Die Verachtung – Le Mépris (1963): Jean-Luc Godards Klassiker im Filmlexikon
Kurze Einordnung: Warum „Die Verachtung – Le Mépris“ heute noch wichtig ist
Die Verachtung – Le Mépris gehört zu den Filmen, die das Kino nicht nur erzählen, sondern gleichzeitig über sich selbst nachdenken lassen. Jean-Luc Godard drehte Le Mépris 1963 – in einer Zeit, als die französische Filmkunst international neue Maßstäbe setzte. Der Film gilt als Schlüsselwerk der Nouvelle Vague und verbindet ein Beziehungsdrama mit einer radikalen Reflexion über das Filmemachen selbst: über den Konflikt zwischen Autorenschaft und Markt, über die Macht der Bilder und über die Frage, was passiert, wenn Liebe und Verachtung untrennbar werden.
Mit Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Jack Palance und Fritz Lang in den Hauptrollen bietet der Film eine Besetzung, die ihresgleichen sucht. Und obwohl mehr als sechs Jahrzehnte vergangen sind, hat die Verachtung Le Mépris nichts von ihrer erzählerischen und visuellen Kraft verloren.

Basisdaten zu „Le Mépris“ (Originaltitel) – Produktion, Start, FSK
Bevor wir tiefer in Analyse und Hintergründe einsteigen, hier die wichtigsten Eckdaten zum Film im Überblick. Der Originaltitel Le Mépris wurde in Deutschland unter dem Titel „Die Verachtung“ veröffentlicht.
| Kategorie | Details |
|---|---|
| Originaltitel | Le Mépris |
| Deutscher Titel | Die Verachtung |
| Produktionsjahr | 1963 |
| Produktionsland | Frankreich / Italien |
| Regie | Jean-Luc Godard |
| Drehbuch | Jean-Luc Godard, nach dem Roman Il disprezzo von Alberto Moravia |
| Hauptdarsteller | Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Jack Palance, Fritz Lang, Giorgia Moll |
| Produktionsfirmen | Les Films Concordia, Compagnia Cinematografica Champion, Rome Paris Films |
| Kamera | Raoul Coutard |
| Musik | Georges Delerue |
| Laufzeit | ca. 103 min |
| Kinostart Frankreich | Oktober 1963 |
| Kinostart Deutschland | Mitte der 1960er Jahre |
| FSK | FSK 12 (aktuelle deutsche Heimkino-Auswertungen) |
| Genre | Drama |
| Sprachen | Französisch, Englisch, Italienisch, Deutsch |
| Der Film entstand als internationale Koproduktion und vereint europäisches Autorenkino mit dem Glamour einer Starbesetzung – eine Spannung, die sich durch die gesamte Entstehungsgeschichte zieht. |
Inhaltsangabe: Handlung von „Die Verachtung – Le Mépris“
Die Handlung behandelt die Entfremdung einer Ehe im Kontext der Filmproduktion – ein Thema, das zugleich persönlich und universell ist.
Paul und die Odyssee
Paul Javal, ein französischer Drehbuchautor und eigentlich Krimiautor, wird vom amerikanischen Produzenten Jeremy Prokosch nach Rom gerufen. Dort soll er das Drehbuch einer Odyssee-Verfilmung überarbeiten, die unter der Regie von Fritz Lang entstehen soll. Paul Javal arbeitet an einem Drehbuch für Fritz Lang – doch schnell wird klar, dass Prokoschs Vorstellungen von Kino sich fundamental von denen des Regisseurs unterscheiden. Das ins Stocken geratene Filmprojekt braucht neuen Schwung, und Prokosch sieht in Paul den Mann, der Langs intellektuelle Vision in kommerziell verwertbare Bilder übersetzen kann.
Camilles wachsende Distanz
Paul bringt seine attraktive Ehefrau Camille mit zum Treffen mit Prokosch. Hier beginnt das Unheil: Der Produzent unternimmt Annäherungsversuche, die Paul nicht entschieden genug abwehrt. Was als Höflichkeit oder Unsicherheit gedeutet werden könnte, empfindet Camille als Verrat. Die Annährungsversuche des Produzenten glaubt Camille bewusst geduldet. Die Situation eskaliert, als die Figuren nach Capri reisen, wo die Dreharbeiten zur Odyssee stattfinden sollen.
Zerfall in Rom und auf Capri
Die berühmte Appartement-Sequenz in Rom zeigt den schleichenden Bruch: Paul und Camille bewegen sich durch ihre Wohnung wie Fremde. Dialoge verlaufen ins Nichts, Fragen bleiben offen, Blicke treffen ins Leere. Camille Javal fühlt sich von Paul verraten und liebt ihn nicht mehr. Auf Capri, in der spektakulären Villa Malaparte hoch über dem Meer, verstärkt sich die Isolation. Der Ort, der so betörend schön ist, wird zum Gefängnis der Beziehung.
Camille verlässt Paul, nachdem sie seine Untreue vermutet – nicht im körperlichen Sinne, sondern weil er sie gleichsam dem Produzenten „überlassen“ hat, um seine Karriere zu sichern. Der Film führt die Geschichte zu einem tragischen Ende, das hier nur angedeutet werden soll: Die Konsequenzen der Verachtung sind endgültig.

Figuren und Besetzung: Wer ist wer in „Le Mépris“?
Die Figurenkonstellation von Die Verachtung – Le Mépris ist ein Kräfteparallelogramm aus Kunst, Geld, Liebe und Macht. Jede Figur steht für eine Position in diesem Spannungsfeld.
- Paul Javal (Michel Piccoli): Der Drehbuchautor ist das emotionale Zentrum des Films. Ein Mann, zerrissen zwischen künstlerischem Stolz und dem wirtschaftlichen Druck, den der Produzent auf ihn ausübt. Paul ist kein Held – seine Passivität gegenüber Prokoschs Übergriffen macht ihn zum tragischen Antihelden. Er ist der Protagonist, der sich entscheiden muss, ob er seine Unabhängigkeit wahrt oder sich kompromittiert.
- Camille Javal (Brigitte Bardot): Pauls attraktive Ehefrau Camille ist weit mehr als ein dekoratives Gegenüber. Sie fühlt sich übergangen, nicht respektiert, letztlich verraten. Ihre Verachtung wächst aus konkreten Kränkungen, aus dem Gefühl, dass Paul sie wie eine Ware behandelt. Camille steht für weibliche Subjektivität und Stolz – und für die Konsequenzen, wenn Vertrauen zerstört wird.
- Jeremy Prokosch (Jack Palance): Der amerikanische Produzent ist die Inkarnation von Geld und Macht. Er erwartet sexuelle Verfügbarkeit, glamouröse Bilder und markttaugliche Unterhaltung. Der Produzent Prokosch ist eine zentrale Figur im Film und repräsentiert alles, was Godard am Kommerzkino kritisiert. Der Produzent Prokosch repräsentiert Geld und Macht im Film – unverhohlen und ohne Skrupel.
- Fritz Lang (als er selbst): Fritz Lang spielt sich selbst im Film Le Mépris und verkörpert die Tradition des großen europäischen Kinos. Er steht für künstlerische Integrität und filmhistorisches Bewusstsein. Seine Gespräche mit Paul über die Odyssee und über Filmkunst bilden einen intellektuellen Kontrapunkt zu Prokoschs Pragmatismus.
- Francesca Vanini (Giorgia Moll): Die Dolmetscherin vermittelt zwischen Sprachen und Kulturen, zwischen Paul und Prokosch. In einer Welt, in der niemand den anderen wirklich versteht, wird Francesca zum Symbol für das Thema Übersetzung – und für das Scheitern der Kommunikation.
Die Darsteller bilden ein Ensemble, das verschiedene Filmberufe und Rollen innerhalb der Filmindustrie repräsentiert: vom Autor über den Regisseur, Bühnenbildner und Szenenbildner im Film bis zum Produzenten – Berufe wie der Szenenbildner als verantwortlicher Gestalter des Filmraums, die im umfassenden Filmlexikon der Filmbegriffe ausführlich erläutert werden.

Jean-Luc Godard: Regisseur zwischen Nouvelle Vague und Klassikerstatus
Jean-Luc Godard, geboren 1930 in Paris und gestorben 2022, war einer der einflussreichsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts. Als Mitbegründer der Nouvelle Vague veränderte er die Filmsprache fundamental: mit Jump Cuts, mit der Auflösung klassischer Erzählmuster, mit einem essayistischen Zugang zum Kino, der Theorie und Praxis verschmolz.
Le Mépris entstand nach den bahnbrechenden Frühwerken „Außer Atem“ (À bout de souffle, 1960) und „Die Geschichte der Nana S.“ (Vivre sa vie, 1962). In dieser Phase arbeitete Godard zunehmend mit internationalen Stars und größeren Budgets – ohne seine experimentellen Impulse aufzugeben. Als Filmregisseur war Godard stets auch Theoretiker: Er schrieb für die „Cahiers du cinéma“, bevor er selbst zur Kamera griff, und verstand Film immer als Denkform.
Die Verachtung wird oft als sein „zugänglichster“ Film bezeichnet. Das liegt an der stärker linearen Erzählung, der visuellen Opulenz und der Starbesetzung. Doch hinter der glatten Oberfläche lauert dieselbe intellektuelle Radikalität, die alle Werke des Regisseurs durchzieht. Godard nutzte die Popularität von Brigitte Bardot nicht als Selbstzweck, sondern als Material für seine kritische Reflexion über das Verhältnis von Bild, Begehren und Kommerz.
In Retrospektiven vieler Jahrzehnte wird Le Mépris als Höhepunkt seines Schaffens gesehen – sowohl formal als auch philosophisch.
Literarische Vorlage: Alberto Moravias Roman „Il disprezzo“
Die Verfilmung basiert auf dem Roman „Il disprezzo“ von Alberto Moravia, der 1954 erschien. Moravia, einer der bedeutendsten italienischen Schriftsteller der Nachkriegszeit, schildert darin die Krise einer Ehe, die unter dem Druck äußerer Einflüsse – Geld, sexuelle Dynamiken, gesellschaftliche Erwartungen – zerbricht.
Der Roman „Die Verachtung“ von Alberto Moravia erschien 1954 und gilt als Schlüsselwerk des modernen europäischen Problemromans. Im Original heißen die Protagonisten Riccardo und Emilia statt Paul und Camille. Der Protagonist Riccardo muss sich künstlerisch kompromittieren, um finanziellen Druck zu bewältigen – ein Konflikt, der zeitlos wirkt. Die Beziehung zwischen Riccardo und Emilia spiegelt die von Odysseus und Penelope wider, ein Motiv, das Godard in seinem Film explizit aufgreift und verstärkt.
Moravias Werk ist ein Beispiel für existenzialistische Themen in der Nachkriegsliteratur und ein wichtiges Beispiel des europäischen Nachkriegsrealismus. Seine nüchterne Prosa seziert die Mechanismen der Entfremdung mit analytischer Präzision.
Buch versus Film
Godard übernahm den emotionalen Kern des Stoffes, verlagerte aber den Schauplatz stärker in die Welt der Filmindustrie. Während Moravia die Umsetzung als psychologischen Roman angelegt hat, ist Godards Adaption eine Meditation über das Kino selbst. Die Verfilmung von Jean-Luc Godard aus dem Jahr 1963 ist bekannt für ihre radikale Umdeutung des Stoffes: Statt einer werkgetreuen Adaption des Romans wählte Godard eine freie, essayistische Form. Die filmische Ebene – eine Odyssee-Verfilmung innerhalb des Films – wird zum Spiegel der Beziehungskrise. Der Autor nutzt den literarischen Stoff nicht als Vorlage, die es „umzusetzen“ gilt, sondern als Ausgangspunkt für eine visuelle Reflexion über Liebe, Markt und Kunst.
Produktionsgeschichte: Entstehung von „Die Verachtung“
Die Produktion von Le Mépris war selbst ein Drama – ein Kampf zwischen künstlerischen Visionen und kommerziellen Interessen, der die Themen des Films beinahe spiegelbildlich vorwegnahm.
Europäische Koproduktion
Getragen wurde das Projekt von einer internationalen Allianz: Carlo Ponti und Joseph E. Levine zählten zu den Produzenten, die die Finanzierung sicherten. Godard musste mit ihnen über Casting, Budget und die Inszenierung von Brigitte Bardot verhandeln. Die Produzenten wollten Bardots Status als Sexsymbol kommerziell nutzen – insbesondere durch Nacktszenen, die sie als unverzichtbar für den internationalen Vertrieb erachteten. Godard fügte eine Bettszene zu Beginn des Films ein, die freilich keine simple Enthüllung ist, sondern eine stilisierte, in Farbfilter getauchte Sequenz, die den Körper zugleich zeigt und entzieht.
Drehorte: Rom und Capri
Gedreht wurde im Frühjahr 1963 an verschiedenen Orten in Italien: in Rom, unter anderem in den Cinecittà-Studios und in einer Wohnung, die als Appartement der Javals diente, sowie auf Capri. Die Villa Malaparte, erbaut zwischen 1938 und 1943 auf einem Felsen 32 Meter über dem Meer, wurde zum visuellen Herzstück des Films. Ihre roten Außenwände, die Treppenpyramide zur Dachterrasse und die dramatische Lage über der Steilküste schufen Bilder, die bis heute zu den ikonischsten der Filmgeschichte zählen und in der restaurierten Fassung durch HDR-Bilddynamik mit erweitertem Kontrastumfang eine noch stärkere Wirkung entfalten.
Konflikte am Set
Die Spannungen zwischen Godard und den Produzenten waren real. Die Produzenten erwarteten einen glamourösen Bardot-Film, Godard lieferte eine intellektuelle Reflexion. Diese Konflikte fanden direkten Niederschlag im Film: Jeremy Prokosch, gespielt von Jack Palance, ist auch eine Karikatur jener kommerziellen Kräfte, mit denen Godard selbst ringen musste.

Raoul Coutards Bildgestaltung und Farbdramaturgie
Raoul Coutard, Stammkameramann der Nouvelle Vague und einer der prägendsten Bildgestalter des europäischen Kinos, fotografierte Le Mépris in Franscope und Eastmancolor. Godard verwendet eine neue Bildsprache für die filmische Umsetzung des Romans – und Coutard ist das zentrale Werkzeug dieser visuellen Revolution.
Farbdramaturgie: Rot, Blau, Weiß
Die Farbgestaltung des Films ist streng komponiert und folgt einem fast malerischen Prinzip:
- Rot: Die Außenwände der Villa Malaparte, Camilles Bademantel, Akzente in der Wohnung – Rot steht für Leidenschaft, aber auch für Gefahr und Verlust.
- Blau: Das Meer, der Himmel über Capri, Camilles Kleidung in Schlüsselszenen – Blau symbolisiert Distanz, Sehnsucht, unerreichbare Weite.
- Weiß und Gelb: Sonnenlicht, Marmor, helle Stoffe – Töne, die Klarheit suggerieren, aber auch Leere und Isolation.
Diese visuelle Trichromie erzeugt eine emotionale Kodierung, die das Gezeigte verstärkt, ohne es zu erklären. Farbe wird bei Coutard und Godard zum Erzählinstrument.
Kamerabewegung und Distanz
Die Kamera arbeitet oft in langen Einstellungen mit stabilen, horizontalen Bewegungen. Große Totalen zeigen Architektur und Landschaft, betonen die Gegensätze zwischen Innen und Außen. In den engen Räumen der Wohnung in Rom beobachtet die Kamera mehr, als dass sie eingreift – sie registriert die körperliche Distanz, die fragmentierten Gespräche, das Fehlen von Blickkontakt. Diese Haltung der Kamera ist zutiefst godardianisch: Sie urteilt nicht, sie zeigt.

Musik von Georges Delerue: Melancholie und Pathos
Georges Delerue, einer der bedeutendsten französischen Filmkomponisten der 1960er Jahre, schuf für Le Mépris eine Musik, die sich tief ins Gedächtnis eingräbt. Seine Sammlung von Kompositionen für den Film wurde zu einem eigenständigen Klassiker.
Das Thème de Camille
Das Hauptthema des Films – das „Thème de Camille“ – besteht aus melancholischen Streichern, unterstützt durch Holzbläser und Harfe. Es wird mehrfach eingesetzt, vor allem in Momenten emotionaler Verzweiflung oder Verfremdung. Die Musik erinnert an klassische Vorbilder, etwa an Bachs Präludien, und transportiert eine Traurigkeit, die über die konkreten Szenen hinausweist.
Musik als Kontrast
Die Wirkung der Musik entfaltet sich gerade durch den Kontrast zu den kühlen Bildern und den distanzierten Dialogen. Wo die Figuren schweigen oder aneinander vorbeireden, spricht Delerues Komposition von dem, was nicht gesagt werden kann: von der Tiefe des Verlusts, von der Unmöglichkeit, den Bruch zu reparieren. Diese Spannung zwischen visueller Kälte und musikalischem Pathos ist einer der Gründe, warum Die Verachtung emotional so nachhaltig wirkt.
Die Musik begleitet zentrale Szenen: Spaziergänge auf Capri, Momente der Entfremdung, die letzte Fahrt. Delerues Thema wurde in den folgenden Jahrzehnten vielfach zitiert und ist zum Inbegriff filmischer Melancholie geworden.

Thema 1: Verachtung („le mépris“) und Beziehungszerfall
Der Titel des Films ist zugleich sein Kernthema. „Le mépris“ – Verachtung – meint hier eine Haltung, die über bloße Enttäuschung hinausgeht: eine Mischung aus Misstrauen, Kränkung und innerer Distanz, die unumkehrbar wird.
Wie Verachtung entsteht
Camille Javal fühlt sich von Paul verraten – nicht durch eine Affäre im klassischen Sinne, sondern durch seine Passivität. Paul verkauft seine Frau gleichsam an den Produzenten: Er duldet Prokoschs Annährungsversuche, er überlässt Camille dem Mann mit dem Geld, weil er hofft, dadurch seinen Vertrag zu sichern. Emotionale Entfremdung kann durch mangelnde Kommunikation in einer Beziehung entstehen – und genau das geschieht zwischen Paul und Camille. Es sind kleine Momente, keine dramatischen Ausbrüche, die den Bruch einleiten.
Die Appartement-Sequenz
Die berühmte Wohnungsszene in Rom, die knapp dreißig Minuten des Films einnimmt, ist das Herzstück der Beziehungsanalyse. Paul und Camille bewegen sich durch ihre Wohnung, getrennt durch Glastüren, Möbel, Lichtschranken. Ihre Dialoge sind fragmentiert: Fragen werden gestellt, aber nicht beantwortet. Blicke gehen ins Leere. Die Kamera beobachtet, ohne Partei zu ergreifen. Es ist eine Sequenz, in der wenig „passiert“ und doch alles gesagt wird.
Verachtung als irreversible Haltung
Godards Inszenierung zeigt, wie alltägliche Missverständnisse und unterschwellige Machtkämpfe eine Beziehung zerstören können. Camille fühlt sich von Paul verraten und liebt ihn nicht mehr. Diese Verachtung trifft nicht nur Paul als Mann, sondern letztlich auch das System, das Camille zum Objekt macht – das System des Kinos, des Handels mit Bildern und Körpern. Die Villa Malaparte auf Capri wird zum Sinnbild für diese Isolation: ein moderner Palast über dem Meer, in dem die Figuren unfähig sind, sich wirklich nahezukommen.
Thema 2: Konflikt zwischen Kunst und Kommerz im Film
Der Film behandelt die Dynamik zwischen Autorenkino und kommerzieller Produktion – ein Thema, das Godard aus eigener Erfahrung kannte und das in Le Mépris zur erzählerischen Achse wird.
Prokosch gegen Lang
Das Spannungsfeld zwischen dem Produzenten Prokosch und dem Regisseur Fritz Lang ist der zweite Konflikt des Films, neben dem Beziehungsdrama. Prokosch will einen Film, der Geld einbringt: spektakuläre Bilder, erotische Aufladung, eine leicht konsumierbare Odyssee. Lang hingegen besteht auf der mythologischen Tiefe des Stoffes, auf der Integrität des künstlerischen Entwurfs. Der Film behandelt die Beziehung zwischen Regisseur und Produzent und macht daraus ein grundsätzliches Ringen um die Seele des Kinos.
Paul dazwischen
Paul Javal ist der Drehbuchautor, der zwischen beiden Polen steht. Er soll Langs Vision in Prokoschs Rahmen übersetzen – ein Kompromiss, der ihn als Künstler und als Mensch korrumpiert. Der Film thematisiert die Konflikte zwischen Liebe und Karriere, denn Pauls Bereitschaft, sich dem Produzenten anzupassen, zerstört nicht nur sein professionelles Selbstverständnis, sondern auch seine Ehe.
Godards eigene Position
In Le Mépris verhandelt Godard seine eigene Rolle im System der Filmindustrie. Er selbst musste mit Produzenten um Szenen, Besetzung und Inszenierung ringen. Der Film zeigt die Spannungen zwischen Kunst und Kommerz nicht abstrakt, sondern als gelebte Erfahrung. Die realen Produktionskonflikte – der Streit um Bardots Nacktszene, die kommerziellen Erwartungen der Geldgeber – flossen direkt in die Fiktion ein. Der Film behandelt Themen wie Liebe, Geld und Kino mit einer Dringlichkeit, die bis heute aktuell geblieben ist.
Metakino: Film im Film und Godards Selbstinszenierung
Le Mépris ist nicht nur ein Film – es ist ein Film über das Filmemachen. Diese Metaebene macht das Werk zu einem Kommentar über das Kino als Institution, als Kunstform und als Industrie.
Die Odyssee als Spiegel
Im Film wird eine Odyssee-Verfilmung realisiert, Regie geführt von Fritz Lang als Film im Film. Fritz Lang spielt sich selbst im Film und thematisiert das Kino, seine Geschichte und seine Möglichkeiten. Die mythologische Ebene spiegelt die Beziehung von Paul und Camille: Wie Odysseus auf seinen Irrfahrten Penelope verliert, so verliert Paul durch seine eigene Unentschlossenheit Camille. Fritz Lang diskutiert mit Paul über die Bedeutung von Kunst – diese Gespräche sind zugleich dialogische Szenen und filmtheoretische Reflexionen.
Sichtbare Technik
Godard lässt die Technik, das Set, die Kamera bewusst sichtbar werden. Gerüste, Beleuchtung, Gespräche über Drehpläne – all das ist Teil der Inszenierung. Der Auteur Godard bricht die Illusion, um den Zuschauer daran zu erinnern, dass jedes Bild gemacht ist, dass hinter jedem Filmbild Entscheidungen, Kompromisse und Machtverhältnisse stehen.
Was ist Metakino?
Für Leser des Filmlexikons sei der Begriff kurz definiert: Metakino bezeichnet Filme, die das Kino selbst zum Gegenstand machen – die das Entstehen von Bildern, die Rolle der Filmschaffenden und die Bedingungen der Filmproduktion thematisieren. Le Mépris ist eines der frühesten und zugleich komplexesten Beispiele dieser Tradition. Godard verwendet eine komplexe Erzählstruktur in Le Mépris, die narrative, mythologische und selbstreflexive Ebenen miteinander verschränkt.
Form und Stil: Erzählweise, Montage, Dialoge
Im Vergleich zu Godards früheren Werken, die durch disruptive Montage und radikale Jump Cuts auffielen, wirkt Le Mépris stilistisch ruhiger. Doch diese Ruhe ist trügerisch.
Lange Einstellungen, langsamer Zerfall
Die Erzählweise ist episodenhaft, nicht sprunghaft. Godard setzt auf lange Sequenzen, in denen scheinbar wenig geschieht: Gespräche, Spaziergänge, Wartezeiten. Die Spannung entsteht nicht durch äußere Ereignisse, sondern durch innere Verschiebungen – durch das, was nicht gesagt wird, durch Blicke, die danebengehen, durch Räume, die Distanz erzwingen.
Montage und Brechung
Jump Cuts sind vorhanden, aber sparsam eingesetzt. Stattdessen dominieren Plansequenzen und horizontale Kamerafahrten. Bild-Text-Einblendungen, Zitate und Brechungen der vierten Wand – typische Godard-Mittel – treten hier zurück zugunsten einer fast klassischen Erzählhaltung. Das macht den Film zugänglicher, ohne seine Komplexität zu verringern.
Sprache und Dialog
Godards Dialoge mischen Naturalismus mit Reflexion. Gespräche wirken alltäglich und sind zugleich durchsetzt von philosophischen Untertönen. Ein Beispiel: In einer Szene fragt Camille Paul, ob er sie liebe. Seine Antwort ist ausweichend, überladen mit Nebensächlichkeiten. Die Sprache selbst wird zum Schauplatz der Entfremdung.
Im französischen Original heißt es in einer der Schlüsselszenen: „Je te méprise“ – „Ich verachte dich.“ Drei Worte, die alles sagen und nichts erklären.
„Die Verachtung – Le Mépris“ im Kontext der Nouvelle Vague
Die Nouvelle Vague – die „Neue Welle“ des französischen Kinos – veränderte ab Ende der 1950er Jahre das Filmemachen grundlegend und rückte oft sehr stark ihre Hauptdarsteller und Protagonistenfiguren ins Zentrum komplexer Beziehungsgeflechte. Ihre Kennzeichen:
- Drehen an Originalschauplätzen statt im Studio
- Kleine Budgets, persönliche Themen
- Nähe zur Literatur und Philosophie
- Brechung konventioneller Erzählmuster
- Der Regisseur als Autor seines Films
Le Mépris gehört zu dieser Bewegung und steht zugleich an ihrem Rand. Der Film wirkt „klassischer“ als etwa Godards früheres Werk: Die Bilder sind opulenter, die Besetzung glamouröser, die Erzählung linearer. Gleichzeitig ist die Reflexionstiefe dichter als in vielen anderen Nouvelle-Vague-Filmen.
Vergleich mit Zeitgenossen
Im Kontext der frühen 1960er lässt sich Le Mépris mit François Truffauts „Jules und Jim“ (1962) vergleichen, der ebenfalls eine komplexe Beziehungskonstellation ins Zentrum stellt, aber spielerischer und leichter erzählt. Godards eigenes „Vivre sa vie“ (1962) experimentiert stärker mit Form und Fragmentierung. Le Mépris vereint beides: die emotionale Dichte des Beziehungsdramas mit der intellektuellen Schärfe des Filmessays.
Die besondere Mischung aus Autorenfilm und Star-Kino – Brigitte Bardot als internationale Ikone im Zentrum eines avantgardistischen Werks, flankiert von markanten Nebendarstellern und Nebenfiguren – verankert Le Mépris zugleich fest in den Filmklassikern der 1960er-Jahre und macht den Film innerhalb der Nouvelle Vague einzigartig.
Rezeption 1963: Kritiken, Kontroversen, Publikum
Bei seinem Erscheinen war Le Mépris ein polarisierender Film. Die Kritiken in Frankreich und Italien schwankten zwischen Begeisterung und Irritation.
Lob und Kritik
Gelobt wurden die visuelle Kraft der Bilder, Bardots Präsenz, Delerues Musik und die intellektuelle Ambition. Kritisiert wurde der Film als „zu kühl“, „zu intellektuell“, „zu distanziert“ – Vorwürfe, die Godard häufig trafen. Die Produzenten waren unzufrieden mit der ersten Schnittfassung, die ihren kommerziellen Erwartungen nicht entsprach. Insbesondere die als unzureichend empfundenen Nacktszenen sorgten für Konflikte hinter den Kulissen.
Kommerzieller Erfolg
In Frankreich war der Film ein Erfolg im Rahmen von Godards Gesamtwerk, blieb aber deutlich unter den Erwartungen, die ein Star wie Brigitte Bardot hätte erfüllen sollen. In den ersten zehn Wochen kam Le Mépris im französischen Kino auf Rang 7 unter den einheimischen Produktionen – respektabel, aber kein Kassenschlager.
Kontroversen
Die Diskussionen drehten sich um mehrere Achsen:
- Die Instrumentalisierung von Bardots Körper versus Godards kritische Reflexion darüber
- Die Frage, ob der Film ein Beziehungsdrama oder ein Filmessay sei
- Die Spannung zwischen europäischer Kunstfilm-Tradition und amerikanischem Starmarketing
Diese Kontroversen trugen langfristig zur Legendenbildung bei und sicherten dem Film eine Aufmerksamkeit, die weit über den Kinostart hinausreichte.
Heutige Bewertung: Kanonischer Filmklassiker
In den Jahrzehnten seit seinem Erscheinen hat sich Die Verachtung – Le Mépris vom teils missverstandenen Werk zum anerkannten Klassiker entwickelt. Der Film taucht regelmäßig in den wichtigsten Bestenlisten und Filmkanons auf.
Filmwissenschaftliche Bedeutung
Le Mépris wird in Seminaren zu Filmtheorie, Gender Studies, Architektur im Film, Dramaturgie im Film und Farbfigurierung verwendet, wobei der Film zugleich anschaulich macht, wie ein Dramaturg in Film- und Theaterproduktionen arbeitet. Er dient als Paradebeispiel für Metakino, visuelle Allegorie und die Verschränkung von Star-Kino mit intellektueller Filmkunst. Das Filmlexikon führt Le Mépris als zentrales Beispiel für selbstreflexives Kino und Autorenfilm.
Restaurierungen und neue Sichtbarkeit
Die aufwändige Restaurierung in den 2020er Jahren hat dem Film eine neue Generation von Zuschauern erschlossen. In Repertoire-Kinos und auf Festivals wird er regelmäßig gezeigt, und jede Vorführung bestätigt: Die visuelle und emotionale Kraft des Films ist ungebrochen.
Zeitlose Relevanz
Die Fragen, die Le Mépris stellt – über die Beziehung zwischen Kunst und Geld, über die Macht der Bilder, über die Zerbrechlichkeit von Liebe – sind heute so aktuell wie 1963. In einer Medienlandschaft, in der kommerzielle Interessen und künstlerische Integrität ständig neu verhandelt werden, bleibt Godards Film ein unverzichtbarer Referenzpunkt.

Veröffentlichungen auf DVD und Blu-ray: Restaurierung und Fassungen
Die Geschichte der Heimkino-Veröffentlichungen von Die Verachtung – Le Mépris spiegelt den wachsenden Stellenwert des Films wider.
Überblick der Editionen
Le Mépris ist über die Jahrzehnte in verschiedenen Formaten erschienen:
- Frühe VHS- und LaserDisc-Ausgaben mit verblassten Farben
- DVD-Editionen mit verbessertem, aber noch nicht restauriertem Bild
- Blu-ray-Ausgaben mit hochwertigerem Transfer
- Die aktuelle 4K-UHD-Ausgabe als Referenz
Die 4K-Restaurierung
Der Film wurde 2021 bis 2023 in 4K restauriert – eine Arbeit, die von Studiocanal in Zusammenarbeit mit dem CNC (Centre national du cinéma) und dem Labor Hiventy durchgeführt wurde. Dabei wurden das Originalnegativ, Interpositive und ein Referenzabzug von Raoul Coutard genutzt, um Farbabweichungen zu korrigieren, Verschmutzungen zu beseitigen und die ursprüngliche Farbintention des Kameramanns wiederherzustellen.
Technische Spezifikationen
Die aktuell erhältlichen Blu-ray-Ausgaben und 4K-UHD-Editionen von Die Verachtung – Le Mépris bieten:
| Merkmal | Details |
|---|---|
| Auflösung | Natives 4K (2160p) |
| HDR | HDR10 und Dolby Vision |
| Bildformat | 2,35:1 (Franscope) |
| Ton | DTS-HD Master Audio Mono 2.0, 24 Bit |
| Sprachfassungen | Französisch (O.M.U.), Englisch |
| Untertitel | Je nach Ausgabe Deutsch, Englisch, Französisch (FR) |
| Verschiedene Editionen bieten unterschiedliches Bonusmaterial: Einführungen von Filmwissenschaftlern, Kurzfilme wie „Le Parti des Choses“ und „Paparazzi“, Essays und Dokumentationen über Godard, die Nouvelle Vague und technische Aspekte der Produktion, wie sie auch im Technikbereich des Filmlexikons zu aktueller Film- und Kameratechnik vertieft werden. |
Bild- und Tonqualität der restaurierten Fassung
Die 4K-Restaurierung von Le Mépris hat das Seherlebnis fundamental verändert. Wer den Film nur von älteren TV-Mastern oder Standard-DVDs kennt, wird ihn in der restaurierten Fassung neu entdecken.
Bildqualität
Die Restaurierung hebt Farben, Kontrast und Schärfe deutlich an. Feine Details werden sichtbar, die in früheren Versionen verloren gingen:
- Die Texturen der roten Wände der Villa Malaparte
- Marmoroberflächen, Fensterrahmen, Stoffe
- Die Nuancen des Meeresblaus und der Himmelstöne
- Die Hauttöne der Darsteller in natürlichem Licht
Wo ältere Fassungen flache, verblasste Farben boten, zeigt die Restaurierung nun die volle Kraft von Coutards Eastmancolor-Fotografie. Die Rot-Blau-Weiß-Palette, die zum visuellen Erkennungszeichen des Films geworden ist, entfaltet ihre Wirkung erst in dieser Qualität.
Tonqualität
Der Ton bleibt im Original mono – entsprechend der ursprünglichen Aufnahmetechnik. Die Restaurierung sorgt für Klarheit in den Dialogen und eine ausgewogene Balance zwischen Musik und Geräuschen. Keine Hall- oder Verzerrungsprobleme, keine Altersschäden. Die Originalsprachen – Französisch, Englisch und Italienisch, je nach Szene – sind klar erhalten. Je nach Release sind Untertitel oder Synchronfassungen verfügbar.
„Die Verachtung“ als Lehrfilm: Einsatz in Schule und Studium
Le Mépris eignet sich hervorragend für den Einsatz im Unterricht – sowohl in der gymnasialen Oberstufe als auch in filmwissenschaftlichen Seminaren an Universitäten. Seine thematische Vielschichtigkeit bietet Anknüpfungspunkte für ganz unterschiedliche Module.
Themenmodule
- Metakino: Wie reflektiert ein Film über sich selbst? Le Mépris als Beispiel für Film-im-Film-Strukturen.
- Rollenbilder in den 1960er Jahren: Camilles Position als Frau zwischen Subjektivität und Objektstatus. Godard thematisiert die Rolle der Frau aus einer feministischen Perspektive.
- Kunst versus Kommerz: Die Frage, wer im Kino die Macht hat – Regisseur, Produzent oder Markt?
- Adaption von Literatur: Wie verwandelt ein Regisseur einen Roman in einen Film? Was bleibt, was ändert sich?
- Farbe als Erzählinstrument: Wie erzählen Rot, Blau und Weiß eine Geschichte?
Empfohlene Szenen für die Analyse
- Anfangssequenz im Bett: Farbfilter, Körperinszenierung, Dialog über Liebe – ein Einstieg, der bereits alle Themen des Films verdichtet.
- Die Appartement-Szene in Rom: Räumliche Distanz, fragmentierte Kommunikation, Kamera als neutraler Beobachter.
- Dreharbeiten der Odyssee auf Capri: Film im Film, Fritz Lang als Figur und als realer Regisseur, sichtbare Filmtechnik.
- Camilles Abschied: Der Moment, in dem Verachtung unwiderruflich wird.
Im Filmlexikon rund um zentrale Filmbegriffe finden sich weiterführende Begriffsartikel, die den Unterricht ergänzen – etwa zu Autorenfilm, Nouvelle Vague oder zu Drehbuch.
Filmwissenschaftliche Deutungen und Interpretationsansätze
Le Mépris hat eine reiche Tradition filmwissenschaftlicher Interpretation hervorgebracht. Die Mehrdeutigkeit des Films lädt zu verschiedenen Lesarten ein – und Godard selbst hat eindeutige Interpretationen stets unterlaufen.
Feministische Lesart
Camille wird in vielen Analysen als Figur gelesen, die gegen ihre Objektifizierung aufbegehrt. Sie verweigert sich der Rolle, die Paul, Prokosch und die Filmmaschine ihr zuweisen. Ihre Verachtung ist auch ein Akt der Selbstbehauptung. Godard inszeniert diesen Widerstand ambivalent: Er nutzt Bardots Starimage und kritisiert es zugleich.
Marxistische Lesart
Die Reduktion von Kunst auf Ware, die Unterwerfung des Regisseurs unter den Produzenten, die Funktion der Ehefrau als Tauschobjekt – all das lässt sich als Kritik an der Warenförmigkeit des Kinos lesen. Der Film behandelt die Beziehung zwischen Geld und Kunst nicht als abstraktes Problem, sondern als konkrete Erfahrung, die Körper und Beziehungen formt.
Psychoanalytische Lesart
Die Paarbeziehung Paul/Camille wird in manchen Deutungen als Variation des Odysseus-Penelope-Mythos gelesen: Odysseus, der zu lange fortbleibt und Penelope verliert, wird zu Paul, der seine Frau emotional verlässt, während er physisch anwesend bleibt. Die Villa auf dem Felsen wird zum Symbol des Unbewussten – erhaben, isoliert, unerreichbar.
Biografische Dimension
Manche Interpreten sehen in Le Mépris Bezüge zu Godards Ehe mit Anna Karina, die zur Entstehungszeit bereits kriselte. Diese biografische Lektüre hat ihren Reiz, greift aber zu kurz: Der Film transzendiert das Persönliche und wird zur Reflexion über universelle Mechanismen der Entfremdung.
Fritz Lang als Scharnier
Fritz Lang, der sich selbst spielt, fungiert als Bindeglied zwischen dem klassischen Studio-Kino und der modernen Filmkunst. Seine Anwesenheit im Film ist zugleich Hommage und Kommentar: Godard ehrt die Tradition und zeigt, wie sie unter den Bedingungen des modernen Kommerzkinos unter Druck gerät.
Ikonische Bilder und Schauplätze: Villa Malaparte, Capri, Rom
Wenige Filme haben ihre Schauplätze so nachhaltig ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben wie Le Mépris. Die Bilder des Films sind zu eigenständigen Ikonen geworden.
Villa Malaparte
Die Villa Malaparte auf Capri ist das architektonische Herzstück des Films. Das Gebäude wurde zwischen 1938 und 1943 von Adalberto Libera für den Schriftsteller Curzio Malaparte entworfen und auf einem Felsen 32 Meter über dem Meer errichtet. Ihre Merkmale:
- Rotes Äußeres, das sich dramatisch vom Blau des Meeres und Himmels abhebt
- Eine Treppenpyramide, die zur Dachterrasse führt
- Große Fensterrahmen mit Panoramablick auf den Golf von Salerno
- Absolute Isolation: erreichbar nur über einen schmalen Fußweg
Im Film wird die Villa zum Charakter. Sie spiegelt die Isolation der Figuren, die Schönheit und Kälte der Beziehung, die Unerreichbarkeit echter Nähe. Die Terrasse, auf der sich Paul und Camille gegenübersitzen, der Blick aufs Meer, der nichts löst – diese Bilder haben die internationale Wahrnehmung von Capri und moderner Architektur dauerhaft geprägt.
Rom: Die Wohnung
Die Szenen in der Wohnung in Rom bilden den urbanen Kontrapunkt zur mediterranen Weite Capris. Die Räume sind enger, näher – und doch emotional ebenso weit entfernt. Möbel, Türen und Trennwände werden zu physischen Manifestationen der Distanz zwischen den Figuren.
Cinecittà und Kinosäle
Die Filmstudios in Rom, die eingesetzte Filmtechnik und das Kamera-Equipment, der sorgfältig komponierte Filmraum als szenischer Handlungsort sowie die Projektionsräume, in denen Muster gesichtet werden, vervollständigen die Topografie des Films. Jeder Ort erzählt: Kino als Arbeitsplatz, als Machtarena, als Ort der Illusion.

Brigitte Bardot und das Star-Image in „Le Mépris“
Brigitte Bardot war Anfang der 1960er Jahre einer der größten Stars der Welt – spätestens seit „…und immer lockt das Weib“ (1956) galt sie als Inbegriff französischer Sinnlichkeit, wurde aber zugleich immer stärker als Charakterdarstellerin in anspruchsvollen Rollen wahrgenommen. Die sorgfältig entwickelte visuelle Erscheinung ihrer Figur verweist auch auf die Arbeit eines Kostümbildners für filmische Figurenentwicklung. Godard nutzte dieses Image und unterlief es zugleich.
Bardot als Camille
In Le Mépris spielt Bardot keine Verführerin, sondern eine Frau, die Anerkennung und Respekt sucht. Camille ist verletzlich, stolz und in ihrer Verachtung konsequent. Bardot zeigt hier eine schauspielerische Tiefe, die über ihr öffentliches Glamour-Image hinausgeht. Die Rolle fordert von ihr nicht Attraktion, sondern Emotion – und Bardot liefert beides.
Die Einstiegsszene, die den doppeldeutigen Filmtitel und seine Bedeutung sogleich motivisch entfaltet,
Die berühmte Anfangssequenz, in der Camille nackt im Bett liegt und Paul fragt, ob er ihren Körper schön finde, ist ein Kompromiss zwischen den Erwartungen der Produzenten, den Entscheidungen des Casting Directors bei der Besetzung zentraler Figuren und Godards künstlerischer Vision. Godard tauchte die Szene in verschiedene Farbfilter – Rot, Blau, Gelb –, die den Körper zugleich zeigen und abstrahieren. Die Szene ist kein voyeuristisches Spektakel, sondern eine Reflexion über den Blick selbst: Wer schaut? Was wird gesehen? Wessen Begehren wird bedient?
Star-Image und Kritik
Bardots Präsenz war für den internationalen Vertrieb unverzichtbar – sie war die Garantie dafür, dass der Film jenseits der Kunstfilm-Zirkel wahrgenommen wurde. Godard nutzte diese kommerzielle Funktion, um sie gleichzeitig zu hinterfragen. Indem er Bardot in eine Rolle setzte, die das Star-System reflektiert, machte er ihren Körper zum Gegenstand einer doppelten Lektüre: als Ware und als Subjekt. Diese Spannung ist einer der Gründe, warum Le Mépris bis heute in Gender-Studien und Filmtheorie diskutiert wird und zugleich als komplexer Liebesfilm mit tragischem Beziehungsdrama gelesen werden kann, der in manchen Momenten an die Tonlage einer modernen Tragikomödie zwischen Ernst und Ironie erinnert.
Einfluss von „Die Verachtung – Le Mépris“ auf spätere Filme
Die Wirkungsgeschichte von Le Mépris reicht weit über die Nouvelle Vague hinaus. Zahlreiche Regisseure haben sich explizit auf Godards Film berufen, und einzelne Motive – von der gebrochenen Liebesgeschichte bis zur düsteren Figurenzeichnung – haben auch das Bild des Film Noir und verwandter Hybridformen wie dem Doku-Drama zwischen Dokumentar- und Spielfilm und seiner Reflexionen über Moral und Schuld beeinflusst.
Filmische Referenzen
- Martin Scorsese hat Le Mépris wiederholt als einen der größten Filme aller Zeiten bezeichnet. Seine eigene Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Kunst und Industrie in Hollywood zeigt Spuren von Godards Reflexion.
- Quentin Tarantino zitiert Delerues Musik in mehreren seiner Filme und verweist auf die visuelle Sprache von Le Mépris als Inspirationsquelle.
- Deutsche Autorenfilmer der 1970er Jahre – von Wim Wenders bis Rainer Werner Fassbinder – haben Godards Verbindung von persönlichem Kino und gesellschaftlicher Analyse als Vorbild begriffen.
Moderne Metafilme
Le Mépris hat eine Tradition von Filmen über das Filmemachen mitbegründet, die bis heute fortlebt:
- Robert Altmans „The Player“ (1992) verhandelt das Verhältnis von Hollywood-Produzenten und künstlerischen Visionen in satirischer Form.
- Charlie Kaufmans „Adaptation“ (2002) reflektiert den Prozess der literarischen Adaption als Film im Film.
- Beide Werke stehen in einer Linie, die ohne Godards Pionierarbeit nicht denkbar wäre.
Die Villa Malaparte als Filmikone
Auch die Villa Malaparte selbst wurde durch Le Mépris zum architektonischen Referenzpunkt. Sie taucht in Fotografie, Werbung und Architekturfilmen auf – und jede Abbildung ruft unweigerlich Godards Bilder in Erinnerung. Im Filmstudium dient Die Verachtung oft als Referenztext für Filme über das Filmemachen und wird in Nachschlagewerken wie dem Lexikon des internationalen Films regelmäßig als kanonischer Titel geführt.
Verachtung, Liebe und Kino: Fazit aus Sicht des Filmlexikon
Die Verachtung – Le Mépris ist ein Film, der sich jeder einfachen Zusammenfassung entzieht. Er erzählt von einer Ehe, die zerbricht, von einem Mann, der seine Frau dem System opfert, von einem Produzenten, der alles kaufen will, und von einem alten Regisseur, der die Würde der Kunst verteidigt. Darüber hinaus ist er ein Film über das Kino selbst: über seine Schönheit und seine Kompromisse, über die Macht der Bilder und den Preis, den ihre Herstellung fordert.
Die zentralen Leistungen des Films lassen sich so bündeln:
- Beziehungsdrama: Die Darstellung emotionaler Entfremdung durch räumliche, sprachliche und visuelle Mittel – subtil, schmerzhaft, ohne Sentimentalität.
- Kunst versus Kommerz: Die Frage, wie künstlerische Unabhängigkeit unter dem Druck des Marktes bestehen kann, bleibt brandaktuell.
- Metakino: Le Mépris reflektiert die Bedingungen seiner eigenen Entstehung und macht das Filmemachen zum Thema.
- Bild- und Tonkunst: Raoul Coutards Farbfotografie und Georges Delerues Musik schaffen ein Gesamtkunstwerk, das in der restaurierten Fassung seine volle Wirkung entfaltet.
Wer das Kino als Kunstform ernst nimmt, kommt an diesem Werk nicht vorbei – selbst wenn Le Mépris als Autorenfilm denkbar weit von den formelhaften Abbinder-Slogans der Werbefilmproduktion entfernt bleibt. Wir empfehlen, den Film in der restaurierten Fassung zu sehen – sei es auf einer aktuellen Blu-ray-Ausgabe oder im Repertoire-Kino, wo Coutards Farben und Delerues Musik den Raum füllen können.
Im Filmlexikon steht Die Verachtung – Le Mépris als Schlüsselbeispiel für filmische Selbstreflexion. Weiterführende Artikel zu verwandten Themen – etwa zu Nouvelle Vague, Autorenfilm oder zu Filmberufen – vertiefen einzelne Aspekte, die der Film aufwirft.
Godards Meditation über Verachtung, Liebe und Kino hat nichts von ihrer Dringlichkeit verloren. Jede neue Sichtung legt andere Schichten frei – und bestätigt, dass manche Filme nicht altern, sondern mit ihrem Publikum wachsen.




