Third Cinema – Definition, Geschichte und Bedeutung der dritten Filmbewegung
Third Cinema ist weit mehr als ein Filmstil oder ein Genre. Der Begriff Drittes Kino bezeichnet eine politisch engagierte Filmbewegung, die Ende der 1960er Jahre in Lateinamerika ihren Anfang nahm und Kino als Werkzeug des Widerstands, der Aufklärung und der kulturellen Dekolonisierung versteht. Was steckt hinter diesem Konzept, das bis heute Filmwissenschaft, politisches Kino und World Cinema beeinflusst? Dieser Artikel im Filmlexikon erklärt Ursprung, Theorie, Ästhetik und Wirkung dieser Bewegung – verständlich aufbereitet für Filmfans, Studierende und alle, die hinter die Kulissen des globalen Kinos blicken wollen.
Einführung: Was ist Third Cinema?
Das Third Cinema entstand als radikaler Gegenentwurf zum kommerziellen Hollywood-Kino und zum europäischen Autorenfilm. Drittes Kino begann in den 1960er Jahren als Antwort auf die Frage, ob Film mehr sein kann als Unterhaltung oder persönlicher künstlerischer Ausdruck – nämlich ein Mittel zur politischen Mobilisierung und Bewusstseinsbildung. Third Cinema ist dabei kein Genre im klassischen Sinn, sondern ein politisches, antikoloniales und kollektives Produktionsmodell, das sich bewusst von den beiden dominierenden Kinoformen seiner Zeit absetzt.
Das Dritte Kino begann in den späten 1960er Jahren, als Filmemacher in Argentinien, Brasilien, Kuba und anderen Ländern des Globalen Südens begannen, Film als Waffe im Kampf gegen Kolonialismus, Neokolonialismus und soziale Ungerechtigkeit einzusetzen – und damit explizit an das Verständnis von Kino als kulturellem Medium anknüpften, das auch die Geschichte, Technik und gesellschaftliche Bedeutung des Kinos weltweit umfasst. Es entstand als Antwort auf neokoloniale Filmpraktiken und formulierte eine eigene Ästhetik, eigene Produktionsweisen und eigene Vertriebswege – abseits der großen Studios und kommerziellen Kinosäle.
Für das Filmlexikon fassen wir in diesem Artikel die politischen, ästhetischen und historischen Aspekte dieser Filmbewegung zusammen – mit konkreten Filmbeispielen, Manifesten und Einordnungen, die sowohl für das Filmstudium als auch für die eigene filmische Praxis relevant sind.
Kernmerkmale des Third Cinema auf einen Blick:
- Revolutionärer, antiimperialistischer Anspruch
- Kollektive, nicht-kommerzielle Produktionsformen
- Politische Zielsetzung: Bewusstseinsbildung statt reiner Unterhaltung
- Distribution abseits kommerzieller Screens (Universitäten, Kirchen, Gewerkschaftshäuser, Untergrund) und Gegenmodelle zu kommerziellen Formaten wie dem Autokino

Begriff und Ursprung von „Third Cinema“
Der Begriff Drittes Kino wurde 1969 geprägt – und zwar im Manifesto „Hacia un tercer cine“ (auf Deutsch: „Towards a Third Cinema“), das von Fernando Solanas und Octavio Getino verfasst und in der kubanischen Zeitschrift Tricontinental veröffentlicht wurde. Beide waren Mitglieder der argentinischen Filmgruppe Grupo Cine Liberación und arbeiteten an einem Kino, das sich radikal von allem unterscheiden sollte, was sie als kulturellen Imperialismus betrachteten.
Die Wahl des Begriffs „Third“ war dabei kein Zufall. Sie stand in direkter Verbindung zur politischen Idee der Third World – also jener Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, die sich in den 1960er Jahren im Kontext der Blockfreienbewegung, der Dekolonisation und des Antiimperialismus neu definierten. Das „Dritte“ war keine Rangordnung, sondern eine bewusste Opposition – sowohl gegen westlichen Kulturimperialismus als auch gegen den Elitismus des europäischen Autorenkinos.
Die Unterscheidung lässt sich wie folgt zusammenfassen:
- First Cinema: Kommerzielles Hollywood-Kino – Spektakel, Stars, passive Zuschauer, Bewahrung des Status quo. Erstes Kino bezeichnet das kommerzielle Hollywood-Kino, das auf Massenunterhaltung und Profitmaximierung ausgerichtet ist.
- Second Cinema: Europäisches Autorenkino – individueller künstlerischer Ausdruck, formale Innovation, aber eingebunden in Markt- und Festivalstrukturen. Zweites Kino bezeichnet das europäische Autoren- oder Kunstkino, wie es etwa die Nouvelle Vague verkörpert.
- Third Cinema: Antikoloniales, revolutionäres Kino – kollektive Produktion, politischer Inhalt, Aktivierung des Publikums, Bruch mit narrativen Konventionen.
Heute wird das Konzept des Third Cinema auf globales World Cinema und postkoloniales Kino ausgeweitet. Viele spätere Debatten über nationales Kino, politischen Film und Repräsentation beziehen sich auf diese Tradition.
Historischer Kontext der 1960er Jahre
Das Dritte Kino lässt sich nicht verstehen, ohne den politischen Kontext seiner Entstehungszeit zu kennen. Die 1960er Jahre waren ein Jahrzehnt massiver geopolitischer Umwälzungen: Dekolonisation in Afrika und Asien, revolutionäre Bewegungen in Lateinamerika und eine global vernetzte Jugendrevolte, die Kultur und Politik miteinander verband.
In Lateinamerika prägten Militärdiktaturen, extreme soziale Ungleichheiten und die ökonomische Abhängigkeit von ausländischem Kapital die Lebensrealität. Filmemacher sahen in dieser Situation die Notwendigkeit, Kino nicht als harmloses Unterhaltungsmedium zu belassen, sondern als Werkzeug der Aufklärung und des Widerstands einzusetzen. Die westliche Unterhaltungsindustrie, allen voran Hollywood und die Filmindustrie der Vereinigten Staaten mit ihrer auf Profit, Stars und Kinowerbung im Vorprogramm ausgerichteten Logik, wurde als Teil eines Systems wahrgenommen, das soziale Konflikte entpolitisiert und kulturelle Hegemonie zementiert.
Konkrete Ereignisse, die den Boden für das Third Cinema bereiteten:
- 1959: Kubanische Revolution und Gründung des ICAIC (Instituto Cubano del Arte e Industria Cinematográficos) als Plattform für politisches Kino.
- 1961: Unabhängigkeit Algeriens nach dem Algerienkrieg – Aufkommen antikolonialer Kunst und Kultur in Nordafrika.
- 1967: Tod Che Guevaras in Bolivien – Symbol für bewaffneten Widerstand und Befreiungskampf in ganz Lateinamerika.
- 1968: Pariser Mai, Massaker von Tlatelolco in Mexiko-Stadt – globale Studentenproteste und Jugendrebellion.
- Späte 1960er/Anfang 1970er: Verschärfung der Militärdiktaturen in Argentinien, Brasilien, Chile – Repression gegen politische Aktivisten, einschließlich Kulturschaffende und Filmemacher.

Wichtige Manifeste des Third Cinema
Das Third Cinema ist ungewöhnlich stark durch theoretische Texte und Manifeste geprägt. Anders als viele Filmbewegungen, die vor allem durch ihre Werke definiert werden, formulierten die Vordenker des Dritten Kinos ihren Anspruch in programmatischen Schriften, die bis heute zum Kanon der Filmtheorie gehören. Wichtige Manifeste sind „Hacia un tercer cine“ und „Por un cine imperfecto“, doch die Liste geht weiter:
- „Hacia un tercer cine / Toward a Third Cinema“ (1969) – Fernando Solanas und Octavio Getino: Das Manifesto der Grupo Cine Liberación fordert ein Kino, das nicht nur thematisch, sondern auch formal und institutionell mit dem bestehenden System bricht. Zuschauer sollen zu Akteuren werden, Filmproduktion soll kollektiv und unabhängig organisiert sein. Das Manifest „Hacia un tercer cine“ wurde von Solanas und Octavio Getino verfasst und erschien zuerst im kubanischen Journal Tricontinental. Es richtet sich explizit gegen Hollywood-Kommerz, konventionelle Dramaturgie und Marktlogik.
- „Estética da fome / Aesthetic of Hunger“ (1965) – Glauber Rocha: Die „Ästhetik des Hungers“ wurde 1965 von Glauber Rocha veröffentlicht und bildet das theoretische Fundament des brasilianischen Cinema Novo. Rocha fordert ein Kino, das roh, provozierend und düster ist – kein schöner Schein, keine klassische Dramaturgie, kein Eskapismus. Hunger ist für ihn zugleich ein realer Zustand und ein poetisches Bild kolonialer sowie neokolonialer Ausbeutung. Die Ästhetik des Hungers wurde zu einer der einflussreichsten filmtheoretischen Positionen des 20. Jahrhunderts.
- „Por un cine imperfecto / For an Imperfect Cinema“ (1969) – Julio García Espinosa: „Für ein imperfektes Kino“ erschien 1969 von Julio García Espinosa und plädiert dafür, dass die Beteiligung des Publikums und die inhaltliche Dringlichkeit wichtiger seien als technische Perfektion. Film soll Prozess sein, Dialog mit Zuschauern, nicht fertiges, poliertes Produkt. Dieser Text begründet das Imperfect Cinema als eigenständige ästhetische Strömung.
- Jorge Sanjinés‘ Texte (späte 1960er) – Jorge Sanjinés formulierte in Texten wie „Problemas de la forma y del contenido en el cine revolucionario“ die Verbindung von Form und Inhalt im revolutionären Kino. Für den bolivianischen Filmemacher war es entscheidend, dass die konkreten sozialen Kämpfe nicht idealisiert, sondern reflektiert dargestellt werden.
Theoretische Grundlagen und marxistischer Einfluss
Third Cinema steht im theoretischen Raum des Marxismus, Antiimperialismus und der Befreiungstheologie. Klassenherrschaft, kulturelle Hegemonie und die ideologische Funktion von Medien sind zentrale Konzepte, auf denen diese Filmbewegung aufbaut.
- Antonio Gramscis Hegemoniebegriff: Gramsci analysierte, wie herrschende Klassen kulturelle Vorherrschaft ausüben – nicht nur durch Gewalt, sondern durch die Kontrolle von Narrativen, Bildern und Mythen. Das Third Cinema will genau diese Hegemonie brechen, indem es eigene Erzählungen, eigene Ästhetik und eigene Distributionswege schafft.
- Frantz Fanon: Fanons „Die Verdammten dieser Erde“ (1961) hatte tiefgreifenden Einfluss auf Filmemacher wie Solanas, Getino und Rocha. Seine Analysen kolonialer Gewalt, psychologischer Entfremdung und die Forderung nach einer neuen nationalen Kultur, die nicht bloß Replik oder Nostalgie ist, prägten Manifeste und Praxis des Dritten Kinos.
- Paulo Freire: Die „Pädagogik der Unterdrückten“ (1968) lieferte mit dem Konzept der „Conscientización“ – der Bewusstseinsbildung – ein zentrales Modell für die filmische Praxis. Film wird zum Mittel des Problem-Posings, zur Aufforderung an das Publikum, die eigene Situation zu reflektieren und zu handeln.
- Amílcar Cabral: Der Befreiungskämpfer aus Guinea-Bissau verband kulturelle Befreiung explizit mit politischem Kampf – eine Idee, die in vielen Filmen des Dritten Kinos ihren Ausdruck fand.
- Antiimperialismus und Klassenkampf: Das Dritte Kino versteht Kino als Teil eines größeren Kampfes gegen imperialistische Ausbeutung. Ideologie, in Form gängiger Narrative und Bilder, wird als Teil des Problems erkannt – und Film als Mittel, diese Ideologie zu durchbrechen.
Abgrenzung: First, Second und Third Cinema
Die Dreiteilung in First Cinema, Second Cinema und Third Cinema bildet das theoretische Grundgerüst, auf dem das Dritte Kino aufbaut. Die Unterschiede betreffen nicht nur Ästhetik, sondern Produktionsweise, Zielsetzung und die Beziehung zum Publikum:
- First Cinema steht für das industrielle, kommerzielle Kino, wie es vor allem in Hollywood praktiziert wird. Es setzt auf Stars, hohe Budgets, klassische Dramaturgie und individualisierte Heldenerzählungen. Die Zuschauer bleiben passive Konsumenten. Filmemacher des Dritten Kinos kritisierten Hollywoods Erzählstil als Teil einer kulturellen Herrschaftsstruktur, die gesellschaftliche Widersprüche verschleiert.
- Second Cinema meint das europäische Autorenkino, wie es etwa in der Nouvelle Vague oder im italienischen Neorealismus zum Ausdruck kam. Der Auteur steht hier im Zentrum: persönlicher Ausdruck, formale Innovation, oft kritisches Bewusstsein. Doch auch dieses Kino bleibt im Marktsystem eingebunden und adressiert häufig ein bürgerliches Publikum. Es ist individualistisch, nicht kollektiv.
- Third Cinema bricht mit beiden Modellen. Es fordert kollektive Produktion, politischen Inhalt, den Bruch mit narrativen und ästhetischen Konventionen und die Aktivierung des Publikums. Kino ist ein Werkzeug, keine Ware und kein reines Kunstobjekt. Third Cinema richtet sich nicht nur gegen Hollywood, sondern auch kritisch gegen das europäische Arthouse-Kino, das zwar ästhetisch innovativ, aber politisch oft unverbindlich bleibt.
Diese Abgrenzung zeigt, wie das Third Cinema sowohl den Kommerz der Filmindustrie als auch den Individualismus des Autorenkinos herausfordert – und dabei einen eigenen, dezidiert politischen Weg formuliert.
Politische Ziele und Funktionen des Third Cinema
Das Dritte Kino versteht Film als Waffe der gesellschaftlichen Veränderung. Es geht nicht um Unterhaltung oder ästhetisches Experiment um seiner selbst willen, sondern um die Transformation von Bewusstsein und Gesellschaft. Das Dritte Kino umfasst antikoloniale und militante filmische Ansätze, die Menschen dazu bringen sollen, Unterdrückung nicht als naturgegeben hinzunehmen.
Die zentralen politischen Ziele lassen sich in vier Punkten zusammenfassen:
- Bewusstseinsbildung (Conscientización): Die Filme des Dritten Kinos wollen das politische Bewusstsein schärfen. Zuschauer sollen Klasseninteressen, neokoloniale Strukturen und Unterdrückungsmechanismen erkennen. Filme sollen das Publikum zur Reflexion anregen – nicht einlullen.
- Gegenöffentlichkeit: Third Cinema erzeugt alternative Narrative und kulturelle Räume jenseits der Mainstream-Medien und staatlicher Ideologien. Die Kontrolle über Geschichte, Erinnerung und Geschichtsschreibung wird durch eigenes Kino zurückgewonnen.
- Mobilisierung: Filme des Dritten Kinos fordern aktive Teilnahme des Publikums. Vorführungen werden zu politischen Ereignissen – mit Diskussionen, Debatten und Anschlusshandlungen. Film wird nicht nur konsumiert, sondern in kollektiven Räumen verarbeitet und in Aktion umgesetzt.
- Kulturelle Dekolonisierung: Ziel ist die Etablierung einer populären Kultur, die nicht im Schatten kolonialer oder elitärer Narrative steht. Eigene Ästhetik, eigene Erzählformen, eigene Sprache und Themen treten an die Stelle importierter Kulturmodelle. Solanas und Getino formulierten die Ambition, eine „befreite Persönlichkeit“ zu entwickeln – als Teil einer umfassenden kulturellen und politischen Emanzipation.
Typische Themen und Motive im Third Cinema
Drittes Kino zielt darauf ab, soziale Ungerechtigkeiten zu thematisieren – und zwar nicht abstrakt, sondern anhand konkreter Lebensrealitäten und historischer Prozesse. Die thematische Bandbreite ist dabei weit, lässt sich aber in einige wiederkehrende Motive gliedern:
- Kolonialismus und Neokolonialismus: Das Dritte Kino thematisiert Kolonialismus und Neokolonialismus – ausländische Konzerne, Militärinterventionen, kulturelle Dominanz externer Mächte. Filme zeigen, wie ökonomische Ausbeutung und politische Abhängigkeit zusammenwirken.
- Widerstand und Befreiungskampf: Guerillabewegungen, Bauern- und Arbeiterproteste, studentische Bewegungen – die Darstellung organisierter Gegenwehr gegen Unterdrückung ist ein Kernmotiv. Nicht das Individuum, sondern das Kollektiv steht im Zentrum.
- Rassismus und ethnische Unterdrückung: Besonders in Ländern Afrikas und Lateinamerikas wird die Verschränkung von Rassismus, Klassenherrschaft und kolonialer Vergangenheit filmisch bearbeitet.
- Kritik an nationalen Eliten und Militärdiktaturen: Third Cinema richtet sich nicht nur gegen externe Mächte, sondern auch gegen lokale Herrscher, Militärregime und korrupte Bürokratien. Die Kritik ist umfassend – sie zielt auf alle Formen von Herrschaft.
- Alltag der Unterdrückten: Slums, Landarbeit, informelle Ökonomien, Frauenarbeit, marginalisierte Gruppen – Filme des Dritten Kinos thematisieren soziale Ungerechtigkeiten, die im Mainstream-Kino meist ignoriert werden. Die Lebensrealität der Menschen am Rand steht im Mittelpunkt, nicht das Spektakel der Zentren.
- Identität und Entfremdung: Viele Filme setzen sich mit der Frage auseinander, was es bedeutet, in einer postkolonialen Gesellschaft zu leben – zwischen importierter Kultur und eigenem Erbe, zwischen Tradition und Moderne.
Ästhetik und Stilmittel des Third Cinema
Das Dritte Kino lehnt technische Perfektion zugunsten unkonventioneller Ästhetik ab. Diese Haltung ist kein Mangel, sondern Programm: Filmemacher des Dritten Kinos nutzen einfache Produktionsmittel, um sich von der glatten Oberfläche des Kommerzkinos abzusetzen und eine neue filmische Sprache zu entwickeln.
- Low-Budget-Produktion: Häufig wurden Filme mit 16mm– oder Super-8-Kameras gedreht, später auch mit Video oder anderem günstigem Filmmaterial. Der bewusste Verzicht auf Studioausstattung, Spezialeffekte, aufwendige Breitbildformate wie Cinemascope und großen Produktionsaufwand ist Teil der ästhetischen Strategie. Im Sinne des Independent-Films sind diese Produktionen radikal unabhängig.
- Dokumentarische und essayistische Formen: Interviews, Archivmaterial, Voice-Over, Montage als Analysewerkzeug – Third Cinema bedient sich intensiv der Mittel des Dokumentarfilms. Ziel ist es, historische Prozesse und Ursachen sichtbar zu machen, nicht nur Symptome.
- Bruch mit klassischer Dramaturgie: Offene Enden, fragmentierte Erzählstrukturen, episodisches Erzählen, direkter Appell an das Publikum durch Zwischentitel, Kommentare oder Unterbrechungen – all das steht in bewusstem Kontrast zur geschlossenen Erzählform Hollywoods.
- Laien-Darsteller und Originalschauplätze: Drittes Kino nutzt oft lokale Landschaften für Filmaufnahmen und setzt Nicht-Professionelle ein, die Teil der dargestellten Gemeinschaft sind. Dadurch entsteht eine Authentizität und Nähe, die im Studiokino unerreichbar bleibt.
- Montage als politisches Mittel: Die Verbindung heterogener Materialien – Nachrichtenbilder, Archivaufnahmen, inszenierte Szenen, Text – dient dazu, Zusammenhänge sichtbar zu machen, die im Alltag verborgen bleiben.

Produktions- und Distributionsformen
Kollektive Produktion ist ein wichtiges Merkmal des Dritten Kinos. Im Gegensatz zum Starsystem Hollywoods oder zum Auteurprinzip des europäischen Kinos wird hier Film als Gemeinschaftsarbeit verstanden. Drittes Kino fördert die Zusammenarbeit aller Produktionsmitglieder – vom Kameramann bis zum Laiendarsteller, von der Tontechnikerin bis zum Diskussionsleiter bei der Vorführung.
- Filmkollektive statt Studios: Grupo Cine Liberación in Argentinien (Fernando Solanas, Octavio Getino), Grupo Ukamau in Bolivien (Jorge Sanjinés), das ICAIC in Kuba – Third-Cinema-Filme wurden meist außerhalb großer Studios produziert, mit politischen Gruppen oder unabhängigen Kollektiven und zahlreichen spezialisierten Filmberufen.
- Dezentralisierung: Drittes Kino fördert die Dezentralisierung der Filmproduktion. Nicht die Hauptstädte oder die Zentren der Filmindustrie bestimmen, was gedreht wird, sondern die Gemeinschaften vor Ort – Dörfer, Gewerkschaften, Universitäten – ähnlich wie viele Independent-Filme, die jenseits der großen Studios entstehen.
- Untergrundvorführungen: Filmvorführungen des Dritten Kinos fanden oft im Untergrund statt – in Gewerkschaftshäusern, Kirchen, Universitätsräumen und Privatwohnungen und damit bewusst außerhalb repräsentativer Filmpaläste. Illegale oder halb-legale Vorführungen waren in Argentinien, Brasilien und Chile an der Tagesordnung, weil offizielle Kinosäle für solche Filme gesperrt waren.
- Zensur und alternative Wege: Staatliche Zensur und Repression – etwa durch Militärdiktaturen – erzwangen alternative Distributionswege. Filme wurden per Kurier transportiert, in privaten Wohnungen gezeigt und oft sofort im Anschluss diskutiert. Diese Bedingungen machten die Vorführung selbst zum politischen Akt.
- Film als Ereignis: Im Third Cinema ist die Vorführung nicht das Ende, sondern der Anfang. Diskussionen, Debatten und Handlungsimpulse gehören zum filmischen Erlebnis dazu. Kino als kollektive Praxis – das unterscheidet diese Bewegung fundamental vom passiven Filmkonsum.
Frauen und Feminismus im Third Cinema
Die Geschichtsschreibung des Third Cinema wird häufig von männlichen Protagonisten dominiert. Doch von Anfang an haben Regisseurinnen wesentliche Beiträge geleistet und das Verhältnis von Geschlecht, Klasse und Kolonialismus filmisch verhandelt:
- Margot Benacerraf (Venezuela): Ihr Film Araya (1959) gilt als frühes Beispiel eines Films über Ausbeutung und Peripherie. Obwohl er vor dem offiziellen Manifest entstand, greift er Themen auf, die das Third Cinema später programmatisch formulierte: harte Arbeit, Randlage, die Unsichtbarkeit der Unterdrückten.
- Sarah Maldoror (Angola/Frankreich): Sambizanga (1972) inszeniert den angolanischen Befreiungskampf aus afrikanischer Perspektive – mit einer Frau im Zentrum der Erzählung. Maldoror, geboren in Guadeloupe und Teil der afrikanischen Diaspora, verband Antiimperialismus mit feministischen Dimensionen und schuf einen der eindrücklichsten Filme des revolutionären Kinos.
- Heiny Srour (Libanon): The Hour of Liberation Has Arrived (1974) verbindet Feminismus, Antiimperialismus und arabische Befreiungsbewegung. Der Film zeigt Frauen im Nahen Osten nicht als passive Opfer, sondern als aktive Akteurinnen im Kampf gegen Besatzung und Patriarchat.
- Verschränkung von Geschlecht und Klasse: Diese Regisseurinnen machen deutlich, dass Third Cinema nicht automatisch auf Nationalismus oder Klassenkampf reduziert werden kann. In ihren besten Ausprägungen verschränkt die Bewegung Geschlecht, Ethnie und Klasse zu einer umfassenden Kritik der Machtverhältnisse. Frauen schaffen ihre eigenen Bilder und Erzählungen – jenseits männlicher Heldennarrative.
Lateinamerika als Kernraum des Third Cinema
Drittes Kino entstand in den späten 1960er und 1970er Jahren in Lateinamerika. Die Region war nicht nur Geburtsstätte der Bewegung, sondern auch ihr produktivstes Zentrum und Teil eines allgemein äußerst dynamischen Filmjahrzehnts der 1960er Jahre. Die Kombination aus Militärdiktaturen, sozialer Ungleichheit, einer starken Intellektuellenbewegung und der Nähe zu revolutionären Ereignissen machte Lateinamerika zum idealen Nährboden.
- Argentinien: Fernando Solanas und Octavio Getino – die Gründer der Grupo Cine Liberación – schufen mit La hora de los hornos (1968) den Schlüsselfilm des Third Cinema. Dieses vierstündige, essayistisch-dokumentarische Werk über Neokolonialismus, Gewalt und peronistischen Widerstand in der argentinischen Gesellschaft wurde oft heimlich gezeigt und diente als Vorlage für unzählige spätere Filme. Klassische Beispiele des Dritten Kinos sind Werke wie La hora de los hornos, die bis heute im Filmstudium analysiert werden.
- Brasilien: Das Cinema Novo unter Glauber Rocha definierte mit Filmen wie Deus e o Diabo na Terra do Sol (Black God, White Devil, 1964) eine eigene lateinamerikanische Filmsprache. Rocha verband Mythologie, Gewalt und politische Allegorie zu einer Ästhetik, die weder Hollywood noch europäischem Kunstkino ähnelte. Seine Notizen zur Ästhetik des Hungers beeinflussten eine ganze Generation von Filmemachern.
- Kuba: Das ICAIC wurde nach der kubanischen Revolution 1959 gegründet und bot Filmschaffenden wie Tomás Gutiérrez Alea eine institutionelle Basis. Memorias del subdesarrollo (1968) gilt als einer der bedeutendsten Filme des karibischen Kinos: eine Mischung aus Fiktion und Dokumentation, die die Widersprüche der Revolution aus subjektiver Perspektive reflektiert. Das ICAIC war dabei nicht nur Produktionsstätte, sondern auch intellektuelles Zentrum – hier entstand Julio García Espinosas Konzept des Imperfect Cinema.
- Bolivien: Jorge Sanjinés und die Grupo Ukamau setzten die Tradition des Third Cinema in den Anden fort. Filme wie Yawar Mallku (1969) und La nación clandestina (1989) thematisieren die Lage indigener Gemeinschaften, staatliche Gewalt und kulturelle Entfremdung. Sanjinés‘ Arbeit zeigt, dass Third Cinema nicht nur Geschichte aufarbeitet, sondern auch gegenwärtige soziale Konflikte filmisch begleitet.

Third Cinema in Afrika und im arabischen Raum
Third Cinema beschränkt sich nicht auf Lateinamerika. Auch in Afrika und im arabischen Raum begleiteten Filmemacher antikoloniale Kämpfe und setzten Kino als Mittel der politischen Mobilisierung ein. Die Erfahrung von Kolonialismus, Befreiungskrieg und postkolonialer Neuordnung bot reichlich Stoff für Filme, die sich dem Third-Cinema-Paradigma zuordnen lassen.
- Algerien: Gillo Pontecorvos La battaglia di Algeri („Die Schlacht um Algier“, 1966) wird oft als Modell revolutionären Kinos angeführt und greift in Teilen die düstere Bildsprache des Film Noir auf. Obwohl die Filmproduktion teilweise italienisch finanziert war, verkörpert der Film viele Merkmale des Third Cinema: Darstellung von Guerillakampf, kolonialem Erbe und Volksbewegung, Einsatz von Laiendarstellern und dokumentarischer Ästhetik. Er wurde in zahlreichen Ländern von den Befreiungsbewegungen als Lehr- und Inspirationsfilm genutzt.
- Angola: Sarah Maldorors Sambizanga (1972) ist eines der wichtigsten Werke des afrikanischen revolutionären Kinos. Der Film zeigt den Kampf gegen die portugiesische Kolonialherrschaft aus der Perspektive einer Frau und verbindet politische Analyse mit emotionaler Tiefe. Maldoror, die in der afrikanischen Diaspora aufwuchs, leistete Pionierarbeit für eine eigenständige afrikanische Filmsprache.
- Arabischer Raum und Palästina: Filmemacher im Nahen Osten befassten sich mit Besatzung, Nationalismus und Geschlechterverhältnissen. Heiny Srours Arbeiten verbinden feministische Perspektiven mit dem Kampf gegen Kolonialismus und Patriarchat. Auch palästinensische Filmemacher nutzten Film als Mittel der Selbstdarstellung und des Widerstands – gegen die Unsichtbarkeit in den westlichen Medien.
- Subsahara-Afrika: Teshome Gabriels Studie Third Cinema in the Third World: The Dynamics of Style and Ideology (1982) analysiert, wie afrikanische Filmproduktionen drei Phasen durchlaufen – Assimilation, Erinnerung und Befreiung – und wie Third Cinema auf dem Kontinent ästhetisch und politisch weitergedacht wurde.
Third Cinema, Imperfect Cinema und „revolutionary cinema“
Das Third Cinema steht in enger Verwandtschaft zu einigen Begriffen, die in der Filmtheorie oft zusammen diskutiert werden. Die Unterschiede und Überschneidungen sind für ein tieferes Verständnis dieser Bewegung wichtig:
- Imperfect Cinema: Imperfect Cinema ist ein zentraler Begriff des Dritten Kinos. Julio García Espinosa formulierte in „For an Imperfect Cinema“ (1969) die Idee, dass bewusste Unvollkommenheit, politische Dringlichkeit und die Beteiligung des Publikums wichtiger seien als gezielt gestaltetes Filmlicht, technische Perfektion und Hochglanzästhetik. Imperfect Cinema lehnt den Perfektionismus der First-World-Filmindustrie ab und setzt auf Prozess statt Produkt. Dieser Ansatz wurde prägend für kubanische Filme und weit darüber hinaus.
- Revolutionary Cinema: Der Begriff Revolutionary Cinema wird manchmal als Sammelbegriff für Third Cinema, Imperfect Cinema, Cinema Novo und verwandte Strömungen verwendet. Gemeinsame Werte: Antiimperialismus, Klassenkampf, kulturelle Revision. Allerdings hat Third Cinema spezifische Merkmale – kollektive Produktionsformen, Diskurs mit dem Publikum, Distribution außerhalb des kommerziellen Systems –, die es von einem allgemeinen „revolutionären Kino“ unterscheiden.
- Cinema Novo: Das brasilianische Cinema Novo unter Glauber Rocha ist sowohl Teil des Third Cinema als auch eine eigenständige Bewegung. Es teilt die antikoloniale Ambition und die Ablehnung glatter Ästhetik, hat aber eigene ästhetische Schwerpunkte (Mythologie, Allegorie, tropische Bildsprache).
- Postkoloniale Weiterentwicklungen: Spätere postkoloniale Filmtheorien adaptieren den Begriff des Imperfect Cinema weiter. Texte zum Thema Rethinking Third Cinema diskutieren, wie Imperfektion als ästhetische Strategie in neuen Kontexten – etwa in Filmen der Diaspora oder indigenem Kino – weiterentwickelt werden kann.
Third Cinema und postkoloniales Kino
Seit den 1980er und 1990er Jahren wird Third Cinema in der Filmwissenschaft als Vorläufer zentraler Theoriediskurse erkannt: postkoloniale Studien, Cultural Studies, Repräsentationstheorie und Global-South-Perspektiven greifen auf die Grundlagen des Dritten Kinos zurück.
- Theoretische Weiterführung: Texte wie Nikolaus Perneczky und andere Autoren der neueren Filmwissenschaft nehmen den Begriff Third Cinema als Ausgangspunkt, um Fragen von Repräsentation, Macht und Identität in der globalisierten Kulturindustrie zu diskutieren. Bücher zum Thema Rethinking Third Cinema erweitern den Blick auf neue Bedingungen, neue Medien und neue Machtverhältnisse.
- World Cinema und Repräsentation: Neuere Filme aus Asien, Afrika, Lateinamerika und der Diaspora greifen ähnliche Anliegen auf, auch wenn sie den Begriff Third Cinema nicht explizit verwenden. Themen wie Migration, Identität, Umwelt und Indigenität werden filmisch verhandelt – oft mit ästhetischen Mitteln, die dem Third Cinema verwandt sind und auf komplexe Narrative setzen.
- Imperfektes postkoloniales Kino: Texte wie „On the possibilities of an imperfect postcolonial cinema“ zeigen, wie der Imperfect-Cinema-Gedanke auf neue Bedingungen und Herausforderungen angewandt wird – von queeren Perspektiven bis zu ökologischen Fragen.
- Das Dritte Kino beeinflusste moderne Strömungen des politischen Dokumentarfilms. Aktivistische Dokumentarfilme, Essay-Filme und partizipative Filmprojekte weltweit tragen die Spuren dieser Bewegung, selbst wenn sie andere Begriffe verwenden.
Beispiele zentraler Third-Cinema-Filme
Wer Third Cinema verstehen will, sollte sich einige Schlüsselwerke ansehen. Die folgenden Filme illustrieren die thematische Bandbreite, die ästhetischen Strategien und die politische Sprengkraft dieser Bewegung:
- La hora de los hornos (Fernando Solanas/Octavio Getino, Argentinien, 1968): Ein vierstündiger, dokumentarisch-essayistischer Film über Neokolonialismus, Gewalt und Widerstand in Argentinien. Der Film wurde bei Geheimvorführungen gezeigt, oft mit anschließender Diskussion. Er gilt als Musterbeispiel für die Verbindung von politischer Analyse und filmischer Schöpfung. Klassische Beispiele des Dritten Kinos sind Werke wie La hora de los hornos – kaum eine Studie zum Third Cinema kommt ohne diesen Titel aus.
- Terra em Transe / Earth Entranced (Glauber Rocha, Brasilien, 1967): Ein allegorischer Film über Diktatur, Medienmacht und politische Manipulation. Rocha verdichtet die Konflikte Brasiliens in einem stilistisch radikalen Werk, das zwischen Fiktion und Analyse oszilliert. Wer die Ästhetik des Hungers verstehen will, findet in diesem Film ihr filmisches Äquivalent.
- Sambizanga (Sarah Maldoror, Angola, 1972): Fokus auf den antikolonialen Befreiungskampf in Angola, mit einer Frau im Zentrum des Widerstands. Der Film verbindet politische Analyse mit emotionaler Erzählung und ist ein Beispiel dafür, wie Third Cinema Geschlecht und Kolonialismus verschränkt.
- Memorias del subdesarrollo (Tomás Gutiérrez Alea, Kuba, 1968): Eine subjektive Sicht auf die kubanische Revolution, erzählt durch einen bürgerlichen Intellektuellen, der sich weder mit dem alten noch dem neuen System identifizieren kann. Die Mischung aus Fiktion und Dokumentarmaterial macht den Film zu einem der vielschichtigsten Werke des revolutionären Kinos.
- Deus e o Diabo na Terra do Sol / Black God, White Devil (Glauber Rocha, Brasilien, 1964): Ein Schlüsselwerk des Cinema Novo. Der Film erzählt die Geschichte eines Bauern im Nordosten Brasiliens zwischen religiösem Fanatismus und revolutionärer Gewalt – mit einer rohen, unkonventionellen Ästhetik, die Black God, White Devil zu einem der einflussreichsten lateinamerikanischen Filme des 20. Jahrhunderts gemacht hat.
Rezeption und Kritik am Konzept des Third Cinema
Das Third Cinema hat seit seiner Entstehung nicht nur Bewunderung, sondern auch Kritik auf sich gezogen. Eine differenzierte Betrachtung gehört zu jedem ernsthaften Studium dieser Bewegung:
Kritikpunkte:
- Vereinheitlichung: Der Begriff „Third Cinema“ und die Rede von der „Dritten Welt“ laufen Gefahr, sehr unterschiedliche Länder und Gesellschaften – von Argentinien bis Angola, von Kuba bis Indien – in eine Schublade zu stecken. Die Homogenisierung verdeckt reale Unterschiede in sozialen, politischen und kulturellen Bedingungen.
- Didaktik und Schematismus: Manche Filme des Dritten Kinos werden als zu didaktisch, schematisch oder ideologisch einseitig kritisiert. Die Komplexität menschlicher Erfahrung und gesellschaftlicher Ambivalenzen bleibt dabei manchmal auf der Strecke.
- Männliche Dominanz: Obwohl es bedeutende Regisseurinnen gibt, wurde die Theoriebildung des Third Cinema lange von Männern dominiert. Feministische Perspektiven mussten sich ihren Platz erst erkämpfen.
- Identifikation: Manche Filmemacher aus Asien oder Afrika identifizieren sich nicht oder nur teilweise mit dem Label „Third Cinema“. Sie empfinden es als Zuschreibung von außen, die ihre eigene kreative und politische Praxis unzureichend abbildet.
Stärken:
- Third Cinema bleibt als theoretischer Bezugspunkt relevant – auch wenn sich die Praktiken gewandelt haben. Gerade in Bezug auf Gegenöffentlichkeit, kollektive Produktion, politisches Filmemachen und technische Innovationen vom 3D-Film bis zum Smartphone-Video bietet das Konzept nach wie vor Orientierung. Ein Verständnis von 3D-Film und anderen Formaten zeigt, wie vielfältig die heutigen Ausdrucksformen politischer Bilder sein können.
- Die Kritik am Mainstream-Kino und die Forderung nach einem Film, der mehr ist als Ware, haben nichts von ihrer Aktualität verloren.
Third Cinema in der digitalen Ära
Seit den 2000er Jahren eröffnen digitale Kameras, Smartphones und günstige Schnittsoftware neue Möglichkeiten für Filmemachen im Geist des Third Cinema. Die Möglichkeit, mit minimalem Budget und ohne Zugang zu teuren Studios Filme zu drehen, senkt die Eintrittsschwelle radikal – und knüpft damit an die ursprüngliche Ambition des Dritten Kinos an, Film zu machen, der unabhängig von der Filmindustrie entsteht.
- Digitale Low-Budget-Produktion: Sean Bakers Tangerine (USA, 2015), komplett mit einem iPhone gedreht, zeigt, wie marginalisierte Perspektiven heute filmisch umgesetzt werden können – mit einfachsten Mitteln, aber starker Wirkung. Auch wenn der Film nicht im klassischen Sinn Third Cinema ist, teilt er dessen Geist: unabhängig, nah an der Lebensrealität, abseits der großen Leinwände.
- Online-Distribution: Plattformen, Streaming-Dienste und Filmfestivals im Globalen Süden schaffen neue Distributionswege. Soziale Medien ermöglichen Gegenöffentlichkeiten und vernetzte Vorführungen – ein Potenzial, das die Gründer des Third Cinema in den 1960er Jahren nicht erahnen konnten.
- Aktivistisches Video: Protestbewegungen wie der Arabische Frühling, die Hongkonger Demokratiebewegung oder Black Lives Matter nutzen Video und Film zur Dokumentation, Mobilisierung und Gegenerzählung. Die Verwandtschaft zum Third Cinema ist offensichtlich: öffentliche Darstellung von Macht, Gemeinschaft als Akteur, Film als Werkzeug der Veränderung.
- Micro-Budget-Filmmaking: Das Konzept des „Micro-Budget-Films“ – Filme mit minimalem Etat, die häufig mit Gemeinschaften produziert werden – steht in direkter Linie zum Third Cinema. Es zeigt, dass die Idee, Film unabhängig von kommerziellen Zwängen zu machen, auch in der digitalen Ära lebendig ist.

Third Cinema und Weltkino (World Cinema)
Third Cinema ist historisch eine der wichtigsten Quellen, aus denen das spätere Konzept des „World Cinema“ schöpft. Der Fokus auf nicht-westliche Perspektiven, die Vielfalt der Erzählformen und die Kritik an der Dominanz westlicher Narrative – all das findet sich im heutigen Diskurs über Weltkino wieder.
- Einfluss auf Festivals: Viele Festival-Lieblinge aus Asien, Afrika und Lateinamerika tragen stilistische und thematische Spuren des Third Cinema: fragmentarisches Erzählen, dokumentarische Ästhetik, Imperfektion als Stilmittel, Auseinandersetzung mit Kolonialismus, Rassismus und sozialer Ungleichheit.
- Marktlabel vs. kritisches Konzept: Der Begriff „World Cinema“ wird heute sowohl als Markt-Label – um Filme aus dem Globalen Süden für westliche Festivalbesucher attraktiv zu verpacken – als auch als kritisches Konzept verwendet. Die Spannungen zwischen Kommerzialisierung und politischer Tiefe, die das Third Cinema thematisiert hat, bestehen fort.
- Neue Perspektiven: Filmemacher aus aller Welt greifen Anliegen des Third Cinema auf – Migration, Identität, Umweltzerstörung, Indigenität –, ohne den Begriff explizit zu verwenden. Die Idee, dass Film mehr sein kann als Unterhaltung, hat sich globalisiert.
- Querverweis im Filmlexikon: Beiträge zu Weltkino und nationalen Kinematographien im Filmlexikon können auf diesen Zusammenhang verweisen und so das Verständnis für die historischen Wurzeln heutiger Kinotraditionen vertiefen.
Praktische Relevanz für Filmstudium und Filmschaffende
Third Cinema ist nicht nur ein historisches Phänomen – es bietet konkreten Nutzen für alle, die sich mit Film beschäftigen, sei es akademisch oder praktisch:
- Filmstudium: Third Cinema ist zentraler Bestandteil filmwissenschaftlicher Seminare zu Filmgeschichte, Postkolonialismus und politischem Kino. Die Analyse von Manifesten und exemplarischen Filmen gehört zum Standardrepertoire; ein breites Spektrum an Filmbegriffen hilft dabei, diese Diskussionen zu präzisieren. Typische Prüfungs- und Referatsthemen sind etwa die Analyse von La hora de los hornos, der Vergleich von First Cinema und Third Cinema oder die Diskussion von Revolutionary Cinema im 21. Jahrhundert.
- Filmschaffende: Third-Cinema-Ansätze bieten Inspiration für unabhängige, community-basierte Produktionen mit kleinem Budget und politischem Anspruch – weniger Hierarchie, mehr Beteiligung, bewusstes Engagement mit dem Publikum. Die Erfahrung zeigt, dass Filmemachen mit einfachen Mitteln, grundlegender Filmtechnik und klarem inhaltlichem Fokus oft wirkungsvoller ist als Hochglanzproduktionen ohne Substanz.
- Lehrkräfte: Das Filmlexikon liefert Begriffsartikel, die als Hintergrundwissen und zur Vorbereitung genutzt werden können. Verwandte Einträge zu Cinema Novo, Imperfect Cinema, politischem Film, Schulungsfilm oder Dokumentarfilm ergänzen den Überblick.
- Vertiefung: Wer sich mit der Filmanalyse einzelner Third-Cinema-Werke beschäftigt, findet im Filmlexikon Werkzeuge und Methoden, um diese Filme systematisch zu erschließen.
Third Cinema in Lehrmaterial und Unterricht
Third-Cinema-Filme eignen sich besonders gut für den Einsatz im Schul- und Hochschulunterricht – nicht zuletzt, weil sie grundlegende Fragen über Medien, Macht und Gesellschaft aufwerfen:
- Vergleich mit Hollywood: Ein produktives Unterrichtsformat ist der Vergleich eines Third-Cinema-Films mit einem Hollywood-Film zum selben Thema – ähnlich wie beim Vergleich anderer Gegenbewegungen wie des Neuen Deutschen Films mit dem traditionellen deutschen Unterhaltungsfilm. Wie wird Kolonialismus in La battaglia di Algeri dargestellt – und wie in einer typischen Hollywood-Produktion? Solche Gegenüberstellungen schärfen den Blick für mediale Konstruktionen.
- Didaktische Schwerpunkte: Kolonialismus, Medienkritik, Propaganda vs. Aufklärung, die Rolle von Bildern in Befreiungsbewegungen – all das lässt sich anhand konkreter Filmausschnitte diskutieren. Fragen wie „Was ist Subjektivität im Film?“, „Wie werden Machtverhältnisse dargestellt?“ oder „Welche Rolle spielt Film als politisches Instrument?“ eignen sich für Referate und Seminararbeiten.
- Empfohlene Filmausschnitte: Kürzere Dokumentarfilme oder Essayfilme – etwa Ausschnitte aus Memorias del subdesarrollo oder La hora de los hornos – zeigen komprimiert Themen und Techniken (Montage, Voice-Over, Voice-Off) und eignen sich auch für den Einsatz mit Jugendlichen; ergänzend kann das Lexikon des internationalen Films zur Kontextualisierung herangezogen werden.
- Filmlexikon als Ressource: Die Begriffsartikel im Filmlexikon – etwa zu New Hollywood oder zum Auteur-Konzept – können als Hintergrundwissen und zur Vorbereitung von Unterrichtseinheiten dienen.
Third Cinema, Zensur und Repression
Viele Third-Cinema-Filme wurden in ihren Ursprungsländern verboten, zensiert oder nur im Untergrund gezeigt. Die Bedingungen, unter denen diese Filme entstanden und zirkulierten, gehören zum Kern der Bewegung:
- Argentinien: La hora de los hornos durfte unter der Militärdiktatur nicht regulär gezeigt werden. Filmvorführungen des Dritten Kinos fanden oft im Untergrund statt – in privaten Wohnungen, Universitätsräumen oder Gewerkschaftshäusern. Die Geheimvorführung wurde zur Kunstform.
- Brasilien und Chile: Politische Filme wurden verfolgt, Filmemacher ins Exil getrieben, Material beschlagnahmt oder zerstört. Glauber Rocha lebte zeitweise im europäischen Exil. In Chile zerstörte das Pinochet-Regime systematisch Filmarchive und verfolgte Kulturschaffende.
- Ästhetische Folgen: Die Repression beeinflusste die Ästhetik: Metaphern, allegorische Darstellungen und indirekte Kritik traten an die Stelle offener Anklage. Filme mussten „zwischen den Zeilen“ sprechen – was manche Werke künstlerisch noch stärker machte, andere aber auch unzugänglich.
Abgrenzung zu verwandten Begriffen
Im Filmlexikon tauchen neben „Third Cinema“ einige verwandte Begriffe auf, die oft verwechselt oder gleichgesetzt werden. Hier die wichtigsten Unterscheidungen:
- Third Cinema vs. „politischer Film“ allgemein: Nicht jeder politische Film ist Third Cinema. Entscheidend sind die Produktionsweise (kollektiv, unabhängig), die Zielsetzung (Bewusstseinsbildung, Mobilisierung) und der kollektive Anspruch. Ein Hollywoodfilm über soziale Ungerechtigkeit ist noch kein Third Cinema.
- Third Cinema vs. Art-House oder Festivalfilm: Formale Experimentierfreude allein reicht nicht aus. Ohne dezidiert revolutionäre Intention, ohne kollektive Produktionsstruktur und ohne politische Funktionsbestimmung bleibt ein Film eher dem Second Cinema zuzuordnen.
- Third Cinema vs. nationales Kino: Nationales Kino kann auch staatlich geförderte Propaganda sein – Third Cinema richtet sich oft gerade gegen nationale Eliten und deren Ideologien, auch wenn es im Namen des Volkes oder der Nation spricht. Die dritte Filmbewegung ist damit nicht deckungsgleich mit dem, was man als „nationales Kino“ eines Landes bezeichnet.
Third Cinema im heutigen Diskurs
Der Begriff Third Cinema wird heute in akademischen Debatten genutzt, erweitert und kritisch hinterfragt. Neue Diskussionslinien haben sich eröffnet, die über die klassischen Manifeste hinausreichen:
- Intersektionalität: Geschlecht, Ethnie, Klasse und Sexualität werden nicht mehr getrennt, sondern in ihrer Verschränkung analysiert. Queere, feministische und indigene Perspektiven im postkolonialen Kino greifen den revolutionären Anspruch des Third Cinema auf und definieren ihn neu.
- Ökologische Perspektiven: Themen wie Extraktivismus, Umweltzerstörung und Klimawandel werden zunehmend als Fortsetzung kolonialer Ausbeutungsmuster verstanden. Manche Filmemacher verbinden die Tradition des Third Cinema mit ökologischer Kritik – ein Feld, das von der neueren Forschung zunehmend erschlossen wird.
- Begriffsreflexion: Ob „Third World“ noch sinnvoll ist, ob die Dreiteilung in Erstes, Zweites und Drittes Kino veraltet ist, ob neue Kategorien wie „Viertes Kino“ oder „transnationaler Film“ treffender sind – diese Fragen werden in der heutigen Filmwissenschaft intensiv diskutiert. Die Tatsache, dass der ursprüngliche Begriff nach wie vor Orientierung bietet, spricht für seine anhaltende Relevanz.
- Erneute Aufmerksamkeit: Filmhistoriker und Festivals thematisieren Third Cinema wieder verstärkt – gerade im Kontext globaler Proteste und sozialer Bewegungen. Die Seite der Filmgeschichte, die das Third Cinema beschreibt, wird damit um neue Kapitel erweitert.
Zusammenfassung und Ausblick
Third Cinema ist eine historische, aber weiterhin einflussreiche Filmbewegung, die Kino als Werkzeug des Widerstands und der kulturellen Dekolonisierung versteht. Von den Manifesten der späten 1960er Jahre bis zu heutigen digitalen Protestvideos zieht sich ein roter Faden: die Überzeugung, dass Film mehr sein kann und muss als bloße Unterhaltung.
Drei Ebenen sind für das Verständnis des Third Cinema zentral: erstens der politische und historische Kontext – Dekolonisation, Klassenkampf, antiimperiale Bewegungen. Zweitens die ästhetischen Mittel – imperfekte Formen, Montage, dokumentarische Elemente, soziale Beteiligung. Drittens die kollektiven Produktions- und Distributionsformen – Gruppen statt Studios, Untergrundvorführungen statt kommerzielle Kinos, Diskussion statt passiver Konsum.
Im Ausblick zeigt sich, dass digitale Technik, Streaming, globale Protestbewegungen und die Dynamik von Festivals, Filmpreisen und Filmpremieren neue Formen eines erneuerten Third Cinema ermöglichen könnten. Die Idee, dass Menschen mit einfachen Mitteln ihre eigenen Geschichten erzählen, politische Missstände sichtbar machen und Gegenöffentlichkeiten schaffen, hat im 21. Jahrhundert nichts an Dringlichkeit verloren. Wer sich vertiefend mit verwandten Themen beschäftigen möchte, findet im Filmlexikon weiterführende Einträge zu Weltkino, postkolonialem Kino, Cinema Novo und revolutionärem Kino.



