wie Eli es tut.

Die Szene ist ein Meisterstück der Inszenierung: Anderson zeigt die Ritualhandlung in ihrer vollen Länge, ohne sie durch Schnitte aufzubrechen. Der Zuschauer muss durchhalten, genau wie Plainview.

Umkehrung der Machtverhältnisse

Im Finale des Films dreht sich das Kräfteverhältnis um. Eli kommt zu Plainview und bittet um Geld – er hat an der Börse spekuliert und alles verloren. Plainview zwingt ihn, seine eigene Religion zu verleugnen: „I am a false prophet – God is a superstition!“ Es ist der Moment, in dem Eli als das entlarvt wird, was er immer war: nicht ein Mann Gottes, sondern ein Opportunist. Der Film stellt die Frage, ob Religion in diesem Kontext je echte Spiritualität repräsentiert hat – oder immer nur ein weiteres Machtinstrument war.

Keine einfache Antwort

Anderson verurteilt Religion nicht pauschal. Die Gemeindemitglieder in Little Boston suchen ehrlich nach Trost und Zusammenhalt. Doch die Strukturen, die Eli errichtet, korrumpieren dieses Bedürfnis. Der Film zeigt, wie sowohl Kapitalismus als auch Religion als Systeme funktionieren können, die die Suche nach Sinn und Glück einzelner Menschen für die Interessen weniger missbrauchen.


Familie, Vaterschaft und Einsamkeit

Neben Macht und Religion ist das Thema Familie und künstliche Vaterschaft der dritte tragende Pfeiler des Films. Die Beziehung zwischen Daniel Plainview und seinem Adoptivsohn H.W. durchzieht die gesamte Erzählung wie ein roter Faden – und ihr Zerfall spiegelt Plainviews moralischen Verfall wider.

H.W.: Marketinginstrument und echte Zuneigung

Die Beziehung zwischen Plainview und H.W. wird durch Geschäfte geprägt. Plainview nimmt das Kind mit zu Verhandlungen, präsentiert sich als „Familienmann“, nutzt H.W.s Anwesenheit, um bei Farmern Vertrauen zu wecken. Doch die Beziehung ist nicht rein instrumentell – es gibt Momente echter Zuneigung. Plainview hält den schlafenden Jungen, zeigt ihm die Landschaft in weiten Einstellungen bis hin zum Extreme Long Shot, teilt Mahlzeiten mit ihm. Diese Szenen sind die einzigen im Film, in denen Plainview so etwas wie Wärme ausstrahlt.

Der Bruch

Die Explosion am Bohrturm, bei der H.W. sein Gehör verliert, markiert den Wendepunkt. Statt seinen Sohn zu versorgen, schickt Plainview ihn weg – auf ein Internat. Der Junge wird zum Hindernis für den Geschäftsbetrieb. In einer späteren Szene in den 1920er Jahren, als der erwachsen gewordene H.W. eigene Wege gehen will und ein eigenes Ölgeschäft gründen möchte, verstößt Plainview ihn endgültig. Er offenbart, dass H.W. nicht sein leiblicher Sohn ist, sondern ein Waisenkind – ein Akt der Grausamkeit, der zeigt, wie vollständig Plainview jede Fähigkeit zur Bindung verloren hat.

Henry: Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit

Die Episode mit Henry – einem Mann, der vorgibt, Daniels Halbbruder zu sein – offenbart eine Seite Plainviews, die er selbst nicht zugibt: das Bedürfnis nach familiärer Bindung. Diese Szene zeigt, wie Daniel Henry bereitwillig aufnimmt, ihm vertraut und sichtbar seine Gesellschaft genießt. Als die Täuschung auffliegt, ist die Reaktion umso brutaler. Plainview verliert nicht nur einen Betrüger – er verliert die Illusion, dass jemand ihn um seiner selbst willen kennen möchte.

Einsamkeit im Bild

Plainview verliert jeglichen menschlichen Kontakt durch seinen Reichtum. Die finale Sequenz zeigt ihn allein in einem Herrenhaus, das zu groß für einen einzelnen Menschen ist. Die Bowlingbahn – ein Luxus, den er sich leistet – ist ein Ort ohne Gäste. Die leeren Räume, die langen Flure, das Schweigen: Anderson und Elswit inszenieren Einsamkeit nicht als Gefühl, sondern als architektonische Realität. Die großen, leeren Räume des Herrenhauses sind die visuelle Entsprechung dessen, was Plainview in seinem Inneren geschaffen hat – eine Leere, die kein Geld der Welt füllen kann.


Struktur, Erzählweise und Rhythmus

There Will Be Blood ist 158 Minuten lang und fühlt sich zugleich wie ein Epos und wie eine Kammerspielversion eines Epos an. Anderson erzählt seine Geschichte nicht als lineares Aufstiegsepos, sondern in klar voneinander abgesetzten Zeitblöcken, die wie Kapitel eines Romans funktionieren.

Drei Zeitebenen

Die narrative Struktur lässt sich in drei Blöcke gliedern und illustriert damit sehr anschaulich die Funktion einer filmischen Exposition:

  1. Prolog (ca. 1898–1902): Die dialoglosen Szenen im Bergwerk. Kein Dialog, keine Musik im herkömmlichen Sinn – nur Geräusche und Greenwoods bedrohliche Klangflächen. Diese Sequenz dauert über 15 Minuten und nähert sich der Ästhetik des Stummfilms und etabliert zugleich die bedrückende Szenerie der frühen Ölindustrie.
  2. Hauptteil (ca. 1910er Jahre): Der Aufstieg in Little Boston, die Konfrontationen mit Eli, die Explosion am Bohrturm, die geschäftlichen Machenschaften. Hier verdichtet sich die Handlung, Dialoge werden präzise und pointiert.
  3. Epilog (ca. 1927): Plainview allein im Herrenhaus. Wenige Szenen, aber von enormer Intensität: das Gespräch mit H.W., das Finale mit Eli.

Langsame Spannung

Anderson verzichtet bewusst auf klassische Action oder schnelle Schnitte. Die Spannung entsteht durch langsame Kamerafahrten, wiederkehrende Bildmotive und die präzise Dosierung von Dialog. Viele Szenen bestehen aus einem einzigen Take, der die Zuschauer zwingt, hinzusehen und auszuhalten. Diese Technik ist keine Trägheit – sie ist kontrollierte Intensität.

Warum der Film kein typisches Historienepos ist

Trotz seiner Laufzeit und seines historischen Settings vermeidet There Will Be Blood die Konventionen des Historienepos. Es gibt keine Schlachtszenen, keine Liebesgeschichte, kein patriotisches Narrativ. Der Film bleibt konsequent ein Charakterdrama – eine Filmanalyse seines Protagonisten, die zufällig in der Vergangenheit spielt. Die historischen Umstände sind Kulisse, nicht Thema. Das Thema ist Plainview – und das, was er aus sich selbst macht.


Stilistische Bezüge: Von „Citizen Kane“ bis zum Neuen Hollywood

There Will Be Blood wird seit seiner Veröffentlichung regelmäßig mit Orson Welles‘ Citizen Kane (1941) verglichen – und dieser Vergleich ist mehr als eine oberflächliche Parallele. Beide Filme erzählen vom Aufstieg und Fall eines Machtmenschen, beide nutzen fragmentarische Erzählstrukturen, und beide enden mit einem Protagonisten, der alles besitzt und nichts hat.

Parallelen zu „Citizen Kane“

Die Gemeinsamkeiten sind konkret:

  • Aufstieg eines Einzelnen: Charles Foster Kane baut ein Medienimperium, Daniel Plainview ein Ölimperium. Beide beginnen mit nichts und enden mit allem – außer menschlicher Nähe.
  • Einsamkeit im Reichtum: Kane stirbt allein in Xanadu, Plainview lebt allein in seinem Herrenhaus. Beide Figuren sind von ihrem Vermögen umgeben und doch vollkommen isoliert.
  • Visuelle Strategien: Welles nutzte Low-Angle-Shots und dramatische Schatten, um Kanes Macht zu inszenieren. Elswit und Anderson verwenden ähnliche Techniken, um Plainviews physische Dominanz im Bildraum zu betonen.
  • Fragmentarische Lebensgeschichte: Beide Filme springen über Jahrzehnte und zeigen nicht das ganze Leben, sondern ausgewählte Schlüsselmomente.

Das Neue Hollywood als Bezugspunkt

Andersons Arbeit steht auch in der Tradition des Neuen Hollywood der 1970er Jahre. Filme wie The Godfather (1972), Taxi Driver (1976) oder Raging Bull (1980) schufen Antihelden, die das Publikum gleichzeitig abstoßen und faszinieren. Diese Filme teilten eine Skepsis gegenüber Macht, ein Interesse an moralischer Ambivalenz und den Mut, Zuschauer ohne versöhnliches Ende zu entlassen.

There Will Be Blood führt diese Tradition weiter – und radikalisiert sie. Während Michael Corleone in The Godfather noch eine Entwicklung vom Idealisten zum Zyniker durchmacht, ist Plainview von Beginn an ein Mann ohne Illusionen. Sein Weg führt nicht von Gut zu Böse, sondern von Kalt zu Eisig.

Moderner Klassiker

Filmwissenschaftlich lässt sich There Will Be Blood als ein Werk einordnen, das Traditionen des US-Autorenkinos aufgreift, sie aber in eine neue Richtung treibt. Die Verbindung von Historienfilm und psychologischem Porträt, die kompromisslose Konzentration auf einen unversöhnlichen Protagonisten und der Einsatz moderner Musik in einem historischen Setting – all das macht den Film zu einem Bindeglied zwischen dem klassischen Hollywood-Kino und dem Independent-Film des 21. Jahrhunderts und sichert ihm zugleich einen festen Platz in Nachschlagewerken wie dem Lexikon des internationalen Films.


Rezeption: Kritiken, Preise und Platz in Bestenlisten

Kritiken

Die zeitgenössische Kritik reagierte überwiegend mit Begeisterung auf There Will Be Blood. In US-amerikanischen und europäischen Medien dominierte die Bewertung, dass Anderson mit diesem Film ein Meisterwerk geschaffen habe. Roger Ebert vergab 3,5 von 4 Sternen für den Film und lobte Day-Lewis‘ Performance als eine der größten schauspielerischen Leistungen der Dekade. Andrew Sarris bezeichnete den Film als beeindruckende Leistung.

Vereinzelt gab es Kritik an der Länge des Films und an der vermeintlichen „Kälte“ der Figuren. Manche Rezensenten empfanden den Film als emotional distanziert, als Werk, das mehr bewundern als berühren lasse. Doch gerade diese Kälte war künstlerisch gewollt – sie spiegelt Plainviews eigene emotionale Verödung wider.

Auszeichnungen

There Will Be Blood erhielt 8 Oscar-Nominierungen bei den Academy Awards 2008 und gewann zwei:

Kategorie Ergebnis
Bester Hauptdarsteller (Daniel Day Lewis) Gewonnen
Beste Kamera (Robert Elswit) Gewonnen
Bester Film Nominiert
Beste Regie (Paul Thomas Anderson) Nominiert
Bester Schnitt Nominiert
Bestes Drehbuch (adaptiert) Nominiert
Bestes Szenenbild Nominiert
Bester Ton Nominiert
Hinzu kamen Preise bei den Golden Globes, BAFTAs und des Screen Actors Guild.

Bewertungsportale

  • Der Film hat eine 91%ige Zustimmung auf Rotten Tomatoes.
  • Die Metacritic-Bewertung liegt bei 93 von 100 Punkten – ein Wert, der den Film als eines der bestbewerteten Werke des 21. Jahrhunderts ausweist.

Bestenlisten

In den Jahren nach seiner Veröffentlichung hat There Will Be Blood stetig an Reputation gewonnen. In der viel beachteten BBC-Liste „100 Greatest Films of the 21st Century“ (2016) belegte er Platz 3. Zahlreiche Publikationen – von The New York Times bis Rolling Stone – führen ihn in ihren Top-Listen des modernen Kinos. Der Film hat den Wettbewerb um den Status eines Kanonfilms gewonnen.


Filmhistorische Bedeutung und Einfluss auf spätere Werke

Warum „There Will Be Blood“ ein Schlüsselfilm ist

Es gibt Filme, die man für gut hält, und Filme, die das Medium verändern. There Will Be Blood gehört zur zweiten Kategorie. Seine Bedeutung liegt nicht in einer einzelnen Innovation, sondern in der Kombination mehrerer radikaler Entscheidungen: eine unversöhnliche Hauptfigur, formale Strenge, eine Verbindung von Historienfilm und Psychodrama und ein Soundtrack, der die Konventionen seines Genres sprengt.

Einfluss auf spätere Filme

Der Einsatz von There Will Be Blood als Referenzpunkt lässt sich in zahlreichen späteren Produktionen beobachten:

  • The Wolf of Wall Street (2013): Martin Scorseses Porträt eines skrupellosen Börsenbetrügers teilt die Faszination für charismatische Machtfiguren und die Weigerung, moralische Urteile im Film selbst zu fällen.
  • Foxcatcher (2014): Ein Film über destruktive Männlichkeit und den Missbrauch von Macht, der visuell und tonal an Andersons Arbeit erinnert.
  • The Master (2012): Paul Thomas Andersons eigenes Echo auf There Will Be Blood – erneut ein Machtkampf zwischen zwei Männern, erneut die Frage nach Kontrolle und Abhängigkeit.

Akademische Rezeption

In filmwissenschaftlichen Seminaren wird der Film regelmäßig als Beispiel für modernes Autorenkino eingesetzt. Er eignet sich für die Analyse von Bildgestaltung, Sounddesign, Figurenentwicklung und narrativer Struktur gleichermaßen. Viele Hochschulen nutzen einzelne Szenen – insbesondere den Prolog und die Taufszene – als Lehrmaterial.

Online-Diskurs und Meme-Kultur

Auch außerhalb akademischer Kontexte hat der Film seinen Platz gefunden. Der Satz „I drink your milkshake!“ ist zum Meme geworden – ein Zitat, das weit über seinen filmischen Kontext hinaus bekannt ist. Zahlreiche Videoessays auf YouTube analysieren Andersons Werk, und die Diskussion über Plainviews Charakter füllt Foren und soziale Medien. There Will Be Blood ist damit ein seltenes Beispiel für einen Film, der sowohl in der akademischen Welt als auch in der Populärkultur lebendig geblieben ist.


Filmische Begriffe erklärt: Was man an „There Will Be Blood“ lernen kann

There Will Be Blood eignet sich hervorragend, um zentrale Begriffe der Filmwissenschaft in der Praxis zu studieren. Hier sind sieben Konzepte, die sich am Film besonders gut illustrieren lassen – von visuellen Parametern wie Luminanz und Kontrast bis hin zu erzählerischen Strukturen:

1. Mise-en-Scène

Definition: Der Begriff Mise-en-Scène umfasst alles, was im Bildrahmen sichtbar ist: Ausstattung, Beleuchtung, Kostüme, Positionierung der Darsteller, Farbgebung.

Beispiel: Die karg eingerichteten Räume in Little Boston, Plainviews zunehmend dunkle Kleidung, die Positionierung von Daniel und Eli in Verhandlungsszenen – all das erzählt Geschichte, ohne dass ein Wort gesprochen werden muss.

2. Antiheld

Definition: Ein Protagonist, der nicht die klassischen Tugenden eines Helden besitzt – oft moralisch ambivalent, selbstsüchtig oder destruktiv, aber dennoch die zentrale Identifikationsfigur des Films.

Beispiel: Daniel Plainview vereint unternehmerisches Talent mit emotionaler Kälte. Der Zuschauer folgt seiner Geschichte, ohne ihn zu bewundern.

3. Low Key Lighting

Definition: Beleuchtungsstil, bei dem große Teile des Bildes im Schatten liegen und starke Kontraste zwischen Hell und Dunkel entstehen; er bildet damit einen Gegenpol zu technisch gleichmäßig ausgerichteter Lichttechnik.

Beispiel: Die Szenen im Bergwerksschacht zu Beginn des Films nutzen extremes Low Key Lighting, das in bewusster Lichtgestaltung Bedrohung und Enge erzeugt.

4. Long Take

Definition: Eine Einstellung, die deutlich länger dauert als im Mainstream-Kino üblich – oft mehrere Minuten ohne Schnitt, also nur ein einziger ununterbrochener Take.

Beispiel: Die Taufszene, in der Eli Plainview vor der Gemeinde demütigt, wird in langen, ungebrochenen Einstellungen gefilmt. Der Zuschauer kann sich nicht abwenden.

5. Symbolische Motive

Definition: Wiederkehrende Bilder oder Gegenstände, die über ihre wörtliche Bedeutung hinaus auf tiefere Themen verweisen.

Beispiel: Öl als Symbol für Gier und Zerstörung; Feuer als Symbol für Plainviews verzehrende Ambition; leere Räume als Symbol für seine Einsamkeit.

6. Sound Design

Definition: Die Gestaltung aller Geräusche und Klänge in einem Film, einschließlich Originalton, Foley, Atmosphären und Musik. Mehr dazu im Filmlexikon-Artikel über Sound Design; eng verwandt ist die Frage der Lichtstimmung, die im Zusammenspiel mit Ton die Atmosphäre einer Szene prägt.

Beispiel: Das Dröhnen der Bohrmaschinen, das Pfeifen des Windes, die Stille nach der Explosion – all das ist bewusst gestaltet und dramaturgisch eingesetzt.

7. Bildkomposition in der Tiefe

Definition: Anordnung von Bildelementen auf verschiedenen Tiefenebenen des Bildraums, sodass Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund jeweils eigene Informationen transportieren.

Beispiel: In zahlreichen Einstellungen dominiert ein Bohrturm den Vordergrund, während Plainview als kleine Figur im Hintergrund sichtbar ist – eine visuelle Aussage über das Verhältnis von Mensch und Maschine.


Praktische Perspektive: Was Filmschaffende von diesem Film übernehmen können

There Will Be Blood ist nicht nur ein Film zum Analysieren – er ist ein Film zum Lernen. Hier sind konkrete Impulse für verschiedene Gewerke:

Für Drehbuchautoren

  • Weniger Dialog, mehr Handlung: Plainviews Charakter wird weniger durch seine Worte definiert als durch seine Taten. Sein Verhalten in Verhandlungen, seine Reaktion auf H.W.s Taubheit, seine Körpersprache in Konfrontationen – all das erzählt mehr als jeder Monolog.
  • Figuren über Widersprüche definieren: Plainview ist gleichzeitig fürsorglich und rücksichtslos, charmant und kalt. Diese Widersprüche machen die Figur dreidimensional.

Praxis-Tipp: Streiche in deinem nächsten Kurzfilm-Drehbuch jeden dritten Dialog. Überlege, wie du die Information stattdessen visuell oder durch Verhalten erzählen kannst.

Für Regie und Kamera

  • Landschaft als Charakter: Die karge Wüstenlandschaft in There Will Be Blood ist nicht Hintergrund – sie ist Ausdruck von Plainviews innerer Verfassung. Nutze den Drehort bewusst als erzählerisches Element.
  • Lange Einstellungen als Druckmittel: Statt schnelle Schnitte zu setzen, halte die Kamera auf der Szene. Der Zuschauer kann nicht wegschauen – und das erzeugt Spannung.
  • Tiefenkomposition: Positioniere Figuren auf verschiedenen Ebenen im Bild, um Machtverhältnisse oder emotionale Distanz visuell darzustellen.

Praxis-Tipp: Drehe eine Szene deines nächsten Projekts in einem einzigen Take, ohne Schnitt. Achte darauf, wie sich die Dynamik zwischen den Darstellern verändert, wenn die Kamera nicht eingreift.

Für Sound-Designer und Komponisten

  • Stille als Stilmittel: Der Verzicht auf Musik kann wirkungsvoller sein als jede Partitur. In der Bowlingbahn-Szene fehlt die Musik – und gerade deshalb trifft die Szene so hart.
  • Geräusche dramaturgisch nutzen: Bohrgeräusche, Wind, das Tropfen von Flüssigkeit – all das kann emotionale Zustände unterstreichen, ohne dass Musik nötig ist.
  • Dissonanz wagen: Greenwoods Soundtrack beweist, dass atonale, unkonventionelle Musik ein Publikum fesseln kann, wenn sie zur Erzählung passt.

Praxis-Tipp: Gestalte den Soundtrack deines nächsten Kurzfilms ausschließlich aus Geräuschen, die in der Szene vorkommen. Kein zusätzlicher Score. Beobachte, wie sich die Wahrnehmung des Zuschauers verändert.


Verfügbarkeit: Wie und wo „There Will Be Blood“ heute zu sehen ist

There Will Be Blood ist auf verschiedenen Wegen legal zugänglich. Je nach Region und Zeitpunkt variiert das Angebot – hier ein allgemeiner Überblick:

  • Streaming-Plattformen: Der Film ist regelmäßig bei großen Anbietern wie Amazon Prime Video, Apple TV oder MUBI im Katalog oder als Leihfilm verfügbar. Die Lizenzrechte wechseln jedoch; es empfiehlt sich, die aktuelle Verfügbarkeit bei den bevorzugten Diensten zu prüfen.
  • Digitale Leihe und Kauf: Über gängige digitale Plattformen kann der Film als Einzeltitel geliehen oder erworben werden.
  • Physische Medien: Blu-ray– und DVD-Ausgaben existieren und bieten häufig Bonusmaterial wie Making-of-Dokumentationen oder Interviews.
  • Festivals und Retrospektiven: There Will Be Blood wird regelmäßig in Retrospektiven gezeigt, die sich Paul Thomas Andersons Werk oder dem „Best of 21st Century Cinema“ widmen. Viele Programmkinos führen den Film gelegentlich im Repertoire.

Sprachversionen: Der Originalton ist Englisch. Eine deutsche Synchronfassung existiert, ebenso wie Untertiteloptionen in verschiedenen Sprachen. Für die filmwissenschaftliche Beschäftigung empfiehlt sich stets die Originalfassung, da Day-Lewis‘ Stimmarbeit ein wesentlicher Bestandteil seiner Performance ist – besonders bei hell ausgeleuchteten Szenen, in denen ein bewusster Kontrast zur sonstigen Low-Key-Ästhetik durch vereinzelte High Key-Momente entsteht.

Das Bild zeigt das klassische Innere eines Kinos mit roten Samtsitzen, die in warmes Licht getaucht sind, und einer leeren Leinwand, die auf die bevorstehende Filmvorführung vorbereitet ist. Diese ruhige Atmosphäre erinnert an die dramatischen Geschichten, die in Filmen wie "There Will Be Blood" erzählt werden, in denen Themen wie Gier und das Streben nach Reichtum im Vordergrund stehen.


Vergleich mit anderen Meisterwerken: Zwischen „Citizen Kane“ und „The Godfather“

Der Vergleich mit Citizen Kane wurde bereits angerissen – doch es lohnt sich, ihn zu vertiefen und um weitere Filme zu erweitern. There Will Be Blood steht in einer Reihe mit Werken, die Machtausübung und moralischen Verfall als Kern ihrer Erzählung behandeln.

Tabellarische Gegenüberstellung

Aspekt Charles Foster Kane (Citizen Kane) Michael Corleone (The Godfather) Daniel Plainview (There Will Be Blood)
Branche Medien Organisierte Kriminalität Ölindustrie
Aufstieg Vom Waisenkind zum Medienmogul Vom Kriegshelden zum Paten Vom Schürfer zum Ölmagnaten
Familie Gescheiterte Ehen, verlorener Sohn Familie als Machtstruktur, Brudermord Adoptivsohn als Mittel und Verlust
Einsamkeit Stirbt allein in Xanadu Stirbt allein am See Lebt allein im Herrenhaus
Moral Idealist wird Zyniker Idealist wird Mörder War nie Idealist – wird Monster

Was Plainview von Kane und Corleone unterscheidet

Der entscheidende Unterschied: Kane und Corleone durchleben einen Wandel. Sie beginnen mit Idealen – Kane will die Wahrheit berichten, Corleone will ein ehrliches Leben – und verlieren sie. Plainview hingegen hat keine Ideale, die er verlieren könnte. Sein Weg ist kein Fall von oben, sondern ein Graben nach unten. Er beginnt in einem dunklen Schacht und endet in einem dunklen Herrenhaus. Die Methoden ändern sich, aber der Kern bleibt.

Verzicht auf Versöhnung

Was There Will Be Blood von diesen Referenzfilmen absetzt, ist der radikale Verzicht auf sentimentale Versöhnung. Kane hat „Rosebud“ – ein Symbol für verlorene Unschuld. Corleone hat die Erinnerung an seinen Vater. Plainview hat nichts. Am Ende sitzt er neben dem, was er angerichtet hat, und die Musik verstummt. Es gibt keine Erlösung, kein Mitleid, keine Hoffnung auf Besserung.

Gedankenexperiment

Stellen Sie sich eine Doppelvorführung vor: zuerst Citizen Kane, dann There Will Be Blood. Man würde sehen, wie das amerikanische Kino über 66 Jahre hinweg dieselbe Geschichte erzählt hat – die Geschichte des Mannes, der alles gewinnt und alles verliert – und doch bei jedem Erzählen radikaler, kälter, kompromissloser geworden ist. Wo Welles noch Mitleid zulässt, schließt Anderson jede Hintertür. Das macht There Will Be Blood nicht zum „besseren“ Film, aber zum ehrlicheren.


Kontroversen, Missverständnisse und häufige Fragen

„Ist Daniel komplett böse?“

Nein. Plainview ist kein eindimensionaler Bösewicht. Er zeigt Fürsorge für H.W., Sehnsucht nach Zugehörigkeit (Henry-Episode) und eine ehrliche Leidenschaft für seine Arbeit. Was ihn zerstörerisch macht, ist nicht angeborene Boshaftigkeit, sondern ein pathologischer Konkurrenztrieb und die Unfähigkeit, Vertrauen aufzubauen. Er ist ein komplexer Charakter in einem moralischen Vakuum.

„Was bedeutet die Milchshake-Metapher?“

Plainviews berühmte Erklärung – „I drink your milkshake!“ – veranschaulicht, dass er durch schräg gebohrte Leitungen das Öl unter Elis Land absaugen konnte, ohne es jemals zu betreten. Die Metapher steht für totale wirtschaftliche Dominanz: Plainview hat Eli seiner Ressourcen beraubt, ohne dass dieser es merkte.

„Warum endet der Film so abrupt?“

Das Ende ist bewusst gesetzt. „I’m finished“ ist sowohl Plainviews Kommentar zur Szene als auch eine Metaaussage des Films: Die Geschichte dieses Mannes ist erzählt. Es gibt nichts mehr zu sagen.

„Sind Paul und Eli dieselbe Person?“

Paul Sunday und Eli Sunday sind zwei verschiedene Figuren – Zwillingsbrüder, beide gespielt von Paul Dano. Paul verrät die Familie für Geld und verschwindet, Eli bleibt und kämpft um Einfluss. Die Doppelbesetzung verstärkt die thematische Spannung, schafft aber gelegentlich Verwirrung.

„Ist der Film historisch korrekt?“

Nur bedingt. There Will Be Blood basiert lose auf Sinclairs Roman und nutzt historische Elemente – Bohrtechnologie, soziale Strukturen, religiösen Einfluss –, nimmt sich aber große künstlerische Freiheiten. Es ist keine Dokumentation, sondern eine verdichtete Erzählung mit historischem Hintergrund.

„Ist der Film zu langsam?“

Die bedächtige Erzählweise ist keine Schwäche, sondern ein Stilmittel. Anderson baut Spannung über Dauer auf – die langen Einstellungen, das Fehlen von Actionszenen, die sparsamen Dialoge erzeugen eine Intensität, die sich in Mengen von schnellen Schnitten nie erreichen ließe.


Fazit: Warum „There Will Be Blood“ im Filmlexikon einen Sonderstatus hat

There Will Be Blood vereint alles, was einen Film zum Gegenstand ernsthafter Auseinandersetzung macht: eine kompromisslose Erzählung, herausragende schauspielerische Leistungen, eine Bild- und Tonkunst, die das Medium an seine Grenzen treibt, und Themen – Kapitalismus, Religion, Familie –, die nichts an Relevanz verloren haben.

Für das Filmlexikon hat dieser Film einen besonderen Stellenwert: Er ist ein Referenzpunkt für modernes Autorenkino, ein Lehrstück in filmischen Stilmitteln und ein Beweis dafür, dass Kino gleichzeitig unterhaltsam und intellektuell fordernd sein kann. Ob Mise-en-Scène, Antiheld oder Sounddesign – kaum ein anderer Film der letzten zwanzig Jahre eignet sich so gut, um diese Konzepte zu verstehen und zu diskutieren.

Der Film fügt sich nahtlos in die großen Diskussionen des Kinos ein: über Macht und ihre Kosten, über Ressourcen und ihre Zerstörungskraft, über die Frage, was vom Menschen übrig bleibt, wenn er alles dem Erfolg unterordnet. Diese Fragen sind nicht historisch – sie sind hochaktuell.

Wer There Will Be Blood noch nicht gesehen hat, sollte es tun. Wer ihn kennt, sollte ihn erneut anschauen – mit Blick auf die in diesem Artikel erklärten Begriffe und filmischen Mittel. Jede Sichtung legt neue Schichten frei. Und genau darin liegt die Definition eines Meisterwerks: Es wird nicht weniger, wenn man es öfter sieht. Es wird mehr.

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