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„Poor Things“ (2023) – Analytischer Filmleitfaden im Filmlexikon

Was passiert, wenn ein viktorianischer Wissenschaftler eine tote Frau mit dem Gehirn eines Fötus wiedererweckt? Der Film „Poor Things“ von Yorgos Lanthimos beantwortet diese Frage mit einer wilden Mischung aus Körperhorror, feministischer Philosophie und absurdem Humor. In diesem Beitrag ordnet das Filmlexikon den mehrfach Oscar-nominierten Film aus filmwissenschaftlicher Perspektive ein – von der Bildsprache über die Figurenkonstellation bis zur gesellschaftlichen Sprengkraft.

Kurze Antwort: Worum geht es in „Poor Things“?

„Poor Things“ ist ein surrealer Science-Fiction- und Fantasyfilm von Yorgos Lanthimos, der seine Weltpremiere am 1. September 2023 bei den Filmfestspielen von Venedig feierte und am 18. Januar 2024 in den deutschen Kinos startete. Der Film erzählt die Geschichte von Bella Baxter, einer jungen Frau, die vom exzentrischen Chirurgen Dr. Godwin Baxter aus dem Körper einer Selbstmörderin und dem Gehirn ihres ungeborenen Kindes wiedererweckt wird. Was folgt, ist eine Reise der Selbstentdeckung quer durch eine viktorianisch-surrealistische Welt – eine Mischung aus Frankenstein-Motiv und feministischer Coming-of-Age-Geschichte, in der Bella sprechen, gehen, lieben und denken lernt.

Der Film basiert auf dem Roman „Poor Things“ von Alasdair Gray aus dem Jahr 1992, einem postmodernen Meisterstück schottischer Literatur. Das Filmlexikon betrachtet diese Adaption aus filmwissenschaftlicher Perspektive und liefert Antworten auf Fragen zu Bildsprache, Genre, Figurenkonstellation und Thematik – ein analytischer Leitfaden für alle, die den Film nicht nur sehen, sondern verstehen wollen.

Eine junge Frau in einem aufwendigen viktorianischen Kleid steht in einem surrealen Raum mit überzeichneter Architektur, während warmes Licht durch ein großes Fenster strömt. Die Mischung aus pastelligen und kräftigen Farbtönen schafft eine traumhafte Atmosphäre, die an die Werke von Regisseuren wie Yorgos Lanthimos erinnert.

Produktionsdaten und Kontext

Die zentralen Eckdaten des Films auf einen Blick:

Kategorie Details
Regie Yorgos Lanthimos
Drehbuch Tony McNamara
Produktion Searchlight Pictures, Element Pictures, Film4, Fruit Tree
Produktionsländer Irland, Vereinigtes Königreich, USA
Sprache Englisch
Laufzeit ca. 142 Minuten
Budget ca. 35 Millionen US-Dollar
Weltpremiere 1. September 2023, Filmfestspiele Venedig (Goldener Löwe)
Limited Release USA 8. Dezember 2023
Breiter Kinostart USA 22. Dezember 2023
Kinostart Deutschland/Schweiz 18. Januar 2024
Kinostart Vereinigtes Königreich/Irland 12. Januar 2024

Die Hauptdarsteller sind Emma Stone als Bella Baxter, Willem Dafoe als Dr. Godwin Baxter, Mark Ruffalo als Duncan Wedderburn, Ramy Youssef als Max McCandles und Jerrod Carmichael als Harry Astley. In wichtigen Nebenrollen sind unter anderen Kathryn Hunter und Hanna Schygulla zu sehen.

Die Produktion war ein transatlantisches Gemeinschaftsprojekt, das die kreative Infrastruktur des europäischen Arthouse-Kinos mit der Vermarktungskraft Hollywoods verband. Searchlight Pictures übernahm den weltweiten Vertrieb, während Element Pictures und Film4 auf der europäischen Seite produzierten.

Das Bild zeigt ein viktorianisch anmutendes Labor, das mit Glaskolben und komplexen Apparaturen ausgestattet ist. Im Hintergrund sind anatomische Zeichnungen an den Wänden zu sehen, während warmes Kunstlicht die Messing- und Kupferelemente der Einrichtung hervorhebt.

Handlung von „Poor Things“ – Spoilerarmer Überblick

Im London des späten 19. Jahrhunderts springt eine schwangere Frau von einer Brücke in die Themse. Der Chirurg Dr. Godwin Baxter birgt den Körper und transplantiert das Gehirn des noch lebenden Fötus in den Kopf der Toten. So entsteht Bella Baxter – eine erwachsene Frau mit dem Gehirn eines Babys.

Bella lebt zunächst in Baxters Haus, einem labyrinthischen Anwesen voller medizinischer Kuriositäten. Dort lernt sie sprechen, gehen und essen – anfangs mit der Unbeholfenheit eines Kleinkind, das die Welt zum ersten Mal begreift. Max McCandles, ein junger Medizinstudent und Assistent Baxters, dokumentiert als Beobachter des Experiments Bellas rasante Entwicklung. Es entsteht ein Vertragskonflikt um Bellas Zukunft: Soll sie Max heiraten und unter Baxters Kontrolle bleiben?

Dann tritt der selbstverliebte Anwalt Duncan Wedderburn auf den Plan. Er lockt Bella zu einer ausgedehnten Reise – auf einem Schiff über das Meer, durch Lissabon, Paris und Alexandria, in der filmisch übersteigerten, retrofuturistischen Variante dieser Orte. Bella entdeckt auf dieser Reise nicht nur Sexualität und Lust, sondern auch Armut, Ausbeutung und die Widersprüche einer Welt, die sie zuvor nur aus dem Fenster des Baxter-Hauses kannte.

Ausführliche Inhaltsangabe (mit Spoilern)

Spoilerwarnung: Dieser Abschnitt enthält eine detaillierte Nacherzählung der gesamten Handlung einschließlich des Finales. Wer den Film noch sehen möchte, sollte diesen Abschnitt überspringen.

London – Das Baxter-Haus

Bella erwacht im Haus von Dr. Godwin Baxter, den sie „God“ nennt – Schöpfer und Vater in einer Person. Anfangs verhält sie sich wie ein Kind: Sie stammelt einsilbige Wörter, wirft Gegenstände durch den Raum, bewegt sich unkoordiniert. Baxter ist zugleich fürsorglich und kontrollierend. Er definiert ihre Grenzen, bestimmt ihren Wissensstand, legt fest, was sie sehen und erfahren darf. Das Haus selbst ist ein Ort voller Hybridwesen – im Labor finden sich Kreaturen wie ein Huhn mit Gänsekopf oder andere zusammengesetzte Tiere, die von Baxters obsessiver Forschung zeugen. Max McCandles wird beauftragt, Bellas Fortschritte in einem Journal zu dokumentieren. Er verliebt sich in sie, und Baxter schlägt eine Verlobung vor, um Bella in seiner Nähe zu halten.

Reise mit Duncan Wedderburn

Der Anwalt Duncan Wedderburn, der den Ehevertrag aufsetzen soll, ist fasziniert von Bellas ungefilterter Direktheit. Er überredet sie, mit ihm das Haus zu verlassen – was Bella sofort als Möglichkeit zur Befreiung begreift. Auf einem Schiff beginnt ihre gemeinsame Reise. Bella entdeckt ihren Körper und ihre Sexualität mit einer Unbekümmertheit, die Duncan anfangs begeistert, dann zunehmend überfordert. Sie trifft auf andere Passagiere – darunter eine zynische Philosophin und einen betrunkenen Zyniker –, die ihr politische Ideen und moralische Fragen näherbringen.

Bordell und politische Erkenntnisse

In Paris gerät Bella in ein Bordell. Statt sich als Opfer zu fühlen, betrachtet sie die Arbeit dort mit nüchterner Neugier. Sie trifft Prostituierte, erlebt Solidarität unter Frauen und beginnt, Strukturen von Macht und Besitz zu hinterfragen. In Alexandria konfrontiert sie extreme Armut – Kinder, die in Slums leben, hungernde Menschen am Hafen. Diese Erfahrungen erschüttern sie zutiefst und führen zu philosophischen Fragen über Eigentum, Arbeit und die Verteilung von Reichtum. Duncan, der ihr die Welt zeigen wollte, wird dabei zunehmend zur Nebenfigur, die an ihrem eigenen Anspruch auf Kontrolle scheitert.

Rückkehr und Konfrontation

Bella kehrt verändert zurück. Sie ist nicht mehr das Kind, das Baxter erschaffen hat, sondern eine junge Frau mit eigenem Willen, eigenem Intellekt und eigener Moral. Sie konfrontiert Godwin mit der Wahrheit über ihre Herkunft, über den Körper, in dem sie lebt, und über die Frau, die sie einmal war. Das Finale verweigert einfache Auflösungen: Bella heiratet Max, aber zu ihren Bedingungen. Godwin stirbt, und Bella beginnt, Medizin zu studieren – sie wird selbst zur Forscherin, zur Wissenschaftlerin, die das Erbe ihres Schöpfers nicht fortsetzt, sondern umschreibt. Im Schlussbild sitzt sie im Garten des Hauses, umgeben von den seltsamen Kreaturen des Labors, und liest. Eine Frau, die aus dem Nichts kam und sich selbst erschaffen hat.

Die surreal gestaltete Hafenszene zeigt eine lebendige Menschenmenge in historischen Kostümen, umgeben von überdimensionierten, bunten Gebäuden. Der Himmel ist strahlend und die kräftigen Farben verleihen der Szenerie eine traumhafte Atmosphäre, die an die Werke von Regisseuren wie Yorgos Lanthimos erinnert.

Figurenanalyse: Bella Baxter als zentrales Experiment

Bella Baxter ist keine gewöhnliche Filmfigur. Sie ist ein Experiment – im wörtlichen Sinn als Schöpfung eines Wissenschaftlers, im übertragenen Sinn als radikale Denkfigur. Weder Kind noch Erwachsene, weder unschuldig noch erfahren, bewegt sie sich in einem permanenten Zwischenraum. Poor Things zeigt die Entwicklung einer Frau in einer männerdominierten Gesellschaft, und Bella ist die Achse, um die sich diese Erzählung dreht.

Sprache als Spiegel der Reifung

Bellas Sprachentwicklung bildet den roten Faden des Films. Anfangs spricht sie in abgehackten Silben, wiederholt Wörter, versteht weder Ironie noch Abstraktion. Im Mittelteil formuliert sie einfache, aber präzise Fragen – „Was ist Eigentum?“, „Warum arbeiten Menschen?“ –, die ihr Gegenüber regelmäßig in Verlegenheit bringen. Gegen Ende des Films argumentiert sie in komplexen Sätzen, philosophisch, fordernd, souverän. Diese Entwicklung folgt der Struktur eines klassischen Bildungsromans – aber in extremer Zeitraffung. Bella entwickelt sich von einer unkoordinierten Kreatur zur belesenen Frau, die etwas zu sagen hat und sich nichts mehr vorschreiben lässt.

Körper ohne Scham

Der Film verweigert die klassische Schaminszenierung. Bella Baxter entdeckt ihren Körper und ihre Sexualität nicht heimlich oder verschämt, sondern offen, neugierig, manchmal komisch. Ihr Wissenserwerb ist körperlich – sie lernt die Welt durch Berührung, Geschmack, Schmerz und Lust. Diese Darstellung ist bewusst provokant, zielt aber weniger auf Voyeurismus als auf Reflexion. Bella Baxter ist eine Anarchistin, die Autoritäten ablehnt – ob es die Autorität ihres Schöpfers ist, die gesellschaftliche Norm der Scham oder die Erwartung, dass Frauen ihre Lust verbergen.

Nebenfiguren: Godwin Baxter, Duncan Wedderburn & Co.

Die männlichen Figuren in „Poor Things“ sind keine gleichberechtigten Gegenspieler. Sie sind Spiegel, Bremsen und Projektionsflächen für Bellas Entwicklung.

Dr. Godwin Baxter – Der Schöpfer als Vater und Gefangener

Dr. Godwin Baxter, gespielt von Willem Dafoe, ist der Doktor, der Bella erschaffen hat – und der daran scheitert, sie zu kontrollieren. Als Mediziner hat er den Körper einer Toten und das Gehirn eines Fötus zu etwas Neuem zusammengefügt. Er nennt Bella liebevoll sein „Werk“, behandelt sie aber auch als Versuchsobjekt. Sein vernarbtes Gesicht erzählt eine eigene Geschichte: Er selbst wurde von seinem Vater, ebenfalls einem Wissenschaftler, als Experimentierfeld missbraucht. Godwin ist keine reine Vaterfigur, er ist ein Frankenstein, der sich seiner Verantwortung bewusst ist, aber nicht in der Lage ist, loszulassen. Bella nennt ihn „God“ – eine Ironie, die der Film nie auflöst.

Duncan Wedderburn – Der Dandy, der die Kontrolle verliert

Mark Ruffalo spielt Duncan Wedderburn als selbstverliebten Lebemann, der Bella auf ihre Reise mitnimmt, weil er sie besitzen will. Anfangs charmant und erotisch anziehend, wird er zunehmend eifersüchtig, weinerlich und hilflos. Duncan Wedderburn wird von Bellas Direktheit überfordert – ihre Ehrlichkeit, ihre Weigerung, sich seinen Regeln zu unterwerfen, zerstört sein Selbstbild als weltgewandter Mann. Die Figur funktioniert als satirisches Porträt patriarchaler Männlichkeit: der Mann, der eine freie Frau will, aber nur solange er sie kontrollieren kann.

Max McCandles und weitere Figuren

Max McCandles, gespielt von Ramy Youssef, ist der stille Beobachter. Als Assistent von Godwin dokumentiert er Bellas Fortschritte aus einer wissenschaftlichen Perspektive. Seine romantischen Gefühle für Bella bleiben lange unausgesprochen – er ist kein Verführer, sondern ein zurückhaltender Dokumentarist, der Bellas Autonomie respektiert, ohne sie wirklich zu verstehen.

Weitere Nebenfiguren – Prostituierte im Pariser Bordell, Philosophen auf dem Schiff, Politiker und Madamen – funktionieren als Stellvertreter gesellschaftlicher Positionen. Sie repräsentieren Klasse, Geschlecht, Macht und Moral und geben Bella die Möglichkeit, sich an der Welt zu reiben.

Emma Stone in „Poor Things“ – Schauspiel und Starimage

Emma Stone und Yorgos Lanthimos arbeiten seit „The Favourite“ (2018) zusammen, wo Stone als Lady Abigail eine Hofdame spielte, die sich nach oben intrigiert. In „Poor Things“ geht die Zusammenarbeit weiter: Stone ist nicht nur Hauptdarstellerin, sondern auch Produzentin des Films.

Eine physische Verwandlung

Stones Leistung in „Poor Things“ ist vor allem eine körperliche. In den ersten Szenen bewegt sie sich ruckhaft, automatisiert, fast marionettenhaft – die Motorik eines Babys im Körper einer erwachsenen Frau. Ihre Stimme klingt brüchig, ihre Augen starren ungefiltert. Im Verlauf des Films verändert sich alles: Die Haltung wird aufrechter, die Gesten werden kontrollierter, die Stimme gewinnt an Tiefe und Nuance. Gegen Ende bewegt sie sich mit einer Souveränität, die nichts mehr mit dem Kleinkind des Anfangs zu tun hat. Diese Transformation erstreckt sich über 142 Minuten und ist in jedem Moment glaubwürdig.

Zwischen Mainstream und Arthouse

Stones Starimage – etabliert durch Mainstream-Erfolge wie „La La Land“ und „The Amazing Spider-Man“, aber auch durch Arthouse-Arbeiten wie „Birdman“ – macht sie zur idealen Brücke zwischen radikalem Inhalt und breitem Publikum. Der Film konnte 117,6 Millionen US-Dollar weltweit einspielen – eine bemerkenswerte Zahl für einen Film, der so kompromisslos mit Nacktheit, Sexualität und philosophischen Fragen umgeht.

Für ihre Leistung in „Poor Things“ gewann Emma Stone den Oscar als beste Hauptdarstellerin bei der Verleihung 2024. Zuvor hatte sie bereits den Golden Globe und den BAFTA Award in der entsprechenden Kategorie erhalten.

Willem Dafoe und Mark Ruffalo – Körperkomik und Tragik

Willem Dafoe verbindet in seiner Darstellung von Godwin Baxter groteskes Maskenbild mit präzisem Körperspiel. Sein Gesicht ist von Narben überzogen, deformiert, asymmetrisch – Zeichen der Experimente, die sein eigener Vater an ihm vorgenommen hat. Dafoe nutzt diesen physischen Zustand nicht als bloßes Schockmoment, sondern als Ausgangspunkt für eine Figur, die zwischen Stärke und Zerbrechlichkeit schwankt. Wer Dafoe in Robert Eggers‘ „The Lighthouse“ erlebt hat, erkennt die Fähigkeit des Schauspielers, sich in extreme physische Rollen zu versenken – in „Poor Things“ treibt er diese Qualität noch weiter.

Mark Ruffalo wiederum liefert mit Duncan Wedderburn eine der komischsten Darbietungen seiner Karriere. Im Vergleich zu seinen ernsten Rollen in Filmen wie „Spotlight“ oder seiner ikonischen Darstellung des Hulk im MCU zeigt er hier eine völlig neue Seite: den pathetischen, physisch gedemütigten Dandy, dessen Körper buchstäblich unter dem Gewicht seiner Eitelkeit zusammenbricht. Ruffalo tanzt, stolpert, heult und schreit – eine Mischung aus Screwball-Komik und tragischer Männlichkeit, die unter allen Darstellern des Films die most physische ist.

Yorgos Lanthimos‘ Regiehandschrift

Yorgos Lanthimos stammt aus der griechischen New-Wave-Bewegung und machte sich international mit „Dogtooth“ (2009) einen Namen – einem Film über eine Familie, die ihre Kinder in totaler Isolation aufzieht. Mit „The Lobster“ (2015) und „The Favourite“ (2018) etablierte sich der Grieche als einer der eigenwilligsten Regisseure des zeitgenössischen Kinos.

Stilistische Konstanten

Lanthimos‘ werke zeichnen sich durch wiederkehrende Themen aus: Machtspiele innerhalb geschlossener Systeme, absurde Regeln, die das Zusammenleben bestimmen, und eine emotionale Distanziertheit, die Zuschauer gleichzeitig fasziniert und verstört. Yorgos Lanthimos experimentiert mit Erzählformen und Bildsprache – in jedem Film aufs Neue und doch erkennbar als Handschrift desselben Regisseurs.

Der Bruch in „Poor Things“

Poor Things gilt als visuell opulenter und zugänglicher als frühere Werke des Regisseurs. Die kühle Distanz, die Filme wie „The Killing of a Sacred Deer“ prägte, weicht einer sinnlichen Überwältigung: kräftige Farben, expressive Kostüme, körperliche Nähe. Gleichzeitig bleiben die absurden Situationen und das Spiel mit Machtverhältnissen erhalten. Es ist, als hätte Lanthimos seine analytische Präzision um eine sinnliche Dimension erweitert – ein Film, der gleichermaßen den Intellekt und die Sinne anspricht. Die Inszenierung verbindet lange Takes mit ungewöhnlichen Kamerawinkeln, um Bellas Wahrnehmung spürbar zu machen.

Visuelle Gestaltung: Kamera und Bildkomposition

Kameramann Robbie Ryan arbeitete mit anamorphotischen Weitwinkelobjektiven und Fischaugeneffekten, um vor allem in den frühen Szenen eine verzerrte, subjektive Wahrnehmung zu erzeugen. Die Bilder wirken, als würde man die Welt durch Bellas Augen sehen – verzerrt an den Rändern, mit überdimensionierten Proportionen, wie ein Kind, das alles zum ersten Mal betrachtet.

Von Schwarzweiß zu Farbexplosion

Der Film beginnt in strengem Schwarzweiß. Die Londoner Szenen im Baxter-Haus sind entsättigt, fast dokumentarisch in ihrer Nüchternheit. Mit Bellas zunehmender Bewusstwerdung steigt die Farbintensität: Die Reiseepisoden explodieren in knalligen Tönen – Türkis, Pink, Gold, Orangerot. Der visuelle Stil des Films nutzt starke Farbkontraste und surrealistische Elemente, um innere Zustände nach außen zu kehren. Die Bilder sind kulissenhaft überzeichnet – bewusst artifiziell, nicht naturalistisch.

Bildkomposition und Machtverhältnisse

Symmetrische Kompositionen, Rundfahrten und Low-Angle-Shots dienen dazu, Hierarchien zu visualisieren. Baxter wird im Labor häufig aus niedrigem Winkel gefilmt – seine Dominanz über Bella manifestiert sich im Bild. Wenn Bella an Autonomie gewinnt, ändert sich die Kameraperspektive: Sie wird auf Augenhöhe gefilmt, später sogar von unten. Die Bildästhetik erinnert an Gothic-Horror-Traditionen, aber auch an barocke Gemälde und Art-Déco-Entwürfe.

Die surreal wirkende Stadtlandschaft im viktorianischen Stil zeigt überdimensionierte Gebäude in leuchtenden Farben und verzerrten Perspektiven. Im Vordergrund steht eine einzelne Figur in historischem Kleid, die an eine Frau erinnert, während der Himmel über ihr lebhafte Farben reflektiert.

Produktionsdesign und Kostüm: Viktorianisch, aber anders

Das Szenenbild von „Poor Things“ entwirft keine historisch korrekte viktorianische Welt, sondern eine alternative Version davon. Der Film verwendet ein surrealistisches Setting, in dem historische Architektur mit futuristischen und fantastischen Elementen verschmilzt. Der Film hat Anklänge an Steampunk und expressionistisches Kino – Zahnräder, Dampfmaschinen und kupferne Apparate existieren neben surrealen Tierhybriden und unmöglichen Architekturen.

Bellas Kostüme als Erzähllinie

Die Kostüme von Holly Waddington – ausgezeichnet mit dem Oscar für bestes Kostümdesign – funktionieren als eigenständige Erzähllinie. Zu Beginn trägt Bella einfache, pastellige Nachtgewänder, die ihre Kindlichkeit unterstreichen. Im Verlauf der Reise werden die Outfits extravaganter: kräftige Farben, gewagter geschnittene Kleider, auffällige Muster. Jedes Kostüm markiert eine neue Stufe in Bellas Entwicklung. Diese Arbeit des Kostümbildners gehört zu den visuell eindrucksvollsten Aspekten des Films und verdient eine eigene Analyse im Kontext des Kostümfilms.

Das Labor als Charakter

Baxters Labor ist eine Mischung aus anatomischem Theater, Alchemielabor und expressionistischem Kabinett. Der Raum erzählt von wissenschaftlicher Obsession und ethischen Grauzonen – er ist gleichzeitig Ort der Schöpfung und des Grauens. Die Requisiten sind haptisch, greifbar, physisch präsent. Die Szenerie vermeidet digitale Glätte zugunsten einer handgemachten Ästhetik.

Ton, Musik und Sounddesign

Die Musik von Jerskin Fendrix ist einer der ungewöhnlichsten Filmsoundtracks der letzten Jahre. Der Score wechselt zwischen klassischen, romantischen Elementen und dissonanten, fast elektronischen Klangflächen. Harfe trifft auf verzerrte Synthesizer, lyrische Melodien brechen in kakophonische Passagen ab. Einzelne Stücke wie „Bella“ und „Lisbon“ wurden als Singles veröffentlicht.

Das Sounddesign verstärkt die körperliche Dimension des Films: Herzschlag, Atem, das Knirschen von Metall im Labor, das Klatschen von Fleisch – Alltagsgeräusche werden überhöht, um Bellas sinnliche Wahrnehmung spürbar zu machen. In den frühen Szenen ist die Klangwelt ruhig, fast gedämpft. Mit zunehmender Erfahrung wird sie lauter, vielschichtiger, erotischer. Die Musik kommentiert Bellas innere Bewegungen und unterstreicht die Sprünge im Tonfall der Szenen.

Literarische Vorlage von Alasdair Gray

Der Roman von Alasdair Gray erschien 1992 unter dem vollständigen Titel „Poor Things: Episodes from the Early Life of Archibald McCandless M.D., Scottish Public Health Officer“ – ein Titel, der bereits die Rahmenstruktur verrät: Die Geschichte wird als Memoiren eines Arztes erzählt, herausgegeben, kommentiert und in Frage gestellt. Das Buch erhielt sowohl den Whitbread Award als auch den Guardian Fiction Prize und gilt als Meilenstein der schottischen Literatur. Der Untertitel mit „Health Officer“ verweist auf den gesellschaftspolitischen Fokus des Romans.

Erzählstruktur: Roman vs. Film

Der Roman ist postmodern und epistolär: Er besteht aus fiktiven Memoiren, Briefen, Einleitungen und kritischen Anmerkungen, die sich widersprechen und die „Wahrheit“ der Geschichte bewusst offenlassen. Die filmische Umsetzung reduziert die komplexe Erzählstruktur des Romans zugunsten einer geradlinigeren Erzählung aus Bellas Perspektive. Während der Roman die Handlung in Glasgow und im schottischen politischen Kontext verortet, verlegt der Film sie in eine globalere, visuell überhöhte Welt – London, Lissabon, Paris, Alexandria.

Übernommene und verschobene Motive

Die Motive von Identität, Körper und Klassenunterschied übernimmt der Film aus dem Roman. Aber die Umsetzung verschiebt den Fokus: Während Alasdair Gray stärker den politischen Kontext des britischen Imperialismus und der schottischen Sozialpolitik ausarbeitete, betont Lanthimos in Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Tony McNamara Bellas subjektive Erfahrung und ihre körperliche Selbstfindung.

Genre-Einordnung: Zwischen Frankenstein, Märchen und Bildungsroman

„Poor Things“ entzieht sich jeder einfachen Genre-Zuordnung. Der Film kombiniert Elemente aus:

  • Science Fiction: Wiederbelebung durch Gehirntransplantation, wissenschaftliche Hybris
  • Gothic Horror: Leichen, Narben, unheimliche Wissenschaft, dunkle Laboratorien
  • Märchen: Reise, Transformation, wundersame Verwandlung
  • Satire: Gesellschaftsordnung, Geschlechternormen, bürgerliche Moral
  • Erotisches Melodram: Lust, Begehren, Machtverhältnisse in intimen Beziehungen

„Poor Things“ wird als feministisches Frankenstein-Märchen beschrieben – und diese Bezeichnung trifft einen wesentlichen Punkt. Während Mary Shelleys „Frankenstein“ (1818) die Schuld des Schöpfers ins Zentrum stellt, verschiebt Lanthimos‘ Film den Fokus auf die Autonomie der Kreatur. Bella ist nicht das Monster, das sich gegen seinen Schöpfer wendet, sondern die Frau, die sich selbst erschafft.

Die Struktur entspricht dem Coming-of-Age-Film: Bella durchläuft Phasen der Reifung, der Krise und der Selbstfindung. Gleichzeitig erinnert die Reisestruktur an Voltaires „Candide“ – eine satirische Aufklärungsreise, bei der die Protagonistin Extreme erlebt, Ungerechtigkeiten erkennt und über sich und die Welt lernt. Als Genre-Hybride verbindet der Film Elemente der Horrorkomödie mit philosophischer Tiefe.

Feministische Lesarten und Körperpolitik

Der Film behandelt Themen wie weibliche Emanzipation und Selbstbestimmung – und er tut dies radikal. Bella stellt nicht einzelne Regeln infrage, sondern das gesamte System: Ehe, Mutterschaft, Arbeit, Eigentum, Scham.

Konventionen unter Beschuss

Bella Baxter hinterfragt die Bedeutung von Eheverträgen – nicht als intellektuelle Übung, sondern aus ehrlichem Unverständnis. Warum soll ein Stück Papier über das Leben einer Frau entscheiden? Der Film thematisiert die Tabuisierung von Themen wie Sexarbeit, indem er Bella in ein Pariser Bordell führt und sie die Arbeit dort weder verurteilen noch romantisieren lässt. Er zeigt die Befreiung einer Frau, die keine Scham kennt, weil ihr niemand beigebracht hat, sich zu schämen.

Kritikpunkte

Nicht alle Stimmen sind begeistert. Kritiker bemängeln die männliche Perspektive in der Inszenierung des Feminismus. Das kreative Kernteam – Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann – besteht aus Männern. Die Frage, ob diese Perspektive Bellas Lust empowernd oder voyeuristisch inszeniert, beschäftigt die Filmkritik seit der Premiere. Manche sehen in Bella eine Männerfantasie – die Kindsfrau, die Sex ohne emotionale Komplexität will. Andere halten diese Lesart für eine Reduktion: Bella sei gerade deshalb radikal, weil sie sich nicht um den Blick der Männer schere.

Gesellschaftskritik: Kapitalismus, Klasse und Ungleichheit

Der Film thematisiert die Frage nach gesellschaftlichen Konventionen – und er tut es durch Bellas Naivität. Ihre Fragen sind direkt, kindlich und dadurch entlarvend.

Die naive Frage als Waffe

Bella stellt die Frage nach der Vernunft in der Gesellschaft: Warum hungern Menschen, während andere im Überfluss leben? Warum besitzen einige Leute alles und andere nichts? In Alexandria sieht sie zum ersten Mal extreme Armut, und ihre Reaktion – sie versucht, ihr gesamtes Money den Armen zu geben – ist zugleich rührend und politisch. Der Film kritisiert die gesellschaftliche Norm von 40 Arbeitsstunden pro Woche und ein altmodisches Verständnis von Bildung, das Gehorsam über Neugier stellt. Bella Baxter stellt die Frage nach der Krisengesellschaft, nach den Strukturen, die Ungleichheit produzieren und aufrechterhalten.

Grenzen der Analyse

Gleichzeitig wird im letzten Drittel des Films die Gesellschaftsanalyse zugunsten der Beziehungsdynamiken zurückgestellt. Duncan Wedderburns Zusammenbruch, Godwins Tod, Max‘ stille Treue – die männlichen Figuren beanspruchen zunehmend Raum. Manche Kritiker sehen darin einen Widerspruch: Ein Film, der weibliche Autonomie feiert, verliert sich in der Darstellung männlicher Verletzlichkeit.

Humor und Absurdität: „Schamlos lustig“

Der Humor in „Poor Things“ ist vielschichtig und konstitutiv für den Gesamteindruck des Films. Er ist kein Beiwerk, sondern tragendes Element.

Die Arten von Komik, die zum Einsatz kommen:

  • Slapstick: Bellas frühe physische Unbeholfenheit, Stolpern, Werfen, Umfallen
  • Wortwitz: Bellas wörtliches Verständnis abstrakter Begriffe („Pflicht“, „Vernunft“)
  • Situationskomik: Duncans peinliche Eifersuchtsausbrüche vor einem Publikum, das ihn nicht ernst nimmt
  • Schwarzer Humor: Die Hybridtiere im Labor, Baxters lakonische Kommentare über Tod und Wissenschaft

Konkrete Beispiele verdeutlichen den Ton: Wenn Bella bei einem formellen Dinner die Leute am Tisch fragt, warum sie sich um die Meinung anderer sorgen, und die Reaktionen von Entsetzen bis Faszination reichen. Oder wenn Duncan – einst der selbstsichere Verführer – heulend auf einem Schiffsdeck zusammenbricht, weil Bella sich weigert, exklusiv ihm zu gehören. Der Humor funktioniert als Kontrast zu den dunklen Themen des Films und bricht Tabus, die ohne Lachen schwerer zu ertragen wären.

Erotik und Darstellung von Sexualität

„Poor Things“ zeigt explizite Sexszenen, aber sie sind selten das, was man erwartet. Die Szenen sind häufig komisch gebrochen, surreal oder analytisch – weniger pornografisch als ethnografisch, als würde der Film Bellas Lernprozess über Sex dokumentieren.

Lust als Erkenntnisweg

Bella entdeckt Sexualität nicht als Sünde oder Transgression, sondern als Erfahrung. Sie fragt, probiert, grenzt ab. Ihr Lernprozess über Lust, Macht und Konsens wird nicht moralisiert – der Film zeigt, dass Bellas Interesse an Sex kein Defizit ist, sondern Teil ihres umfassenden Anspruchs auf Leben und Erfahrungen. In den besten Momenten werden konventionelle Geschlechterdynamiken umgekehrt: Bella ist aktiv, fordernd, desinteressiert an männlichen Empfindlichkeiten.

Kontroversen

Die Diskussionen um die Erotik des Films betreffen vor allem die Frage, ob ein von Männern inszenierter Film weibliche Lust authentisch darstellen kann. In den USA erhielt der Film ein R-Rating, im deutschsprachigen Raum eine Freigabe ab 16 Jahren. Die Debatte um Pornografisierung versus Empowerment ist nicht abschließend zu klären – und genau das macht den Film diskursiv relevant.

Rezeption: Kritiken, Kontroversen, Publikumserfolg

International wurde „Poor Things“ überwiegend mit Begeisterung aufgenommen. Bei Rotten Tomatoes und Metacritic erreichte der Film hohe Wertungen, Kritiker lobten vor allem Bildsprache, Emma Stones Performance und den mutigen Umgang mit Körperlichkeit.

Deutschsprachige Reaktionen

Im deutschsprachigen Feuilleton fiel die Rezeption gemischter aus. Manche feierten den Film als radikalen feministischen Zeitgeist-Hit, andere kritisierten die überzogene Sexualität oder die stereotypen Männerfiguren. „Poor Things“ wird als feministischer Zeitgeist-Hit bezeichnet – ein Label, das sowohl Lob als auch Widerspruch provoziert. Die Debatten um Nacktheit, die Darstellung von Männlichkeit und die Frage, ob der Film seine gesellschaftskritischen Ansprüche tatsächlich erfüllt, dauerten weit über die Kinoauswertung hinaus an.

Publikumserfolg

Mit einem weltweiten Einspielergebnis von rund 117,6 Millionen US-Dollar bei einem Budget von circa 35 Millionen war der Film auch kommerziell erfolgreich – bemerkenswert für einen Arthouse-Film mit expliziten Inhalten und einem nicht-linearen Erzählansatz.

Auszeichnungen und Festivalerfolg

Der Film hat mehrere Oscar-Nominierungen erhalten – insgesamt elf Stück bei der Verleihung 2024. Davon gewann er vier:

Preis Kategorie
Oscar Beste Hauptdarstellerin (Emma Stone)
Oscar Bestes Szenenbild
Oscar Bestes Kostümdesign
Oscar Bestes Make-up und Haarstyling
Goldener Löwe Bester Film (Venedig 2023)
Golden Globe Beste Hauptdarstellerin – Musical/Komödie
BAFTA Beste Hauptdarstellerin

Festivaljurys zeichneten den Film vor allem für seine visuelle Innovation, die Bildsprache und Emma Stones transformative Performance aus. Im Vergleich zu früheren Lanthimos-Filmen – „The Favourite“ erhielt zehn Oscar-Nominierungen, gewann aber nur einen Preis – war „Poor Things“ deutlich erfolgreicher in der Umsetzung von Nominierungen in tatsächliche Gewinne.

„Poor Things“ im Werk von Yorgos Lanthimos

Betrachtet man die Filmografie von Lanthimos, zeigt sich „Poor Things“ als Wendepunkt. Die frühen Werke – „Dogtooth“ (2009), „Alps“ (2011) – waren minimalistisch, kalt, verstörend in ihrer emotionalen Leere. Mit „The Lobster“ (2015) kam ein erster Schritt Richtung Mainstream, mit „The Favourite“ (2018) eine Annäherung an opulenteres Erzählen.

Vergleiche innerhalb des Werks

  • „The Favourite“: Hofintrigen, drei Frauenfiguren im Zentrum, Machtkämpfe in geschlossenen Räumen. „Poor Things“ öffnet diesen Raum – Bella reist durch die world, statt in einem Palast gefangen zu sein.
  • „The Lobster“: Absurde Regeln für Beziehungen, das Individuum gegen das System. In „Poor Things“ ist Bella das Individuum, das sich den Regeln entzieht.
  • „Dogtooth“: Families in totaler Isolation, Kinder, die die Welt nicht kennen. Bella ist gewissermaßen das „Kind“ aus „Dogtooth“, das ausbricht und die Welt erkundet.

„Poor Things“ könnte den Übergang zu einem „späten Stil“ markieren, in dem Lanthimos stärker auf visuelle Opulenz und körperliche Erfahrung setzt, ohne seine analytische Schärfe aufzugeben.

Filmische Mittel: Perspektive, Blickführung und Voyeurismus

Die Verwendung der Kamera in „Poor Things“ ist nicht dekorativ, sondern erzählerisch. Verschiedene Methoden der Blickführung werden eingesetzt, um Bellas Wahrnehmung zu vermitteln und gleichzeitig den voyeuristischen Blick des Zuschauers zu reflektieren.

Subjektive Kamera

In den frühen Szenen nimmt die Kamera häufig Bellas Perspektive ein: verzerrte Fischaugenbilder, Unschärfen an den Rändern, überdimensionierte Proportionen. Diese Subjektiveinstellungen transportieren die Desorientierung eines Bewusstseins, das die Welt noch nicht ordnen kann. Der Einsatz von Framing ist hier entscheidend: Die Wahl des Bildausschnitts bestimmt, was Bella sieht – und was ihr verborgen bleibt.

Male Gaze und seine Brechung

In anderen Momenten wechselt die Perspektive zum distanzierten, beobachtenden Blick – dem klassischen „male gaze“, der Bella als Objekt der Betrachtung inszeniert. Aber der Film reagiert auf diesen Blick: Er ironisiert ihn, bricht ihn durch Humor oder lässt Bella direkt in die Kamera schauen, als würde sie den Zuschauer herausfordern. Diese Dialektik zwischen subjektivem und objektivierendem Blick gehört zu den filmisch anspruchsvollsten Aspekten von „Poor Things“.

Spezialeffekte und Make-up

Das Make-up von Willem Dafoe gehört zu den herausragenden Leistungen des Films. Sein Gesicht – vernarbte Haut, deformierte Züge, asymmetrische Proportionen – wurde in aufwendiger Arbeit von Maskenbildnern gestaltet. Die Narben sind nicht nur visuelles Detail, sondern erzählerisches Element: Sie verbinden Godwins Vergangenheit als Versuchsobjekt seines eigenen Vaters mit seiner Gegenwart als Schöpfer von Bella.

Die Kreaturen des Labors

Im Baxter-Haus finden sich hybride Tiere – zusammengesetzte Wesen, die von Baxters obsessiver Forschung zeugen. Ein Huhn mit Gänsekopf, ein Hund mit der Hand eines Affen, verschmolzene Organismen. Diese Kreaturen wurden überwiegend mit praktischen Effekten realisiert, unterstützt durch CGI für Bewegungen und Integration. Der Einsatz physischer Effekte verleiht der Welt eine Haptik, die rein digitale Lösungen nicht erreichen. Die Kreaturen sind zugleich komisch, verstörend und philosophisch – sie stellen die Frage, was „natürlich“ ist, wenn alles konstruiert werden kann.

Das Bild zeigt ein viktorianisch anmutendes Labor, das von warmem Kerzenlicht erleuchtet wird. Kupferne Apparate und gläserne Behälter sind zu sehen, während im Hintergrund seltsame Tiersilhouetten die geheimnisvolle Atmosphäre unterstreichen.

Montage und Erzählrhythmus

Der Filmschnitt in „Poor Things“ wechselt zwischen zwei Modi: ruhige, beobachtende Szenen mit langen Einstellungen und abrupte, montagelastige Passagen, die Zeitsprünge und Ortswechsel markieren.

Ellipsen als Erzählstrategie

Bellas Reifungsprozess vollzieht sich in der Filmzeit rasant – wenige Monate der erzählten Zeit umfassen eine Entwicklung, die normalerweise Jahre dauern würde. Ellipsen – Auslassungen von Zeiträumen – sind das zentrale Mittel, um diese Beschleunigung darzustellen. Zwischen den Szenen liegen Sprünge, die der Zuschauer selbst füllen muss. Der Film vertraut darauf, dass Stones physische Verwandlung und die Veränderung der Bilder ausreichen, um die fehlende Zeit zu kommunizieren.

Spannungsbogen und Dramaturgie

Manche Zuschauer empfinden den Rhythmus als sprunghaft und überladen – zu viele Orte, zu viele Figuren, zu schnelle Wechsel. Andere feiern genau diese Opulenz als Ausdruck von Bellas überbordender Welterfahrung. Der Film ist in dieser Hinsicht selbst ein Experiment: Er testet die Grenzen dessen, was ein Publikum an erzählerischer Dichte akzeptiert.

Farbdramaturgie und Lichtsetzung

Die Farbdramaturgie ist in „Poor Things“ kein Beiwerk, sondern ein eigenständiges Erzählsystem. Bilder sind entweder schwarz-weiß oder knallbunt – Zwischentöne gibt es kaum. Diese radikale Farbstrategie korreliert direkt mit Bellas Bewusstseinszuständen.

Farbcodes und Orte

Ort Farbwelt Emotionale Funktion
Baxter-Haus (London) Schwarzweiß, dann kühle Grautöne Isolation, Kontrolle, Kindheit
Schiff Warme Pastelltöne Erwachen, erste Freiheit
Lissabon Knallige Primärfarben Sinnlichkeit, Entdeckung
Paris (Bordell) Rötliches, gedämpftes Licht Intimität, Ambivalenz
Alexandria Gelb, Ocker, Sandtöne Hitze, Armut, Konfrontation

Die Lichtgestaltung variiert zwischen hartem Laborlicht, das jedes Detail schonungslos zeigt, und weichem, fast märchenhaftem Licht in den Bordell- und Ballsaalszenen. Diese Bezüge zur Malerei – präraffaelitische Farbgebung, symbolistische Lichtstimmungen – sind kein Zufall, sondern Teil einer bewussten ästhetischen Strategie.

Dialoge, Sprache und Humor im Detail

Die Dialoge in „Poor Things“ funktionieren auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Bellas direkte Fragen sind komisch, philosophisch und entlarvend – oft alles zugleich. Duncans Monologe hingegen sind pathetisch und rhetorisch überladen, Baxters Äußerungen wissenschaftlich-lakonisch.

Sprache als Entwicklungskurve

Bellas sprachliche Entwicklung ist die vielleicht wichtigste Erzähllinie des Films. Frühe Sätze wie „Bella will raus“ weichen komplexen Formulierungen über Arbeit, Moral und Gerechtigkeit. Diese Kurve vom Stammeln zum philosophischen Argument bildet den Kern des Bildungsromans ab und macht die Veränderung greifbar, ohne sie explizit zu erklären.

Kontraste im Dialog

Der Film spielt mit dem Kontrast zwischen altmodischen, blumigen Formulierungen – die das viktorianische Setting nahelegt – und vulgärem Slang, den Bella ohne jeden Sinn für Peinlichkeit verwendet. Wenn sie die Frage stellt, warum Menschen etwas tun, das sie als „bad“ empfinden, und die Antwort erhält, es sei eben Tradition, reicht ihr das nicht. Sprache bildet die Entwicklung ab: Fortschritte in Eloquenz spiegeln Erkenntnis und Identitätsfindung.

Vergleich zu „Barbie“ und anderen feministischen Filmdebatten 2023/2024

Die Oscar-Saison 2023/2024 wurde von einer Reihe von Filmen geprägt, die Geschlechterverhältnisse, Identität und gesellschaftliche Normen verhandelten. Neben „Oppenheimer“ und „Past Lives“ waren es vor allem „Barbie“ und „Poor Things“, die öffentliche Debatten über Feminismus im Mainstream-Kino befeuerten.

„Barbie“ und „Poor Things“ – Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Beide Filme erzählen von einer weiblichen Figur, die in eine Welt eintritt, deren Regeln sie nicht versteht – und die sie dadurch hinterfragt. Aber die Mittel sind grundverschieden:

  • „Barbie“: Popkulturelle Referenzen, ironische Distanz, Pastelfarben, Comedy-Ton
  • „Poor Things“: Körperliche Radikalität, explizite Sexualität, surreale Bildwelten, philosophische Tiefe

Manche Kritiker bezeichneten „Poor Things“ als „radikalere Schwester von Barbie“ – ein Film, der die Fragen, die „Barbie“ stellt, mit mehr Konsequenz und weniger Rücksicht auf Markenverträglichkeit beantwortet. Andere sahen darin eine unfaire Gegenüberstellung: „Barbie“ als massentaugliche Satire und „Poor Things“ als elitäres Arthouse-Produkt sprechen unterschiedliche Publika an – und beide haben ihre Berechtigung.

„Poor Things“ und Filmwissenschaft: Relevante Begriffe fürs Filmlexikon

Aus Sicht des Filmlexikons ist „Poor Things“ ein ideales Studienobjekt, weil sich an ihm zahlreiche filmwissenschaftliche Fachbegriffe exemplarisch erklären lassen:

  • Mise en Scène: Die Gesamtheit der visuellen Gestaltung – Raum, Kostüm, Licht, Schauspiel – ist in kaum einem aktuellen Film so durchkomponiert wie hier.
  • Subjektive Kamera: Die Fischaugenbilder der frühen Szenen sind ein Lehrbuchbeispiel für den Einsatz subjektiver Perspektive.
  • Genre-Hybrid: Die Verschränkung von Science Fiction, Gothic Horror, Märchen, Satire und Melodram illustriert, wie moderne Filme Genregrenzen auflösen.
  • Kostümdesign und Produktionsdesign: Waddingtons Kostüme und die surreale Architektur bieten reiches Material für die Analyse von visueller Erzählung.

Wer tiefer in einzelne Begriffe einsteigen möchte, findet im Filmlexikon weiterführende Artikel – unter anderen zu Szene, Szenerie und Besetzung.

Einsatz im Unterricht und in der Filmbildung

„Poor Things“ eignet sich hervorragend für den Einsatz in der Filmbildung – unter Berücksichtigung der Altersfreigabe und der sensiblen Inhalte (explizite Sexualität, Gewalt, Körperhorror). Für die Oberstufe und den Hochschulbereich bietet der Film konkrete Anknüpfungspunkte.

Themenblöcke für den Unterricht

  • Körperbilder und Geschlechterrollen: Wie inszeniert der Film weibliche Autonomie? Welche Normen werden hinterfragt?
  • Reise als Bildungsweg: Bellas Reise als säkularer Bildungsroman – Vergleich mit klassischen Beispielen der Literatur.
  • Satire auf bürgerliche Moral: Wie setzt der Film Humor ein, um gesellschaftliche Konventionen zu entlarven?
  • Filmische Mittel: Sequenzprotokolle erstellen, Bildanalysen durchführen, Figurenkonstellationskarten erarbeiten.

Der Hinweis auf pädagogische Verantwortung ist wichtig: Die expliziten Inhalte erfordern eine behutsame Einbettung in den Unterricht und eine vorherige Sichtung durch die Lehrkraft. Der Film ist kein leichtes Material – aber gerade deshalb bietet er die Möglichkeit, über filmische Auswirkungen auf Wahrnehmung und Gesellschaft nachzudenken.

Marketing, Trailer und Poster-Strategien

Die Marketingkampagne für „Poor Things“ verdient eine eigene Analyse, weil sie den Film bewusst anders verkaufte, als er tatsächlich ist. Die Trailer betonten die komischen, skurrilen Elemente – Bellas Tollpatschigkeit, Duncans Slapstick, die bunten Kulissen –, während die philosophische Tiefe, die Gesellschaftskritik und die explizite Erotik nur angedeutet wurden.

Poster-Analyse

Die offiziellen Poster zeigen Bella im Zentrum, umgeben von überdimensionierten männlichen Silhouetten – eine visuelle Metapher für die patriarchale Welt, in der sie sich bewegt. Der Stil erinnert an Pulp-Cover der 1950er-Jahre, aber ins Surrealistische gedreht. Die satirische Anmutung setzt den Ton: Dies ist kein ehrfürchtiger Kostümfilm, sondern ein anarchisches Vergnügen.

Auf Social Media prägten Memes und Szenen-GIFs das Bild des Films. Bellas Gesichtsausdrücke, Duncans Zusammenbrüche und die surrealen Landschaften verbreiteten sich viral und machten den Film auch für Menschen sichtbar, die normalerweise keine Arthouse-Filme im Browser suchen.

Vergleich mit anderen Frankenstein-Adaptionen

Mary Shelleys „Frankenstein“ (1818) erzählt von einem Wissenschaftler, der aus Leichenteilen ein Wesen erschafft und vor den Konsequenzen seiner Schöpfung flieht. Die zentralen Motive – Schöpfer vs. Kreatur, Verantwortung, Außenseitertum – durchziehen seither die Filmgeschichte.

Der Perspektivwechsel in „Poor Things“

Während klassische Frankenstein-Adaptionen den Schöpfer ins Zentrum stellen – seine Schuld, seine Hybris, sein Scheitern –, verschiebt „Poor Things“ den Fokus auf die Kreatur. Bella ist kein Monster, das Rache sucht, sondern eine Frau, die Autonomie beansprucht. Der Doktor wird nicht zum Bösewicht, sondern zur tragischen Figur, die erkennen muss, dass Kontrolle über ein bewusstes Wesen unmöglich ist.

Verwandte Filme

  • „Ex Machina“ (2015): Künstliche Intelligenz als Gefangene ihres Schöpfers – ähnliche Machtdynamik, aber technologisch statt biologisch.
  • „Splice“ (2009): Genmanipulation und Hybridwesen – stärker im Horror-Genre verortet.
  • „The Bride of Frankenstein“ (1935): Die Braut als erstes Beispiel einer weiblichen „Kreatur“ im Kino – „Poor Things“ kann als radikale Neuerzählung dieser Tradition gelesen werden.

Symbolik und Motive: Wasser, Brücke, Stadt

„Poor Things“ ist reich an wiederkehrenden Motiven, die Bellas inneres Wachstum nach außen kehren.

Wasser und Schifffahrt

Die geschichte beginnt mit einer Brücke – der Sprung in die Themse, der Tod und Wiedergeburt markiert. Das Schiff wird zum Ort des Übergangs: zwischen dem geschlossenen Haus und der offenen Welt, zwischen Kindheit und Erwachsensein. Das Meer ist nicht nur Hintergrund, sondern Symbol für das Unbekannte, das Bella anzieht und nicht fürchtet. In einem Moment steht Bella an der Reling und blickt in einen Himmel, der in surrealen Farben leuchtet – ein Bild, das Freiheit und Überwältigung zugleich ausdrückt.

Städte als Bewusstseinsstationen

Jede Stadt auf Bellas Reise korreliert mit einer Phase ihrer Entwicklung: London ist Kindheit und Kontrolle, Lissabon Sinnlichkeit und Entdeckung, Paris Konfrontation mit Ausbeutung, Alexandria Erkenntnis über globale Ungleichheit. Diese Verknüpfung von Ort und innerem Zustand ist ein klassisches Mittel des Bildungsromans – hier filmisch umgesetzt durch Farbdramaturgie und Produktionsdesign.

Die Brücke als Motiv

Die Brücke, von der die schwangere Frau am Anfang springt, ist nicht nur Handlungsauslöser, sondern symbolischer Rahmen: Sie steht für Übergang, Transformation und den schmalen Grat zwischen Tod und Neuanfang. Am Ende des Films kehrt Bella gewissermaßen an diesen Ausgangspunkt zurück – nicht physisch, aber in ihrem Verständnis davon, wer sie war und wer sie geworden ist.

Ein dramatischer Blick über ein stürmisches Meer bei Sonnenuntergang, wo ein Dampfschiff durch die hohen Wellen fährt. Der Himmel erstrahlt in surrealen Orange- und Violetttönen, die eine eindrucksvolle Kulisse für dieses beeindruckende Schauspiel der Natur bilden.

Kontroversen um Männlichkeitsbilder im Film

Eine der hartnäckigsten Debatten um „Poor Things“ betrifft die Darstellung der männlichen Figuren. Männliche Figuren im Film sind schwach und weinerlich dargestellt – Duncan heult, Godwin stirbt, Max ist passiv. Diese Darstellung ist absichtlich: Der Film dreht die konventionelle Geschlechterdynamik um. Statt Frauen als Objekte männlicher Handlungsmacht zu zeigen, werden die Männer zu Randfiguren, deren Ansprüche an Kontrolle und Besitz scheitern.

Zwei Lesarten

  • Feministische Satire: Die Schwäche der Männer ist kein Defizit des Drehbuchs, sondern bewusste Umkehrung. Jahrhundertelang wurden Frauen im Film auf stereotype Funktionen reduziert – „Poor Things“ macht dasselbe mit den Männern und zwingt das Publikum, die eigene Erwartung zu hinterfragen.
  • Vereinfachung: Andere argumentieren, dass die Reduktion männlicher Figuren auf Karikaturen die Analyse von Geschlechterverhältnissen nicht vertieft, sondern vereinfacht. Wenn alle Männer lächerlich sind, fehlt die reibungsvolle Differenzierung.

Beide Lesarten haben ihre Berechtigung – und die Tatsache, dass der Film sie beide zulässt, spricht für seine Vielschichtigkeit.

Internationaler Vertrieb und Fassungen

„Poor Things“ erhielt in den USA ein R-Rating, im deutschsprachigen Raum eine Freigabe ab 16 Jahren (FSK 16). In verschiedenen Ländern gelten unterschiedliche Altersfreigaben, abhängig von den jeweiligen Rating-Regimen und kulturellen Empfindlichkeiten.

Heimkino und Streaming

Die Heimkino-Veröffentlichung erfolgte in den USA ab dem 27. Februar 2024 digital, ab dem 7. März 2024 auf Hulu als Streaming-Angebot und ab dem 12. März 2024 auf Blu-ray und DVD. Das Bonusmaterial umfasst unter anderem Deleted Scenes, Featurettes zur Produktion und einen Audiokommentar. Wer den Film im Browser streamen möchte, findet ihn je nach Region auf verschiedenen Plattformen. Hinweise auf größere Schnittunterschiede zwischen den internationalen Fassungen gibt es nicht – die Laufzeit ist weltweit weitgehend identisch.

Einfluss und mögliche Nachwirkungen auf das Kino

Die Auswirkungen von „Poor Things“ auf das zeitgenössische Kino zeichnen sich in mehreren Bereichen ab:

  • Genre-Hybridisierung: Der Erfolg des Films zeigt, dass Genregrenzen kein Publikumshindernis sein müssen. Surrealismus, Erotik, Philosophie und Humor können in einem einzigen Film koexistieren – und von der quality des Ergebnisses profitieren.
  • Kostümfilm als politisches Feld: „Poor Things“ beweist, dass historische Settings nicht nostalgisch sein müssen. Die viktorianische Kulisse wird zur Bühne für aktuelle Debatten über Geschlecht, Arbeit und Macht.
  • Weibliche Autonomie im Mainstream: Nach „Barbie“ und „Poor Things“ dürfte die Darstellung weiblicher Selbstfindung – jenseits romantischer Komödien – im Mainstream-Kino zunehmen.

Emma Stone und Yorgos Lanthimos haben bereits weitere gemeinsame Projekte angekündigt. Der Erfolg von „Poor Things“ verschafft beiden die kreative Freiheit, weiterhin riskante, unkonventionelle Stoffe zu verfolgen.

Fazit: Warum „Poor Things“ für Filmfans und Filmstudierende wichtig ist

„Poor Things“ ist kein Film, den man einfach konsumiert und vergisst. Er fordert heraus – visuell, intellektuell, emotional. Ein feministischer Bildungsroman im Gewand eines surrealen Frankenstein-Märchens, ein Werk, das Genregrenzen sprengt und seinen Zuschauer gleichzeitig zum Lachen, Nachdenken und Unbehagen bringt.

Für Filmstudierende bietet der Film ein Kompendium filmischer Mittel, das seinesgleichen sucht: von der subjektiven Kamera über die Farbdramaturgie bis zum Kostümdesign, von der Frage nach dem „male gaze“ bis zur politischen Satire. Die Menschen, die sich beruflich oder akademisch mit Film beschäftigen, finden in „Poor Things“ Material für Semester ganzer Seminare. Wer sich tiefer in die verwendeten Techniken einarbeiten möchte, findet im Filmlexikon weiterführende Artikel – unter anderem zu Yorgos Lanthimos, dem Frankenstein-Motiv im Film, Mise en Scène und Kostümdesign.

Dieser Beitrag versteht sich als analytischer Leitfaden – aber kein Leitfaden ersetzt das Sehen. „Poor Things“ ist ein Film, der sich bei jedem Wiedersehen neu erschließt. Die Empfehlung lautet: Sehen, diskutieren, wieder sehen. Und dann die eigenen Fragen stellen – so, wie Bella es tun würde.

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